Lokalsport

Notzingens neue Leidenschaft

Radsport Die Gemeinde ist am Samstag zum ersten Mal Gastgeber beim Finale um den Heuer-Cup. Bei der Premiere des Rundstreckenrennens ist Baden-Württembergs Amateur-Elite am Start. Von Bernd Köble

Renn-Premiere am Samstag: Der Heuer-Cup macht erstmals in Notzingen Station.Foto: Uli Hugger
Renn-Premiere am Samstag: Der Heuer-Cup macht erstmals in Notzingen Station.Foto: Uli Hugger

Es gibt hier weder Verein noch Tradition, und trotzdem wird Notzingen am Samstag zum Radsport-Mekka für einen Tag. Als Gastgeber auf der zehnten und letzten Etappe des Heuer-Cups, der größten Rennserie für Nachwuchs und Elite-Amateure im Land, steht die Bodenbach-Gemeinde mit ihrem Ortsteil Wellingen in einer Reihe mit Klassikern wie Schönaich oder Reute. Das 1. Notzinger Rundstreckenrennen kürt auf einer 4,9 Kilometer langen Schleife in und um Wellingen die Gesamtsieger der Cup-Serie und ist gleichzeitig offizielle baden-württembergische Team-Meisterschaft.

Wer wissen will, wie es dazu kam, der muss ein Jahr zurückblättern: zum 26. August 2018, als 3500 Hobbyradler am Schlusstag der Deutschland-Tour auf den Spuren der Profis durch die Region rund um Stuttgart rollten. Das Jedermann-Rennen im Begleitprogramm der Tour führte auch durch Notzingen. Joachim Heuer war auf dem Rennrad dabei und restlos begeistert: „Hier standen die meisten und lautesten Zuschauer an der Strecke,“ erinnert sich der radsport-verrückte Organisator und Mäzen, der dem Heuer-Cup im zweiten Jahr seinen Namen gibt. „Notzingen hat mich begeistert.“ Das Publikum, die Topographie und letztlich auch die Tatsache, dass Heuer seinen Firmensitz im benachbarten Wernau hat, warfen die Frage auf: Warum also nicht hier?

Trotzdem sah es so aus, als scheiterte das Projekt, als Heuer im Oktober vorigen Jahres erstmals bei der Verwaltung anfragte. Straßenbauprojekte ohne klaren Zeitplan bedeuteten zunächst das Aus. Vor acht Wochen nun die Nachricht: Es geht doch. Von da an galt, was Heuer seinem erst im Oktober gegründeten Ausrichterverein als Namen ins Register tippte: Vollgas - Kette rechts. „Es war schon ein Kraftakt“, gesteht der 51-jährige Organisator, der nicht nur hinter den Kulissen die Fäden zieht, sondern selbst mit anpackt, wenn es wie in den vergangenen Tagen heißt: Strecke ausschildern, Absperrungen anbringen. Rund 100 Helfer sind in Notzingen rund ums Rennen im Einsatz. Heuer spricht lieber von „200 Händen“, weil er gelernt hat, dass man im Radsport nur weiterkommt, wenn man „maximal positiv denkt.“

Die Zuschauer dürfen sich auf ein packendes Rennen auf einem schweren Kurs freuen. 14 Runden drehen die Fahrer im Hauptrennen. Auf den 70 Kilometern bis zu Start und Ziel vor dem Notzinger Rathaus warten 1400 Höhenmeter. Von dort geht es auf der Kreisstraße bergan in Richtung Roßwälden bis zum Abzweig des Wirtschaftweges, der vorbei am Grillplatz „Vier Linden“ steil hinauf führt. Bis zu 13 Prozent Steigung werden dort im Fahrerfeld die Spreu vom Weizen trennen. Am Ortsrand von Wellingen geht es über die Rechbergstraße anschließend zurück zum Ausgangspunkt. „Auf diesem Kurs wird es sicher keinen Überraschungssieger geben“, ist der Sportliche Leiter Marc Benkert überzeugt. „Wir haben sogar kurz überlegt, ob wir eine baden-württembergische Bergmeisterschaft draus machen.“

Fischer hat Gesamtsieg sicher

Bis zu 70 Fahrer werden allein im Hauptrennen ab 17 Uhr erwartet, darunter fast die komplette baden-württembergische Elite im Amateur-Radsport. Namen wie Jonas Tenbruck und Marcel Fischer vom alles dominierenden Team Belle Stahlbau, das in der Gesamtwertung uneinholbar in Führung liegt. Aber auch altbekannte Routiniers wie Steffen Greger und Andi Mayr, die mit Teamkollege Jonas Schmeiser inzwischen für den RSC Kempten am Start sind. Gäste aus dem Ausland gibt es auch: Die Mannschaft von Sparta Prag schickt gleich acht Fahrer ins Rennen.

Etwas überschaubarer ist mit etwa 30 Starterinnen das Feld bei den Frauen um die Gesamtführende Jasmin Rebmann (Team Belle Stahlbau). Der Schwarzwälderin, die im August bereits den Rems-Murr-Pokal gewonnen hat, ist der Gesamtsieg ebenfalls nicht mehr zu nehmen. In Notzingen geht es am Samstag in beiden Hauptklassen also ums Tagespodium.

Der Sieger der ersten beiden Rennen in Schönaich und Münsingen war außer Konkurrenz übrigens ein Weilheimer: Jannik Steimle, der heute in einer anderen Liga fährt, schickt am Samstag Ersatz aus der Familie: Seine jüngere Schwester Ina ist in der U17 am Start.

„Individualität wird leider immer wichtiger“

Wo Arbeit wartet, packt Joachim Heuer selbst mit an.
Foto: Carsten Riedl

Kirchheim. Der Radsport kämpft sich aus dem Dopingsumpf der vergangenen Jahrzehnte mühsam zurück ins Rampenlicht. Die Deutschlandtour ist zurück auf der Bühne und mit ihr begeisterte Fans. ARD und ZDF sind an den wichtigsten Rennstrecken wieder live dabei und mit Emanuel Buchmann ist ein Deutscher dieses Jahr in Paris erstmals wieder in die Weltspitze vorgedrungen. Talente im Amateurbereich profitieren allerdings kaum von diesem Trend, obwohl sie am Imageschaden die geringste Schuld trifft. Woran das liegt, wollten wir von Rennveranstalter Joachim Heuer wissen.

Herr Heuer, hat der Amateur-Radsport ein ernsthaftes Problem?

Das möchte ich so nicht sagen. Wir haben nach wie vor tolle Veranstaltungen an vielen Orten. Die Sportlerzahlen sind rückläufig, das stimmt. Bei den Aktiven macht sich das weniger bemerkbar, im Nachwuchsbereich schon eher.

Was ist der Grund?

Das hat wohl mehrere Gründe. Radsport ist ein zeitintensiver Sport. Kinder und Jugendliche sind immer früher Druck durch Schule und Studium ausgesetzt. Hinzu kommt, dass viele Eltern nicht mehr bereit sind, ihre Kinder im Sport so zu unterstützen wie es nötig wäre. Das gilt leider auch für die Vereine, denen die Leute fehlen, die sich um den Nachwuchs kümmern.

Probleme, die nicht nur der Radsport hat...

Das stimmt. Wenn ich mir jedoch die gewaltigen Teilnehmerzahlen bei Jedermannrennen anschaue, dann gibt es durchaus Potenzial in diesem Sport. Bloß engagiert sich von denen kaum einer im Verein. Individualität und Eigeninteresse werden leider immer wichtiger. Da ist viel Egoismus im Spiel.

Wenn kleinere Rennen sterben, liegt das aber nicht nur am fehlenden Nachwuchs.

Genügend Helfer zu finden, ist ein großes Problem. Das geht nur noch, wenn Vereine es schaffen, sich besser zu vernetzen. In Notzingen sind wir auf eine wunderbare Resonanz gestoßen. Sechs Vereine samt Feuerwehr arbeiten hier Hand in Hand und packen mit an.

Viele Veranstalter klagen über explodierende Kosten und immer mehr Auflagen.

Das mit den Auflagen sehe ich nicht so kritisch, aber so ein Rennen kostet natürlich eine Menge Geld. Wir haben in Notzingen ein Budget von etwa 18 000 Euro, ohne dass darin Personalkosten enthalten wären. Mit 15 Euro Startgeld kommt man da nicht weit. Es gibt generell immer weniger Sponsoren, was auch daran liegen mag, dass auch Unternehmer heute nicht mehr so verwurzelt sind im Verein. Um als Veranstalter langfristig sicher planen zu können, braucht es schon sehr enge Verbindungen.

Wird es in Notzingen 2020 eine Neuauflage geben?

Das ist unsere feste Absicht. Wir spüren hier eine Riesenbegeisterung bis hin zum Bürgermeister. Das ist hier ein Kurs, den die Fahrer lieben. Hammerhart, anspruchsvoll, mitten im Ort bei den Menschen. Zudem ist die Strecke neu. Da kommt auch Neugier zum Tragen.Bernd Köble

Zur Person

Joachim Heuer (51) hat sich in der Metallbranche auf die Fertigung von Präzisionsteilen spezialisiert. Als radsportbegeisterter Unternehmer stellt er in seinem Betrieb in Wernau nebenbei auch hochwertige Laufräder her. Der gebürtige Esslinger war WM-Teilnehmer und deutscher Juniorenmeister im Rudern. Mit seiner Event-Agentur ist er im zweiten Jahr Veranstalter des Heuer-Cups, dem Nachfolger der LBS-Cup-Serie im württembergischen Amateur-Radsport.

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