Lokalsport

Oberliga-Überflieger in spe: In Deutschland, um zu lernen

Tischtennis Der indische VfL-Neuzugang Sanmay Paranjape ist 23, Arztsohn und der große Hoffnungsträger im Abstiegskampf. Von Thomas Pfeiffer

Mehr als einen halben Tag muss er im Flieger sitzen, um in Deutschland Tischtennis spielen zu können. Wie im Fluge vergeht die Zeit über den Wolken nicht – der 7 000-Kilometer-Trip mit zeitraubender Zwischenlandung dauert 13 Stunden. Um sich die Zeit zwischen dem Einchecken in seiner ostindischen Heimatstadt Pune und der Ankunft in Stuttgart zu verkürzen, schaut er Videofilme, isst, schläft oder sinniert über Gott und die Welt, doch Tischtennis-Lektüre wälzt er nicht. Angekommen in Baden-Württemberg, macht ihm besonders der extreme Wetterkontrast zu schaffen. „In meiner Heimat hat es im Dezember 28 Grad Celsius. Hier hat es Minusgrade“, stöhnt Sanmay Paranjape und ergänzt: „Wegen der Kälte kann ich abends nicht mehr das Haus verlassen.“

Kirchheims 23-jähriger Tischtennis-Star, der ab dem Alter von elf sämtliche U-Nationalmannschaften Indiens durchlief, sich permanent verbesserte und derzeit auf dem Sprung in die Nationalmannschaft ist, nimmt eine Menge in Kauf, um seinen Beruf Tischtennis-Profi im perspektivreicheren Europa ausüben zu können. Seit Kurzem ist er wieder zurück in Indien – im neuen Jahr wird Paranjape bis auf eine turnierbedingte Kurzunterbrechung der VfL-Tischtennisabteilung bis zum Saisonschluss 30. April zur Verfügung stehen. Am 17. Januar kehrt er von seinem Heimaturlaub zurück.

Hierzulande hat Paranjape in den letzten Jahren bereits Station beim TV Mosbach (Badenliga), dem ASV Grünwettersbach (2.  Bundesliga) und TTC Frickenhausen II (Regionalliga) gemacht. Inzwischen spricht er nahezu perfekt deutsch. Als 14-Jährigen schickten ihn seine Eltern 2008 ins gelobte Tischtennisland Deutschland, wo er am Deutschen Tischtennis-Zent­rum (DTTZ) Düsseldorf Schützling des 40-fachen Nationalspielers Klaus Schmittinger wurde. „Schmittinger habe ich viel zu verdanken“, sagt der junge Inder. Längst hat sich Paranjape mit Germany angefreundet. „Hier sind die Trainingsbedingungen viel besser als in Indien.“ In seinem Land, wo Cricket, Hockey und Schach weitaus höhere Popularität genießen, stehen der Tischtennissport und seine Ausbildungsstätten dagegen noch im Abseits. Das ein wenig zu ändern, ist Paranjapes ehrgeiziges Ziel.

Im 1,2-Milliarden-Einwohner-Land zählt er zu den 20 besten Tischtennisspielern, genießt eine relative Popularität. Doch das ist für den Sohn eines Arzt-Ehepaars nicht genug. Er will mehr – ins Nationalteam und nach Möglichkeit zu den Olympischen Spielen 2020 in Japan. Seit er vor wenigen Wochen beim VfL als Ersatz für den abgetauchten Neuzugang Ricardo Jimenez Perez (Costa Rica) einsprang, trainierte er unter der Woche abwechselnd in Kirchheim und in Frickenhausen – dort an der Tischtennisschule von Erfolgstrainer Jian Xin Qui. „Er hat einen ausgezeichneten Ruf“, sagt Paranjape.

Beim erfahrenen Chinesen kann der talentierte Inder vor allem zwei Dinge lernen: optimales Rückhandspiel („das ist meine Schwäche“) und die Art, wie man ein kommerzielles Trainingscenter betreibt. „In ein paar Jahren möchte ich in meinem Heimatland ein Ausbildungszentrum für Tischtennis und Fußball aufbauen“, sagt er. Die Etablierung des Tischtennissports in seinem Heimatland ist seine Herzensangelegenheit.

Vorher will er mit dem VfL noch schnell den Klassenerhalt schaffen. Das Zeug dazu hat er, und Insidern zufolge könnte er in der Rückrunde zu einer echten Oberliga-Größe aufsteigen. Zum VfL-Hoffnungsträger ist er längst geworden.

„Er ist ein Glücksgriff für den VfL“, sagt Jan Eder, der den 23-Jährigen zusammen mit VfL-Spielerkollege Klaus Hummel hergelotst hat. Dass der junge Mann für kleines Geld den Schläger schwingt, kommt als Pluspunkt dazu: Nur für Flugtickets, Unterbringung und Verpflegung müssen die VfL-Sponsoren löhnen.

Ohnehin ist Monetäres für Paranjape nicht wirklich wichtig. Papa, ein Facharzt mit eigener Praxis, überweist regelmäßig.

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