Lokalsport

Nur noch eins von dreien

Triathlon Stefan Schumacher hat einen Schlussstrich unter seine Vergangenheit im Radsport gezogen und schlägt ein neues Kapitel auf: Nächste Woche ist der Nürtinger beim Ironman auf Hawaii am Start. Von Bernd Köble

Auf dem Rad ist er noch immer stark, das Laufen und Schwimmen musste er sich im Training hart erarbeiten. Als Triathlet stellt sich Stefan Schumacher nun dem Ironman auf Hawaii. Foto: finisherpix.com

Als er sich im walisischen Tenby an diesem Sonntagabend völlig ausgepumpt die Laufschuhe von den Füßen reißt, beginnen knapp 400 Kilometer weiter nördlich die letzten Vorbereitungen für die Rad-WM in Yorkshire. Stefan Schumacher, WM-Dritter in Stuttgart 2007 und geständiger Doping-Sünder, hat einiges an Distanz zwischen sich und seine Radsport-Vergangenheit gelegt. Zwei Jahre nach seinem offiziellen Karriere-Ende beim drittklassigen Retorten-Team Kuwait-Cartucho stellte sich für ihn die Frage: War’s das oder will ich’s nochmal wissen?

In Schumacher brennt der Ehrgeiz. Das war immer so und das ist bis heute so geblieben. Erfolgreich sein, an Grenzen gehen, den Schmerz bekämpfen - darin war er immer gut. Selbstoptimierung, das bedeutete für seine Generation im Radsport, alle Möglichkeiten auszuschöpfen.

Im Juli ist Stefan Schumacher 38 Jahre alt geworden. Vor zwei Wochen kam sein zweiter Sohn zur Welt. Sein Alltag, sein Leben hat sich dadurch verändert. Auch wenn er längst einen Schlussstrich gezogen hat hinter seine Rad-Vergangenheit, ist der Sport ein wesentlicher Teil geblieben. „Ich habe mich schon immer auch für andere Sportarten interessiert“, sagt Schumacher, der eine neue Herausforderung nun dort sucht, wo Leidensfähigkeit und mentale Stärke wie nirgendwo sonst gefordert ist: im Triathlon.

Am Sonntag vor zwei Wochen kam Schumacher beim Ironman in Wales als Vierter bei den Profis ins Ziel. An diesem Donnerstag geht sein Flug nach Hawaii, wo eine Woche später mit der Langdistanz-WM das größte Ereignis beginnt, das diese Sportart kennt. Die Urversion des Ironman, das ist Marke und Mythos zugleich. Für Schumacher ist es voll allem eines: ein Experiment.

Eines mit ungewissem Ausgang. Mit einem sechsten Platz im Dezember bei den South America Championships in Argentinien hat er auf Anhieb die Quali geschafft. Doch danach kam ein Frühjahr mit vielen Verletzungspausen. Beim Ironman im Juli in Hamburg, der als Testlauf vorgesehen war, zwangen ihn Knieschmerzen vorzeitig vom Rad. Ende August in Dublin folgte ein zwölfter Platz über die Halbdistanz.

Das Rennen in Wales war die Nagelprobe für Hawaii. Der Kurs in Tenby an der Westküste der britischen Insel gilt als einer der schwersten auf der Langdistanz über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und einem abschließende Marathonlauf. 700 Höhenmeter hat allein die Laufstrecke, von der Schumacher sagt: „Hinten raus wäre ich fast gestorben.“ Dass er sich nach knapp über neun Stunden als Vierter ins Ziel retten konnte, hat er seinen Fähigkeiten auf dem Rad zu verdanken. Nach einer mittelmäßigen Schwimmzeit rollte er mit neuem Streckenrekord das Feld von hinten auf und wechselte als Gesamtführender auf die Laufstrecke.

Respekt vor der Hitze

Hawaii ist anders, das weiß er. Im Triathlon-Mekka in Kona werden die Besten der Welt am Start sein, die das Martyrium unter acht Stunden bewältigen. Dort ist nicht die Topographie dein größter Feind, sondern Temperaturen, Wind und Monotonie. Wovor er den größten Respekt hat? „Vor dem Schwimmen und vor der Hitze“, sagt Stefan Schumacher, der daheim schon mal den Rollentrainer vor die Sauna stellt und im Nürtinger Freibad an seiner Problemdisziplin feilt. Seine „Freiwasser-Phobie“, wie er es nennt, hat er nur mit Mühe überwunden. „Das ist wie Radrennen im Feld. Das muss man lernen“, sagt er. „Im Laktat mit den Wellen kämpfen und gleichzeitig die Orientierung behalten, das war anfangs eine Riesenhürde.“ Ein Resultat hat er sich für den 12. Oktober bewusst nicht zum Ziel gesetzt: „Wenn ich nicht als Letzter aus dem Wasser komme, bin ich zufrieden“, sagt Schumacher. „Dann muss man sehen, was auf dem Rad geht.“

Dass Hawaii auch für ehemalige Weltklasse-Athleten kein Selbstläufer ist, mussten andere vor ihm schon erfahren: Ex-Telekom-Profi Udo Bölts blieb bei seinem Ironman-Selbstversuch im Jahr 2000 über der Zehn-Stunden-Marke und landete am Ende auf Platz 168, obwohl er die drittschnellste Zeit auf dem Rad vorgelegt hatte. Bölts war damals 34 - vier Jahre jünger als Schumacher heute - und wie der Nürtinger ein Mann mit Doping-Vergangenheit.

Dass ihn das alles jetzt wieder einholen könnte, fürchtet Stefan Schumacher nicht. Seit seiner Quali für Hawaii steht er erstmals seit zwei Jahren wieder auf der Liste der Doping-Kontrolleure. Er hat aufgeräumt. Mit einem Geständnis vor sechs Jahren, das so spektakulär wie bedingungslos war. Für ihn war es damals ein Reinigungsprozess. Für sein Umfeld ein Schock, der viele neue Feinde bedeutete. All jene, die ihm nie verziehen haben, dass er jahrelang log und diejenigen, die es bis heute noch immer tun.

Grenzerfahrung als Reiz

Mit der Eröffnung eines Ausdauer-Trainingszentrums in Frickenhausen plant Schumacher im Dezember gemeinsam mit Partnern den Schritt in die Selbständigkeit. Grenzerfahrung ist immer noch das, was ihn am Sport reizt. Vielleicht noch zwei, drei Jahre, sagt er, vielleicht auch weniger. „Wenn der Körper sagt, es reicht, dann höre ich auf.“

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