Lokalsport

„Oft hört man: Wir sind doch nicht in der Bundesliga“

Tischtennis-Schiedsrichter Martin Reinauer und Melanie Timke

Tischtennis-Schiedsrichter – derzeit sind sie, was ihre noch ziemlich überschaubare Anzahl betrifft, eher die Exoten in Deutschlands großer Sportfamilie. Mit Melanie Timke und Martin Reinauer plaudern zwei aktuelle Schiedsrichter des Bezirks Esslingen aus der Schule: Was haben Tischtennis-Schiedsrichter eigentlich genau zu tun?

Eine von zwei Schiedsrichterinnen im Bezirk: Melanie Timke.Foto: Arnold*
Eine von zwei Schiedsrichterinnen im Bezirk: Melanie Timke.Foto: Arnold*

Selbst einige aktive Spieler wissen nicht, wofür es sie gibt: Tischtennis-Schiedsrichter stehen wesentlich weniger im Fokus als ihre Pendants aus Fußball, Handball oder Basketball. Und doch leisten sie einen wichtigen Beitrag zum reibungslosen Ablauf vieler Tischtennisspiele. Fragen an zwei Insider.

Was sind Aufgaben eines Tischtennis-Schiedsrichters?

Martin Reinauer: Grundsätzlich muss man zwischen dem Oberschiedsrichter (OSR) und dem Schiedsrichter am Tisch (SRaT) unterschieden. Ein Mannschaftskampf oder ein Turnier steht unter der Leitung eines OSR, der vom Verband, also beispielsweise dem TTVWH oder dem DTTB, eingesetzt wird. Alle Spieler, Betreuer und Trainer stehen vom Betreten bis zum Verlassen der Spielhalle unter seiner Aufsicht. Der OSR regelt den Schiedsrichtereinsatz und entscheidet in letzter Instanz über Material- und Regelfragen.

Melanie Timke: Der Schiedsrichter am Tisch ist ausschließlich für die Abwicklung eines Spiels am Tisch verantwortlich. Die Überprüfung der Trikots und Startnummern, Durchführung der Seitenwahl, Freigabe des Balls, die Überwachung der Einspielzeit und die Bedienung des Zählgeräts gehören zu seinem Aufgabenbereich. Eventuell muss er Schläger auf seine Zulässigkeit überprüfen. Kurz gesagt sorgt der SRaT dafür, dass bei einem Spiel die gültigen Regeln eingehalten werden und dass das Spiel fair bleibt. Alle Entscheidungen der Schiedsrichter müssen selbstverständlich neutral getroffen werden.

Wie kann es sein, dass ein Teil der Spieler gar nicht weiß, dass es Tischtennis-Schiedsrichter gibt?

Reinauer: Turniere oder offizielle TTVWH- und DTTB-Veranstaltungen sind für viele Spieler der einzige Berührungspunkt mit Schiedsrichtern. Wer nicht an Turnieren teilnimmt, wird selten einem Schiedsrichter begegnen.

Timke: Erst ab der Verbandsliga sind in jedem Spiel Schiedsrichter vor Ort. Von der Kreisklasse bis zur Verbandsklasse – und damit bei vermutlich 90 Prozent aller Spiele, sind keine Schiedsrichter im Einsatz. Hier müssen die Spieler selbst zählen, über strittige Szenen entscheiden und sich dann einig werden.

Was waren für Euch die ersten Berührungspunkte mit dem Schiedsrichterwesen?

Reinauer: Als ich 17 war, fragte mich der damalige Technische Leiter im Verein und sagte, ich dürfte später auch als Oberschiedsrichter bei Turnieren fungieren. Das beeindruckte mich.

Tinke: Als Mannschaftsführerin der damals neu gegründeten zweiten Sielminger Damenmannschaft stieß ich immer wieder auf dieselben Fragen: Wie geht das mit der Doppelaufstellung? Sind unsere Spielboxen eigentlich regelkonform? Wie lange darf man sich einspielen? Ich hatte nur Halbwissen und dachte, ich nehme besser an einem Schiedsrichterlehrgang teil.

Was kann man als Tischtennis-Schiedsrichter alles erreichen?

Reinauer: Als Verbandsschiedsrichter (VSR) kann man bei entsprechender Leistung die Prüfung zum Nationalen Schiedsrichter (NSR) ablegen. Allerdings sind die Plätze für NSR limitiert – ihre Zahl hängt davon ab, wie viele Bundesligisten im jeweiligen Verbandsgebiet spielen. Nach drei Jahren kann man die Prüfung zum Internationalen Schiedsrichter ablegen. Danach ist eine Zusatzausbildung zum „Blue Badge-Schiedsrichter“ möglich. Dies ist die Elite aller Tisch-Schiedsrichter. Sie werden bei Kontinental- und Weltmeisterschaften in den Endspielen eingesetzt. Als Oberschiedsrichter kann man sich ebenfalls weiterqualifizieren.

Vom Fußball weiß man, dass die Schiedsrichter oft die Buhmänner der Zuschauer sind. Habt Ihr Ähnliches schon mal beim Tischtennis erlebt?

Reinauer: Als ich Oberschiedsrichter bei einem Ranglistenturnier war, musste ich einen Schlägerbelag beanstanden. Im Internet und in der Zeitung war anschließend zu lesen, dass der Schläger zu Unrecht beanstandet worden sei, und dass die Spielerin das Turnier deswegen nicht gewinnen konnte. Mit so etwas muss man als Schiedsrichter leben.

Timke: Natürlich gibt es Situationen, in denen Spieler oder Betreuer mit einer Entscheidung nicht einverstanden sind. Meist klärt es sich allerdings nach dem Spiel.

Wie ist der Umgang von Spielern und Schiedsrichtern untereinander?

Reinauer: In den meisten Fällen ist er sehr respektvoll. In den oberen Klassen agieren die Spieler professioneller, was allerdings auch Regelverstöße schwerer erkennen lässt. Bei Spielern unterer Spielklassen fehlt oft das Verständnis für schiedsrichterliche Beanstandungen. Da hört man oft: Wir sind doch nicht in der Bundesliga.

Timke: Der Umgang ist immer freundlich. Ich versuche aber, immer eine gewisse Distanz zu wahren. Das hilft, in schwierigen Situationen ruhig und sachlich zu bleiben.

Was waren die bisherigen Highlights eurer Schiedsrichterlaufbahn?

Reinauer: Das war eine eher lustige Episode. Bei einem Europapokalspiel in Plüderhausen hatte ich Weltklassespieler Vladimir Samsonov aus Weißrussland am Tisch. Bei der Aufschlägerwahl sprach ich ihn auf Englisch an. Samsonov spricht perfekt deutsch – also antwortete er auf Deutsch. Ich verstand ihn aber nicht, da ich in diesem Moment total auf Englisch gepolt war. Selbst seine abermalige Antwort in Deutsch auf meine nochmalige „englische“ Nachfrage verstand ich nicht. Dann begann Samsonov englisch zu sprechen, und ich verstand endlich.

Timke: Höhepunkt meiner Laufbahn war der Einsatz bei den deutschen Meisterschaften Anfang März in Chemnitz. Dort durfte ich mit meiner Kollegin das Damen-Finale leiten.

Wo seid Ihr das nächste Mal im Einsatz?

Reinauer: Im August bin ich für die Euro-Mini-Champs in Schiltingheim in Frankreich nominiert.

Timke: In der Saison 2015/16 werde ich wieder in Spielen der ersten, zweiten und dritten Bundesliga eingesetzt.

Wie ist die Schiedsrichter-Arbeit im Bezirk Esslingen zu beurteilen?

Reinauer: Die Tatsache, dass von 14  Schiedsrichtern sieben als nationale oder internationale Schiedsrichter eingesetzt werden, spricht Bände. So viele hochrangige Schiedsrichter hat kein anderer Bezirk. Allerdings braucht der Bezirk unbedingt Verstärkung im Schiedsrichterbereich.

Welche Aktionen sind geplant, um neue Schiedsrichter zu gewinnen?

Reinauer: Wir Schiedsrichter haben vor Kurzem die Aktion „Regelkunde für Vereine“ ins Leben gerufen und bieten jedem Verein an, einen Schiedsrichter für eine Regeldiskussion zu entsenden. Dadurch erhoffen wir auch, Interesse am Schiedsrichterwesen zu wecken.

Timke: In jedem Frühjahr gibt es einen Lehrgang zum Verbandsschiedsrichter. Interessierte können unter reinauer@ttvwh.de und timke@ttvwh.de weitere Informationen erhalten.

Im Tischtennisbezirk Esslingen sind derzeit 14 Schiedsrichter gemeldet, darunter zwei Frauen. Der Tischtennis-Verband Württemberg-Hohenzollern (TTVWH) verfügt über 170  Schiedsrichter und 17 Schiedsrichterinnen.

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