Lokalsport

Neuer Dress, neue Ziele

Tobias Unger denkt zu Beginn des Olympiajahres noch lang nicht ans Aufhören

Die Hallensaison mit der WM in Istanbul vor Augen, die Europameisterschaft und die Olympiade im Sinn – Tobias Unger steht am Anfang eines Jahres, das ihm im Herbst seiner Karriere gleich mehrere Chancen zum Vergolden derselben bietet. Dabei denkt der 32-jährige Neu-Stuttgarter erstmals auch über 2012 hinaus.

Leichtathlet Tobias Unger
Leichtathlet Tobias Unger

Kirchheim. Aus der Kurve herausbeschleunigen, um auf der Zielgeraden genug Tempo für ein starkes Finish zu haben – für einen Sprinter wie Tobias Unger das täglich Brot. Und doch bekommt dieses Credo anno 2012 für den Kirchheimer eine ganz besondere Bedeutung. Schließlich muss sich Unger mit seinen 32 Jahren allmählich auf den Endspurt seiner Karriere einstellen. Wie lang der jedoch sein wird, weiß der 13-fache deutsche Meister selbst noch nicht. War bislang immer von der Olympiade in London als Schlussakkord der „Schwabenpfeil-Oper“ die Rede, denkt Unger erstmals laut über eine Fortsetzung seiner Laufbahn nach 2012 nach. „In zwei Jahren ist die EM in Zürich, das wäre doch auch ein schöner Abschluss“, sagt er mit dem für ihn so typischen Lausbubengrinsen.

So redet keiner, der Ende des Jahres die Spikes an den Nagel zu hängen gedenkt, im Gegenteil. Tobias Unger wirkt vor Beginn der Hallensaison, die er am kommenden Wochenende mit den baden-württembergischen Meisterschaften in Karlsruhe einläutet, motivierter denn je. Das liegt zum einen daran, dass er im Vergleich zum Vorjahr beschwerdefrei(er) über die Weihnachtszeit gekommen ist. „Ich hatte zwar leichte Probleme mit dem Oberschenkel, bin aber insgesamt fitter als letztes Jahr“, sagt er. Weiteren Ansporn liefert der rote Dress des VfB Stuttgart, den er bekanntlich seit Anfang Dezember trägt.

Ob und wie sehr die Rückkehr ins Schwabenland neue Kräfte freisetzt, bleibt abzuwarten, zumal Unger während seiner zwei Jahre bei der LG Stadtwerke München ohnehin die meiste Zeit in Kirchheim und Stutt­gart trainiert hatte. Unabhängig davon scheint er sich in der Rolle des verlorenen Sohnes nicht unwohl zu fühlen. „Ich bin froh, wieder für einen baden-württembergischen Verein zu starten“, versichert er.

Beim VfB wird man das mit Genugtuung hören, hatten sich die Verantwortlichen am Cannstatter Wasen im Laufe der Jahre doch mehrfach um Unger bemüht. Nachdem es im Dezember endlich mit dem Transfer geklappt hatte, verfügt die Leichtathletikabteilung der Roten plötzlich über zwei der stärksten deutschen Sprinter. Schließlich ist auch Ungers Trainingskollege Alex Schaf, der 2011 mit 10,20 Sekunden bundesweit schnellster 100-Meter-Läufer war, beim VfB unter Vertrag. Ein solches Top-Duo weckt Begehrlichkeiten, wie VfB-Boss Dieter Göggel schon bei Ungers Vertragsunterzeichnung verkündete. „Die DM-Titel über 100 und 200 Meter, eine Medaille in der Staffel und die Qualifikation für die Olympischen Spiele in London.“

Das erste vereinsinterne Duell zwischen Schaf und Unger auf Wettkampfebene wird es am kommenden Samstag geben, wenn Unger und Schaf in Karlsruhe über 60 Meter (Vorläufe 12.30 Uhr/Finale 15.30 Uhr) an den Start gehen. Dabei nehmen sie genauso wie ihr Trainingskumpan Marius Broening (LAV Tübingen) erstmals die Norm für die Hallen-WM ins Visier. Um sich vom 9. bis 12. März in Istanbul mit den besten der Welt messen zu dürfen, müssen 6,62 Sekunden geknackt werden. „Schwierig, aber machbar“, befindet Tobias ­Unger, der in den vergangenen vier Jahren Zeiten zwischen 6,62 und 6,64 Sekunden als Hallenbestmarken aufweisen konnte. Sein Hausrekord von 6,60 Sekunden datiert aus dem Jahr 2005. Im Gegensatz zu früheren Jahren, als er nach Erreichen der Normen für Hallen-EM oder -WM zu­gunsten der Freiluftsaison auf Starts bei internationalen Indoor-Titelkämpfen verzichtete, würde Unger heuer beim Hallen-Highlight am Bos­porus antreten. „Wenn ich die Norm schaffe und verletzungsfrei bleibe, würde ich schon gern nach Istanbul fahren. Ich bin heiß auf die WM.“

Chancen aufs Türkei-Ticket bieten sich nach den Landesmeisterschaften noch genug. Am 21. Januar steigt das Sindelfinger Hallenmeeting, für das sich auch der aktuell schnellste deutsche 60-Meter-Mann angesagt hat: Christian Blum vom TV Wattenscheid ist vergangene Woche mit einer 6,71 in die Saison eingestiegen. „Das wird ein echter Härtetest“, weiß Unger, der als fixe Hallentermine noch die Meetings in Chemnitz (27. Januar) und Düsseldorf (10. Februar) festgezurrt hat, ehe es am 25./25. Februar nach Karlsruhe zur Hallen-DM geht. Dort will er nach Möglichkeit auch um den Titel über 200 Meter mitlaufen, die er unterm Hallendach zum letzten Mal im Februar 2011 beim Sparkassen-Cup in Stuttgart absolviert hat. Angst um die in den vergangenen Jahren immer wieder lädierte Achillesfersen hat er dabei nicht. „Im Training klappt das ja auch, warum sollte es dann im Wettkampf schief gehen?“ Getreu dieses Mottos ist am Wochenende in Karlsruhe auch ein Start über 200 Meter und mit der Staffel geplant.

Abseits aller Wettkampfplanungen feilt Unger zureit auch noch eifrig an seinem Uni-Abschluss. Um seinen Bachelor zu erhalten, muss er nur noch die entscheidende 40-seitige Arbeit verfassen und die mündliche Prüfung ablegen. Beides will er möglichst gleichzeitig mit dem Ende der Hallensaison vom Tisch haben, um sich voll und ganz der Freiluftsaison widmen zu können. Dort warten mit der Europameisterschaft in Helsinki (27. Juni bis 1. Juli) und der Olympiade in London (3. bis 12. August) gleich zwei Top Events. „Das ist auf jeden Fall eine schwierige Saison“, zollt Unger dem Terminplan Respekt.

Um optimal vorbereitet zu sein, geht‘s vom 14. bis 24. März mit der Nationalmannschaft ins Aufbautrainingslager nach Teneriffa, wo es ihn Anfang April mit der Kirchheimer Trainingsgruppe um Micky Corucle erneut hinzieht. Nach nur zwei Tagen zu Hause steht dann von 15. April bis 6. Mai ein DLV-Trainingslager in ­Orlando/Florida auf dem Programm, ehe Ende Mai die ersten Freiluftwettkämpfe warten. Spätestens dann wird sich zeigen, ob Unger ein Kandidat für EM und Olympia ist und ob sein Karriere-Endspurt womöglich über London hinaus führt. „Das hängt natürlich auch vom Saisonverlauf und meiner sportlichen Zukunft beim VfB ab“, sagt er.

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