Lokalsport

Rampensau und sechster Mann

Sie nennen sich Supporters, doch sie sind mehr als das. Manuel und Jörg Mathes sind die Energieversorger im Fanblock der Knights. Wenn in der Halle die Luft brennt und das Publikum auf den Sitzplätzen steht, hat das Kirchheimer Brüderpaar seinen Job gut gemacht.

„Es gibt Sitzklatscher und echte Fans“ - Jörg (links) und Manuel Mathes sind die Einpeitscher in der Sporthalle Stadtmitte.Foto:
„Es gibt Sitzklatscher und echte Fans“ - Jörg (links) und Manuel Mathes sind die Einpeitscher in der Sporthalle Stadtmitte.Foto: Ralf Just

Kirchheim. Immer wenn im Basketball vom sechsten Mann die Rede ist, dürfen Fans sich geadelt fühlen. Die Kulisse auf den Rängen, die Atmosphäre in der Halle ist das, was drunten auf dem Parkett die letzten Prozent an Leistung herauskitzelt. Die Knights-Supporters, das ist der momentan größte und gleichzeitig jüngste Fanklub der Kirchheimer Zweitliga-Basketballer. Nachdem es um die Squires ruhiger geworden war, haben die zwanzig Aufrechten in den gelben Jerseys zu Saisonbeginn das Kommando am Spielfeldrand übernommen. Nah an der Mannschaft, im wahrsten Sinne des Wortes. Fanbox und Spielerbank trennen nur wenige Schritte.

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Ein gemütlicher Samstagabend daheim mit der Freundin vor dem Fernseher. Für Manuel Mathes eigentlich undenkbar und trotzdem noch gar nicht lange her. Das Heimspiel gegen Köln vor zwei Wochen – eines der seltenen Sonntagsspiele. Und was für eines. Sechs Kirchheimer Stammkräfte, der Rest war verletzt, gegen einen Gegner in Bestbesetzung. Der spektakulärste Heimsieg seit Langem. Alt oder Jung, Dauerkartenbesitzer oder Gelegenheitsgäste, auf der Tribüne sind sie reihenweise ausgeflippt. „Ein geiles Spiel,“ meint Manuel und grinst.

Spiele wie diese sind der Lohn für harte Knochenarbeit, oft bis an die Schmerzgrenze. In der Halle kennen ihn alle als den Mann mit dem Megafon. Zwei davon hat er in den vergangenen Jahren schon verschlissen, das dritte gerade bestellt. Mit hochrotem Kopf, jede Muskelfaser angespannt, peitscht er Mannschaft und Publikum nach vorne. „Let‘s go Kirchheim.“ Es ist ein Spiel der Kräfte, ein Ruf, der wie ein tosender Sturm durch die voll besetzte Halle fegt. „VfL“ hallt das Echo aus tausend Kehlen von der Haupttribüne wider. Manuel ist der Einpeitscher, sein älterer Bruder Jörg nebenan der Taktgeber. Jeder Trommelschlag eine Drohung für den Gegner. Jedem Zündfunke, den Kirchheims stimmgewaltiger Hallensprecher Daniel Zirn in Richtung Fanbox schleudert, folgt eine gewaltige Entladung. Diese Druckwelle hat Spiele schon entschieden. Das weiß auch der Cheftrainer. „Die Fans geben dir die letzte Kraft, wenn‘s eng wird“, sagt Michael Mai.

Es gibt Hallen, da ist mehr los. Nach Gotha, das sie nicht umsonst die „blaue Hölle“ nennen, reisen echte Fans mit Ehrfurcht. „Die haben das beste Publikum der Liga“, meint Jörg Mathes anerkennend. „Aber wir in Kirchheim sind dicht dahinter.“ 40 Minuten lang alles geben, ein Gespür entwickeln, wie weit das Pendel ausschlagen muss. Kein Spiel ist gleich. Jedes Publikum ist anders. Loyalität ist Ehrensache. Nur einmal, vor drei Jahren, haben sie demonstrativ geschwiegen. Im Jahr als der Abstieg drohte und eine Mannschaft ohne Moral gegen den Erzfeind aus Crailsheim sang- und klanglos unterging. Einigen im Fanblock standen damals die Tränen in den Augen. „Das grenzte an Arbeitsverweigerung“, meint Manuel, der fünf Minuten vor Spielende die Batterien aus dem Megafon nahm und es schweigend beiseite legte.

2016 denkt keiner mehr an solche Szenen. Das aktuelle Team ist charakterstark und erfolgreich. Manuel nennt es „phänomenal.“ Eine Mannschaft, der man folgt – auch in der Fremde. Die Supporters und ihre beiden Frontmänner sind bei jedem Auswärtsspiel dabei. Die Fahrt im Mannschaftsbus ist verbilligt, zwei Eintrittskarten pro Auswärtsspiel sind gratis. Wenn es einmal in der Saison nach Hamburg geht, bezahlen sie Flug und Hotel aus eigener Tasche. Sie haben eigene Shirts, ein eigenes Equipment und neuerdings sogar einen eigenen Sponsor. Gut angelegtes Geld, denn der Einsatz des Fanklubs reicht weit über vier Viertel hinaus. Sie packen schon am Mittag mit an, damit alles in der Halle seinen Platz hat und sind dabei, wenn es spät in der Nacht ans Aufräumen geht. „Jedes Heimspiel ist ein Zwölf-Stunden-Tag“, sagt Jörg, der kurz vor Mitternacht im VIP-Raum drüben in der Alleenschule die letzten Gläser abräumt und das Licht ausmacht. Knights-Geschäftsführer Christoph Schmidt sagt: „Ohne die Jungs ginge vieles nicht.“

Seit dieser Saison schiebt Jörg Mathes eine Doppelschicht. Als einer von zwei Teambetreuern ist der 31-Jährige bei Auswärtsspielen die rechte Hand des Trainerstabs. Er bereitet die Kabinen vor, sorgt dafür, dass jedes Trikot seinen Platz hat, dass Wasserflaschen und Handtücher griffbereit sind. Er plant die Fahrtstopps mit dem Busunternehmen und reserviert Plätze fürs Mittagessen. Geld gibt es dafür keines. Dafür hat er einen großen Traum: Eine neue Halle und einmal in der BBL spielen. „Aber nur, wenn die finanzielle Sicherheit vorhanden wäre“, schränkt er schnell ein. Sein jüngerer Bruder ist mit dem wie es ist zufrieden. „Ich brauche keine BBL“, sagt Manuel, der hofft, dass der Fanklub irgendwann zu einer wahren Macht wird. „Eine riesige gelbe Wand direkt hinterm Korb“, meint er. „Das wär‘s.“