Lokalsport

Mit vier Fingern gegen die ganze Welt

E-Sports Der Unterensinger Danio Acri ist professioneller „FIFA“-Spieler. Im Herbst kämpft der 34-Jährige, der bei „Euronics Gaming“ unter Vertrag steht, auf der Playstation um den begehrten WM-Titel. Von Max Pradler

Voll in seinem Element: „FIFA“-Profi Danio Acri. Foto: Milena Acri
Voll in seinem Element: „FIFA“-Profi Danio Acri. Foto: Milena Acri

Zu Hause auf dem Sofa sitzen und mit Videospielen sein Geld verdienen - diesen Traum haben vermutlich so einige Jugendliche. Für Danio Acri ist dieser Wunsch vor knapp einem halben Jahr in Erfüllung gegangen, wenn auch eher ungeplant.

Ein begeisterter Playstation-Zocker war der 34-jährige Unterensinger zweifellos schon immer. Als der Spielehersteller „EA Sports“ dann aber im Jahr 2017 mit dem neuesten „FIFA“-Ableger, dem weltweit beliebtesten Fußball-Videospiel, einen virtuellen Meilenstein auf den Markt brachte, veränderten sich auch die Spiel-Gewohnheiten von Danio Acri. „Plötzlich konnte man in einem neuen Wettkampfmodus von daheim aus online gegen Spieler aus aller Welt antreten, das hat meinen Ehrgeiz nochmals richtig angestoßen“, schildert der Italiener. Mittlerweile läuft das professionelle Daddeln unter der internationalen Bezeichnung „E-Sports“ und ist weit mehr als nur eine Randsportart (siehe Info-Artikel).

Danio Acri ist inzwischen längst fester Bestandteil der deutschen E-Sport-Szene. Diesen Status jedoch hat er sich über Jahre hinweg hart erarbeiten müssen. Mit teilweise bis zu 40 Stunden pro Woche vor dem Bildschirm kämpfte sich frühere Kicker des TSV Wendlingen in der Rangliste Schritt für Schritt nach oben. „Jedes Wochenende finden offizielle Ranglistenspiele gegen zufällig ausgewählte Gegner statt. Je mehr Siege man einfährt, desto schneller klettert man nach oben. Dadurch kann man sich dann auch für die Preisgeld-Turniere qualifizieren“, erklärt Acri den beliebten Modus, bei dem allein in Deutschland wöchentlich rund zwei Millionen Teilnehmer mitmachen.

Auf Augenhöhe mit den Besten

Anfang des Jahres dann erhält der 34-Jährige plötzlich eine Nachricht eines Spieleragenten - vergleichbar mit einem üblichen Scout im Sport, der nach talentierten Spielern sucht: „Meine Ergebnisse haben ihn scheinbar beeindruckt. Er machte mir ein Angebot, künftig für ‚Euronics Gaming‘ zu spielen.“ Acri, der unter dem Gamer-Namen „Disciplee“ antritt, fackelt nicht lange und unterschreibt einen Vertrag bei dem bekannten Elektrofachmarkt, der als Hauptsponsor agiert. „Unternehmen sehen im E-Sports-Markt mit weltweit rund 90 Millionen Spielern riesiges Potenzial. Da will natürlich jeder mitmischen“, weiß der Inter-Mailand-Fan. Seit Acri für Euronics die Tasten drückt - im Einsatz sind stets beide Daumen und Zeigefinger -, ist sein Bekanntheitsgrad in der Szene noch einmal stark gestiegen. Zwar habe sich für ihn hinsichtlich des Zockens dadurch nichts verändert, die Rahmenbedingungen jedoch ermöglichen nun ein deutlich professionelleres Vorgehen. „Das ist ähnlich wie beim Tennis“, vergleicht Acri, „du kannst auch als Einzelkämpfer erfolgreich sein, aber mit Sponsoren öffnen sich da einfach weitaus mehr Türen“. Zusätzlich zur finanziellen Unterstützung, stellt Euronics ihm seitdem nicht nur die modernste Hardware zur Verfügung, sondern pflegt auch die Kontakte auf den Social-Media-Kanälen. „Das ist eine Win-Win-Situation. Mein Team und der Sponsor greifen mir unter die Arme und ich versuche so viele Erfolge wie möglich unter deren Namen einzufahren“, schildert Acri, der inzwischen auch als Mannschaftskapitän und Trainer für andere Spieler fungiert.

Seit einigen Wochen hat der gelernte Fitnesscoach und Kaufmann sogar seinen eigenen Videokanal auf der Plattform „Twitch“. „Von alleine hätte ich das vermutlich nicht gemacht, aber durch die Kooperation will ich das Ganze jetzt noch viel professioneller aufziehen.“ Sitzt er nun zu Hause an der Konsole und trainiert im direkten Duell gegen die weltbesten Spieler oder das Computerprogramm, wird das Spektakel per Livestream ins Internet übertragen. Wer glaubt, dass es dabei nur ums pure Daddeln geht, liegt falsch. Immer wieder stoppt Danio Acri das Bild und zeichnet digitale Linien und Kreise auf den Monitor, um jede kleinste Bewegung und jeden Spielzug zu analysieren. „Man muss das Spiel lesen können“, sagt er. Regelmäßig erhält der Unterensinger sogar Anfragen von Leuten aus seiner Community, die ihn kostenpflichtig für Trainingsstunden buchen wollen. „Auch hier ist es vergleichbar mit einer physischen Sportart: Mit normalem Training kann man weit kommen, wenn man sich aber individuell noch Unterstützung sucht, kann man weit mehr rausholen“ sagt Acri. Seine „Lehrlinge“ umfassen sogar mehrere Generationen - der jüngste ist 13, der älteste 54.

Im Herbst geht Acri bei der FIFA-E-Sports-Weltmeisterschaft an den Start. Zunächst müssen sich die Teilnehmer dabei online von zu Hause aus für das Finale qualifizieren. Wer das schafft, spielt in Mailand in direkten Duellen vor Ort um den begehrten WM-Titel. Preisgeld: insgesamt 250 000 Dollar. Danio Acri rechnet sich Chancen aus: „Ich sehe mich auf Augenhöhe mit den Weltbesten. Da entscheidet dann die Tagesform.“

Dass der smarte Italiener neben seinem Hauptberuf zuhause auch noch Frau und zwei Kinder hat, kommt ihm bei all der Zockerei nicht in die Quere: „Meine Frau unterstützt mich voll und ganz. Während andere abends zur Entspannung in die Kneipe gehen oder Netflix schauen, sitze ich eben noch etwas vor der Konsole. Das ist für sie in Ordnung“. Wohlwissend, dass die Playstation trotz des mittlerweile vorhandenen Profi-Status‘ bei weitem nicht mehr so viel Zeit frisst wie früher. „Vor einigen Jahren war ich noch verbissener, inzwischen sehe ich das alles aber viel entspannter. Im Vordergrund steht bei mir immer eine gesunde Play-Life-Balance.“

Mehr als nur ein Trend: Die E-Sport-Branche boomt

Unter E-Sports (elektronischer Sport) versteht man im Allgemeinen das organisierte, wettkampfmäßige Spielen von Videospielen am PC oder auf der Konsole.

Die Anzahl der Zuschauer beträgt aktuell rund 470 Millionen weltweit - Tendenz steigend. Auch die Preisgelder wachsen seit Jahren an. Den Rekord hält die Turnierreihe „The International“ des Strategie-Spiels „Dota 2“ mit einem Preisgeld von über 34 Millionen US-Dollar - das ist mehr als vergleichsweise beim Champions-League-Finale oder beim Tennis-Turnier in Wimbledon ausgeschüttet wird. Der weltweite Umsatz der E-Sport-Szene lag 2019 bei über einer Milliarde US-Dollar. max

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