Lokalsport

Publikumslieblinge aus Leidenschaft

Tanzsport Lilo und Karl Kunstfeld aus Jesingen zeigen seit Jahren beim TSC Kirchheim, dass sie den Rhythmus im Blut haben. Von Sebastian Großhans

Karl und Lilo Kunstfeld. Foto: Martin Schlichting
Karl und Lilo Kunstfeld. Foto: Martin Schlichting

Auf der Tanzfläche sind die beiden in ihrem Element, Rhythmus und Ausdrucksstärke zeigen sie mit großem Elan: Lilo und Karl Kunstfeld sind seit Jahren erfolgreich für den TSC Kirchheim auf dem Parkett - in Düsseldorf haben es die beiden Standardtänzer bei den Senioren IV S im April bis ins Halbfinale des Deutschlandpokal unter die besten 13 Paare geschafft.

Dabei wussten die zwei lange Zeit nicht einmal, dass ihnen der Turniertanz liegt. Heute sind die beiden Jesinger Feuer und Flamme für ihren Sport. Das merkt man sofort, wenn man mit ihnen spricht. Für sich entdeckten sie diesen Sport aber erst mit Mitte 40. „Als ich jung war, war das Motorrad wichtiger. Lange Gabel und langes Haar“, meint Karl Kunstfeld schmunzelnd. Er hatte nur in der Jugend einen Grundkurs belegt, sie hatte überhaupt keine Tanzerfahrung. „Bei unserem ersten gemeinsamen Tanzkurs haben wir dann gemerkt, dass wir Begabung haben und dass es Spaß macht“, erinnert sich Lilo Kunstfeld.

Aus den ersten Kursen wurde schließlich mehr. Vor allem das Training mit Heinrich und Margret Cierpka prägte die Jesinger. „Die waren jahrzehntelang das Paar in der Klasse Senioren-S schlechthin“, sagt Lilo Kunstfeld. Die Cierpkas entdeckten das Potenzial der Neulinge. Seit 2003 trainiert das Paar gezielt den Turniertanz und schon im folgenden Jahr landeten sie ihren ersten Coup. „Wir machten bei der Landesmeisterschaft mit. Das hat uns aber erstmal überhaupt nichts gesagt“, erzählt Karl Kunstfeld. Die lockere Einstellung zahlte sich dann auch aus: Zweiter Platz bei den Senioren II. „Wir haben gleich mal gezeigt, wo’s lang geht“, meint der Pensionär mit einem sympathischen Lachen.

Mit Leidenschaft erzählen die beiden von ihrem Sport, und diese Leidenschaft zeigen sie auch beim Wettkampf. „Daher kommen wir beim Publikum auch so gut an“, weiß Lilo Kunstfeld. Man muss sich zu präsentieren wissen - etwas, das ihr ein bisschen mehr liegt als ihrem Mann. Denn auf der Tanzfläche muss der Mann eine gewisse Arroganz an den Tag legen. „Mehr den Aff‘ machen“, wie es der 64-Jährige ausdrückt. Doch das liegt ihm nicht so. Seiner Frau fällt die Selbstdarstellung leichter: „Ich bin meist Publikumsliebling, weil man sieht, wie viel Spaß mir das Tanzen macht.“

Was für den Zuschauer dann nach einer souveränen Leistung aussieht, ist für die beiden harte Arbeit. Unter dem adretten Frack und dem schönen Kleid schwitzen zwei Athleten, die dreimal pro Woche trainieren. „Tanzsport ist zeitintensiv, nervenintensiv und geldintensiv“, fasst Lilo Kunstfeld zusammen. Ein Frack kostet um die 1 600 Euro, hält aber auch eine gewisse Zeit. Ein Kleid für die Wettkämpfe ist teurer und hat nach einem Jahr ausgedient. Auch die Tanzschuhe sind bei beiden nach einem Jahr durch.

Routine ist auch nach 14 Jahren nicht eingekehrt. Nervosität vor den Turnieren gibt es nicht mehr, eine gewisse freudige Anspannung aber ist geblieben. Immer wieder gilt es, weiter zu lernen und bei den Wettkämpfen so viel wie möglich umzusetzen. „Das hört nie auf“, so Lilo Kunstfeld, „und wenn man merkt, was Kleinigkeiten schon verändern können, macht es noch mehr Spaß." Auch privat wird noch manchmal getanzt, beispielsweise bei Hochzeiten oder Geburtstagen, aber das bezeichnet ihr Mann dann eher als „Spazierenlaufen auf der Tanzfläche“. Andere Hobbys sind für sie der Garten, Dekorieren und Nähen. Er ist Heimwerker und Bastler. Beide schwimmen, fahren Rad.

Allgegenwärtig bleibt aber der Tanzsport. Für die beiden Jesinger ist er auch eine Art Jungbrunnen: „Es ist nichts so anspruchsvoll für den ganzen Körper“, ist sich Lilo Kunstfeld sicher. Daran ändert auch das Altern nichts. „Ein bisschen was geht immer noch“, sagt Karl Kunstfeld und lacht. Ihre einstigen Mentoren, die Cierpkas, legen noch mit Ende 70 und Anfang 80 eine heiße Sohle aufs Parkett.

Erst vor wenigen Wochen bewiesen sich die Kunstfelds selbst, was noch möglich ist. Mittlerweile sind sie in der Altersklasse Senioren IV, freiwillig dürfen Paare bei Wettkämpfen aber bei den Jüngeren mitmachen - und noch reicht es auch bei den Senioren III zum dritten Platz. „Ich wollte sehen, ob wir das noch können“, sagt Lilo Kunstfeld. Ihr Mann fühlte sich dabei zwar manchmal, als würden sie den jüngeren Paaren den Platz wegnehmen, aber die 62-Jährige sieht es eher mit sportlichem Ehrgeiz: Die Besseren gewinnen eben.

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