Lokalsport

Paris passé – Welcome Birmingham

Auslandsprofi Torfrau Ann-Katrin Berger hat beim englischen Erstligisten Birmingham LFC einen Vertrag bis 2018 unterschrieben. Die Eislingerin fühlt sich pudelwohl. Von Thomas Pfeiffer

Der Fußball-Liebe wegen von Frankreich nach England: Ann-Katrin Berger aus Eislingen.Foto: Carsten Riedl
Der Fußball-Liebe wegen von Frankreich nach England: Ann-Katrin Berger aus Eislingen.Foto: Carsten Riedl

Nein, sagt sie, die Decke falle ihr nicht auf den Kopf, wenn sie in ihrer Wohnung manchmal mutterseelenallein ihre Freizeit verbringe. Dank Skype, Fernsehen und Playstation ist Langeweile kein Thema für Auslandsprofi Ann-Katrin Berger (26). Und dank der freundlichen Nachbarin, die Ex-Lehrerin, aufgeschlossen und gesellig ist: Ab und an lädt Miss Mary (78) die junge Deutsche zum Kaffeekränzchen mit Freundinnen ein. Zum Seniorinnentreff am Mittwochnachmittag stößt die junge Deutsche gerne dazu, denn die Teilnahme ist bester Sprachunterricht: „Auf diese Weise kann ich mein weniger gutes Englisch verbessern“. Dass die rüstigen Ladies nicht nur über Gott und die Welt plaudern, hat Ann-Katrin Berger auch erfahren: „Einmal haben sie über ihre früheren Liebhaber gesprochen“, sagt die Eislingerin und grinst.

Seit dem Sommer 2016 ist Ann-Katrin Berger Vertragsspielerin des englischen Erstliga-Vierten Birmingham City LFC, untergebracht in einem bezahlten 50-Quadratmeter-Appartement und glücklich, dass Trainer Marcus Bignot, ein gebürtiger Birminghamer, von Anfang an auf sie setzte: In etwa zwei Drittel aller Rückrundenspiele stand Berger und nicht die englische Positionsrivalin Sophie Baggaley (20) im LFC-Kasten. Öfters zeigte die 1,80 Meter große Torfrau aus Germany, was sie beim Champions League-Halbfinalisten Paris Saint-Germain gelernt hatte, einmal patzte sie: Der Treffer zum 0:1-Endstand nach Verlängerung im Auswärts-Pokalendspiel bei Manchester City ging auf ihre Kappe. Zuvor hatte sie einige sehenswerte Paraden gezeigt und mit ihrer Außenseiter-Mannschaft vor 4 214 Zuschauern sensationell eine Verlängerung erzwungen.

Der Patzer am 2. Oktober nagte an der ehrgeizigen Schwäbin ziemlich, vermochte ihre positive Grundstimmung aber nicht zu ändern: Ann-Katrin Berger ist letztlich froh, in Birmingham gelandet zu sein und aus Paris endlich weg zu sein. Bei der mit Nationalspielerinnen bestückten PSG hatte sie zumeist als Nummer zwei auf der Auswechselbank schmoren müssen. Als im Frühjahr das Angebot von Birmingham-Manager David Parker kam, griff sie nach Rücksprachen mit ihrem Manager Dietmar Ness und ihrer Mutter daheim („sie hilft mir viel“) zu.

„In Birmingham bekomme ich die Einsatzzeiten, die ich brauche“, sagt sie, „als Profi will ich so oft wie möglich spielen“. Letztlich entschied sich Berger gegen das Geld und für den Fußball. Ihre Einbuße war empfindlich. „Etwa 30 Prozent“ beantwortet sie die Frage nach ihrem Gehaltsverlust beim Vereinswechsel.

Doch so passiert es, dass in Birminghams Nachbarstadt Solihull vor einer Bank, dem Lebensmittelgeschäft, Frisör oder an der Tankstelle öfters ein älterer A-Klasse-Mercedes mit blauer Farbe und deutschem Kennzeichen parkt: GP – AB 1708. Das Vehikel ist bei allen Auslandsengagements ihr ständiger Begleiter. „Mein Auto war schon während meiner Zeit in Paris immer dabei“, sagt sie. Ein Höchstmaß an Mobilität ist ihr wichtig.

Noch wichtiger ist, dass ihre eingeschlagene Laufbahn eine Erfolgsgeschichte bleibt. Seit Trainer Bernd Schröder im Frühjahr 2011 bei einem DFB-Pokalspiel in Sindelfingen das größte Fangtalent des Bezirks Neckar/Fils entdeckte, nach Potsdam lotste und mit einem Vertrag ausstatte, ging es für die (einmalige) U19-Nationalspielerin auf der Karriereleiter steil bergauf, wenngleich Nationalmannschafts-Berufungen ausblieben: zu starke Konkurrenz auf dieser Position. An Nadine Angerer war nicht vorbeizukommen. Gleichwohl: Ann-Katrin Berger hat‘s bis zu den Großen im Frauenfußball geschafft: Sie spielte schon Champions League.

In diesen Tagen ist sie auf Heimaturlaub in Eislingen, denn die Erstliga-Runde der Frauen in Großbritannien ist im Gegensatz zu den Gepflogenheiten in den Nachbarländern bereits absolviert. Die Saison ist vorbei. Der Ligaspielbetrieb der Frauen orientiert sich in Groß-Britanien noch am Kalenderjahr, wobei im Frühling der Startspieltag und im Herbst der Schlussspieltag erfolgt. Am 3. Januar wird Berger auf die Insel zurückkehren und sich dann anhören, welche Zielsetzungen ihr Club in der Saison 2017 mit der neuen Mannschaft verfolgt. „Sicher ist nur, dass wir einen neuen Trainer bekommen“, sagt sie. Viel mehr weiß sie nicht. Sie ist gespannt, was ihre Insel-Zukunft noch so alles bringen wird.

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