Lokalsport

Mitten ins Herz

Bei den Knights sind Nehmerqualitäten gefordert

Der Blickwinkel ist immer eine Frage des Standpunkts. Was die Einordnung des Basketball-­Dramas am Samstag gegen Gotha betrifft, scheinen die Knights und ihre Fans eine ähnliche Perspektive zu verbinden. Nach dem Knockout in der Schluss­sekunde gab es stehende Ovationen auf den Rängen.

Seit Wochen einer der Beständigsten im Kirchheimer Team: Keith Rendleman (links) im Zweikampf mit Gothas Carlton Guyton. Foto: G
Seit Wochen einer der Beständigsten im Kirchheimer Team: Keith Rendleman (links) im Zweikampf mit Gothas Carlton Guyton. Foto: Genio Silviani

Kirchheim. In Momenten größter Schmerzen schadet ein schlauer Satz nie: Die Tragödie als klassische Schauspielgattung definiert sich bekanntlich durch die Fallhöhe zum Zeitpunkt der Katastrophe. Einfacher ausgedrückt: Die knapp 1 300 Zuschauer am Samstagabend in der Sporthalle Stadtmitte haben großes Theater erlebt. Und sich dabei als durchaus fachkundiges Publikum erwiesen. Wie der Läufer, der Zentimeter vor der Ziellinie die Arme in die Höhe reißt, während sein Gegner auf der Nebenbahn im letzten Moment an ihm vorbeizieht, standen sie drunten auf dem Parkett und mussten sich feiern lassen. Tragische Helden mit hängenden Köpfen. Danach zumute war keinem in diesem Moment. Aus dem Beifall von den Rängen sprach Trotz, aber wohl auch die Erkenntnis, die Kirchheims Übungsleiter Michael Mai anschließend so formulierte: „Wir haben gegen eines der stärksten Teams dieser Liga das Spiel 39 Minuten lang kontrolliert.“ In der Sprache des Amerikaners hätte sich dieser Satz fortsetzen lassen: So what?

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Elf Spieltage sind durch, sieben Siege auf dem Konto, Platz vier in der Tabelle. Das eigentlich Bemerkenswerte: Bei den bisherigen vier Niederlagen waren die Kirchheimer nicht unbedingt schlechter als der Gegner. Ein Richie Williams in Normalform und eine durchschnittliche Freiwurfquote hätten am Samstag gereicht, um den nächsten Großkopferten der Liga mit einem blauen Auge nach Hause zu schicken und sich hinter Jena und Vechta vorne einzunisten. Williams verlor das Duell der beiden Spielmacher gegen Guyton klar. Zwar steuerte der 28-Jährige erneut sechs Assists bei, leistete sich in entscheidenden Momenten allerdings zu viele Ballverluste und ungewohnte Wurfschwächen. Nur zwei seiner insgesamt 16 Versuche aus dem Feld saßen.

Nun wird Michael Mai nicht dafür bezahlt, dem Status quo zu huldigen, sondern die Mannschaft im Rahmen ihrer Möglichkeiten maximal voranzubringen. Leise daran zu erinnern, dass der Rutsch auf Platz vier nach Kirchheimer Maßstäben kein Beinbruch sein kann, ist dennoch sein gutes Recht. Zumal seine Mannschaft am Samstag zwar keinen Glanztag erwischte, aber dennoch tat, was sie in bisher allen Spielen ausgezeichnet hat: Sie hat dem Gegner Fesseln angelegt und bei Notwürfen aus großer Distanz dem Glück ausgeliefert. Eine Rechnung, die bisher meist aufging. Nur Tabellenführer Jena hat in dieser Saison weniger Punkte kassiert als die Ritter aus der Teckstadt. Wenn dem Erfolg etwas im Wege stand, dann meist mangelnde Wurfausbeute. Bei allen bisherigen vier Niederlagen lag die Gesamtwurfquote aus dem Feld bei deutlich unter 40 Prozent. Zum Vergleich: Beim Überraschungserfolg Mitte Oktober in Vechta fand mehr als die Hälfte aller Kirchheimer Würfe den Weg durch den Ring. „Daran müssen wir arbeiten“, sagt Michael Mai. „Physisch und mental.“

Eine Entwicklung, die sich automatisch vollzieht, je weiter die Zeit fortschreitet. Das zumindest glaubt Christoph Schmidt. Für den Knights-Geschäftsführer wiegt die stabile Defensive schwerer als die bisher offenbarten Offensivschwächen. „Unser Verletztenproblem hat sich auf die Offensive stärker ausgewirkt“, sagt Schmidt, der davon ausgeht, dass sich die Mannschaft mit zunehmender Saisondauer auch in diesem Bereich stabilisiert. „Die Verteidigung ist das, worüber wir uns in dieser Saison definieren wollten,“ meint er. „Das ist uns bis hierher gut gelungen.“

„Ich verliere lieber mit zwanzig Punkten als so“

Der Leitwolf bei den Knights: Teamkapitän Richie Williams
Der Leitwolf bei den Knights: Teamkapitän Richie Williams

Richie, wie würden Sie beschreiben, was sich am Samstag nach dem Spiel in der Kabine abgespielt hat?

Williams: Es war sehr still. Natürlich waren alle furchtbar frustriert. Ich habe den Jungs gesagt, dass wir trotzdem stolz sein können, und dass wir uns auf das konzentrieren müssen, was bis Weihnachten vor uns liegt. Ich habe mich auch für meine Leistung an diesem Abend entschuldigt. Mein Job ist es, den Rhythmus zu bestimmen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ich weiß, dass ich das in diesem Spiel nicht immer gut gemacht habe. Das habe ich der Mannschaft gesagt.

Man hatte gegen Ende den Eindruck, Sie wollten das Spiel ganz alleine aus dem Feuer reißen. Wie schon die Spiele zuvor, gab es kaum Erholungspausen. Ist der Druck, der auf Ihnen lastet, manchmal zu groß?

Williams: Überhaupt nicht. Ich stecke in dieser Rolle schon seit ich angefangen habe, Basketball zu spielen und war damit, das kann ich guten Gewissens sagen, auch meist erfolgreich. Ich kann mit diesem Druck umgehen, das ist für mich kein Problem.

Wie haben sie die Schlussminuten am Samstag erlebt. Was lief schief in der Crunchtime?

Williams: Zwei Dinge: Wir haben das, was uns das ganze Spiel ausgezeichnet hat, nicht bis zum Ende durchgehalten. Wir haben in den letzten Minuten nicht gut genug verteidigt, waren nicht eng genug dran, haben dem Gegner offene Würfe ermöglicht. Auf der anderen Seite haben wir selbst schlecht abgeschlossen. Man muss aber sagen, wir hatten schon früher genügend Möglichkeiten, das Spiel für uns zu entscheiden.

Viele halten den derzeitigen Tabellenplatz der Knights für eine Überraschung. Gilt das auch für Sie oder steht die Mannschaft Ihrer Meinung nach dort, wo sie hingehört?

Williams: Für mich steht außer Zweifel, dass wir zu Recht unter den besten vier Teams in der Pro A stehen. Wir haben von den bisher vier verlorenen Spielen zwei durch Buzzer­beater in letzter Sekunde verloren. Ich finde, das sagt am meisten aus über unsere Leistung.

Am Samstag in Nürnberg könnte die Mannschaft zum ersten Mal überhaupt in dieser Saison in Bestbesetzung auflaufen. Was versprechen Sie sich davon?

Williams: Man sollte diese Tatsache nicht überschätzen. Für Andi (Center Andreas Kronhardt, Anm. d. Red.) ist es das erste Spiel nach langer Pause. Man darf auf ihn nicht gleich Druck ausüben und erwarten, dass er sofort wieder der ist, der er vor seiner Verletzung war.

Wie lange braucht man als Spieler, um so eine Niederlage zu verdauen? Wie haben Sie den restlichen Abend am Samstag verbracht?

Williams: Es dauert lange, bis man runterkommt. Ich verliere lieber mit 20 Punkten als so. Ich bin ziemlich schnell aus der Halle nach Hause, habe noch etwas fern geschaut und wie immer nach Spielen mit meiner Mutter und meinem Bruder in den USA telefoniert. Die haben beide das Spiel verfolgt. Für mich ist das immer der beste Weg, nach so einem Abend Ruhe zu finden.