Lokalsport

Nur das Virus ist am Zug

Schach Die Vereine in der Teckregion stellen sich in Corona-Zeiten auf massive Änderungen ein. Größere Abstände an den Tischen sowie strenge Hygienevorschriften dürften zum Alltag werden. Von Reimund Elbe

Die Figuren dürfte es zwar nicht betreffen, aber Schutzvorkehrungen im Schach werden in Zukunft wohl dazugehören. Foto: Carsten
Die Figuren dürfte es zwar nicht betreffen, aber Schutzvorkehrungen im Schach werden in Zukunft wohl dazugehören. Foto: Carsten Riedl

Der Freitag gilt den Mitgliedern des Schachclubs Kirchheim als heilig. Vereinsabend nennt sich das ebenso traditionelle wie beliebte Treffen. Etliche der über 40 Vereinsangehörigen lockt es regelmäßig ins Ötlinger Haus der Vereine - besser gesagt: lockte. Seit eineinhalb Monaten sind dort die Türen für die Freunde des anspruchsvollen Denksports geschlossen. „Alles unterbrochen“, lautet der ebenso kurze Satz des SCK-Chefs zur Lockdown-Lage, was Training und Ligabetrieb betrifft.

Kein Wunder, dass Tobias Traier einen Hauch von Sentimentalität verspürt, wenn er an der Übungsstätte an der Stuttgarter Straße vorbeifährt. Das vorerst letzte Treffen in physischer Form wirkt für ihn dann wie eine Ewigkeit entfernt. „Die persönliche Begegnung ist beim Schach aber extrem wichtig“, betont Traier.

Doch exakt diese Direktheit am Spieltisch sowie die Enge in den Hallen bei Turnieren mit Tisch-an-Tisch-Anordnung macht Schach in Sachen Virus angreifbar. Für Tobias Traier steht sein Sport deshalb vor einer ganz neuen Zeitrechnung mit massiven Herausforderungen. „Die Gesichtsmaske wird bis auf Weiteres normal sein“, lautet seine erste Prognose für ein mögliches Neustart-Szenario in der Schachszene.

Dass das Bedecken von Mund und Nase allein nicht für ein schnelles und sorgenfreies Comeback reichen dürfte, befürchtet der Schachclub-Vorsitzende zudem. „Schließlich fassen zum Beispiel die Spieler auch die Figuren des Gegners an“, verdeutlicht Traier. Handschuhe könnten somit ein Thema werden, ebenso wie Plexiglasscheiben zwischen den Spielern und Nebentischen.

Sorgen auch in Nabern

Christoph Kandler mag sich an solche Gedanken noch gar nicht so recht gewöhnen. „Ich kenne einige Leute, die sich zum Beispiel mit einer Schutzmaske sehr unwohl fühlen“, sagt der Vorsitzende der Schachfreunde Nabern, zumal ein Akteur bei einem Turnier fast den ganzen Tag hinter dem individuellen Virenschutzschirm verbringen müsste.

Allerdings glaubt auch der Weilheimer Schach-Experte nicht an eine vorgabenlose Rückkehr in den Trainings- und Spielbetrieb. „Was wir im Schach sicherlich brauchen werden, sind größere Abstände zu den Nebentischen und zum Gegner“, betont Kandler. Wer am Zug sei, sollte das Brett vor sich haben, der Widerpart müsse entsprechend zurückweichen. Klare Abstandsmarkierungen könnten helfen. Der Druck, in solch eine bislang gänzlich fremde Gedankenwelt einzutauchen, dürfte größer werden. „Zumal nicht nur unser Vereinsleben gerade eingefroren ist“, wie Chris­toph Kandler ausführt. Bis zum Neustart müsse die Schachszene deshalb dringend praxisnahe Ideen entwickeln.

Zumindest virtuelles Schachspiel mindert derzeit den aktuellen Leidensdruck. Auch die hiesige Szene tummelt sich in den einschlägigen Schachportalen. Virenabwehr spielt in diesem Falle nur für die eigene PC-Software eine gewichtige Rolle. „Pro Abend sind bei uns rund zehn Spieler dabei“, weiß SCK-Chef Tobias Traier. Schachfreunde-Boss Kandler verfällt nicht in Begeisterung. „Klar, zur Not geht das mal“, gibt er sich in Sachen Online-Turnier zurückhaltend. Doch ein Spiel an Brett könnten es nicht ersetzen. Das Umsatteln von den gewohnten Übungsstunden im Bürgersaal des Naberner Rathauses in die digitalen Schachwelten könnte den Nabernern freilich noch blühen, will man die virusbedingt unterbrochenen Kirchheimer Stadtmeisterschaft zu Ende bringen. Eine Online-Variante zum Abschluss schließt mittlerweile niemand mehr aus. Für sich persönlich hat Christoph Kandler derweil eine andere Lösung für die praxislose Zeit gefunden - den Einstieg in die Theorie. „Ich lese jetzt vermehrt Schachliteratur“, sagt er. Wann er das zusätzliche Schachwissen umsetzen kann - niemand weiß es.

„Saison-Hopping“ ist vom Tisch

Der Sport in Corona-Zeiten bringt bisweilen kuriose Geschichten hervor. So wollten jüngst die Vertreter der zweiten Schach-Bundesliga ihrer Zeit voraus sein, indem sie Mitte April die Saison 2019/2020 just zu einer Saison 2019/2021 gemacht hatten - einfach ein Jahr überspringen und schon sind wir viele Sorgen los, so der Grundgedanke. Doch die vermeintlich pfiffige Lösung, ein „Saison-Hopping“ zur Umgehung der Corona-Problematik, pfiffen die Zweitliga-Verantwortlichen nach diversen Diskussionen in der Schachszene zurück. Nun setzen alle auf eine bundesweit einheitliche Lösung, wie mit der unterbrochenen Saison weiter verfahren wird.

In Württemberg bleibt der Schach-Spielbetrieb vorläufig bis 31. Mai ausgesetzt, es sei denn, die baden-württembergische Landesregierung lockert die Vorgaben für den Sportbetrieb.rei

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