Lokalsport

Schach mit „Fleisch-Bergen“ fesselt

Football Morgen Nacht steigt in den USA das größte Sport-Event der Welt – der „Super Bowl“. Doch nicht nur das entscheidende Finale begeistert auch hierzulande inzwischen zahlreiche Fans. Von Max Carlo Pradler

Volle Kraft voraus: Auch die Albershausen Crusaders (blaue Trikots) profitieren vom American-Football-Boom.Archiv-Foto: Markus B
Volle Kraft voraus: Auch die Albershausen Crusaders (blaue Trikots) profitieren vom American-Football-Boom. Archiv-Foto: Markus Brändli

In den USA seit jeher verehrt, in Europa lange Zeit ein Phänomen, in Deutschland inzwischen jedoch steil auf dem Weg zu großer Popularität - American Football ist so beliebt wie noch nie. Wenn Quarterback-Superstar Tom Brady in der morgigen Nacht beim „Super Bowl“ im Mercedes-Benz-Stadium in Atlanta auf den Rasen läuft, schauen ihm weltweit rund 800 Millionen Zuschauer vor dem Fernseher zu - allein in Deutschland werden es Prognosen zufolge mehr als eineinhalb Millionen Menschen sein.

Logisch, Sportinteressierte widmen sich wohl schon alleine wegen der kolossalen Bedeutung dem größten Sportereignis der Welt. Doch längst hat der Football seinen Siegeszug über den „Super Bowl“ hinaus angetreten und auch deutsche Fans in den Bann gezogen. Steve Alexander, Vizepräsident Sport des „American Football und Cheerleading Verband Baden-Württemberg“, nennt dafür vor allem zwei Gründe: „Den Zuschauer beeindruckt die Mischung aus Kraft und Taktik. Und die Sportart an sich ist für Jedermann - denn egal welche Konstitution jemand hat, man findet eine passende Position.“ Der Aufschwung kenne laut Alexander aktuell jedenfalls keine Grenzen. „Allein dieses Jahr kamen in unserem Verband acht neue Teams dazu und es werden weitere folgen.“

Familiäre Sportart

Ausschlaggebend für den Aufschwung der „National Football League“ (NFL) war für Mirko Mosenthin, einer der Abteilungsleiter der Albershausen Crusaders, die in der vergangenen Saison aus der zweiten deutschen Football-Liga abgestiegen sind, vor allem ein Aspekt: „Football wurde beliebter, als die NFL endlich auch im deutschen Fernsehen zu verfolgen war. Dadurch konnte man einen Bezug zum Sport herstellen, vorher kannte man alles nur vom Hörensagen.“

Dies ist seit gut drei Jahren der Fall, als sich der Spartensender „ProSieben Maxx“ die Übertragungsrechte für zunächst ein Spiel pro Woche sicherte. Seitdem sei auch die Mitgliederzahl der Crusaders sowohl im Erwachsenen- als auch im Jugendbereich merklich gestiegen. „Im Football läuft eben alles familiärer ab. Und es steht das ganze Event im Fokus, nicht nur das Spiel an sich“, erklärt Mosenthin.

Dies unterstreicht auch die immer größer werdende Fankultur. Dazu gehören nicht zuletzt zahlreiche lokale Sportler, die dem Boom der NFL verfallen sind. Einer davon ist Oliver Latzel, Landesliga-Handballer vom VfL Kirchheim. Seit gut acht Jahren interessiert sich der Torhüter für Football. Angefangen hatte einst alles mit einem Zufall, als er beiläufig im Fernsehen die Highlights vom „Super Bowl“ sah. „Ich war dann sofort gefesselt von der Sportart, weil in jedem einzelnen Spielzug etwas Spektakuläres passieren kann. Das ist unfassbar spannend“, sagt der 28-Jährige begeistert.

Ähnlich wie beim Handball fasziniert Latzel beim Football die körperbetonte Spielweise: „Da klatscht ein muskelbepackter Kerl auf einen anderen ‚Fleisch-Berg‘, beide schütteln sich kurz, und es geht weiter. Trotzdem ist alles enorm taktisch geprägt, vergleichbar mit Schach.“ Da der glühende Fan sich inzwischen mit den NFL-Partien regelmäßig die Nächte um die Ohren schlägt, kommt vor allem ein Aspekt deutlich zu kurz: der Schlaf. „Teilweise nicke ich nur noch kurz für zwei Stunden ein, bevor es ins Geschäft geht. Aber noch klappt das ganz gut“, gesteht Latzel. Für übermorgen habe er sich aber vorsorglich schon mal frei genommen.

Dass Football mittlerweile so viele Menschen hierzulande begeistert, wundert Manuel Doll, Trainer beim Fußball-Landesligisten TSV Bad Boll, hingegen trotzdem. Das Spiel sei doch recht kompliziert und nur eingefleischte Fans würden die Regeln sowie die unendliche Palette an Spielzügen verstehen. Von der unsäglichen Länge einer Partie mal ganz abgesehen, die teilweise schon mal bis zu vier Stunden dauern kann. „Ich verstehe, dass das viele abschreckt. Mich hat das Football-Fieber aber auch voll erwischt“, räumt der 33-Jährige ein, der einst in der Oberliga beim VfL Kirchheim zwischen den Pfosten stand. Entdeckt habe er die NFL durch eine TV-Serie: „Der sportliche Aufwand im Hintergrund und die ganze Logistik rund um ein Team hat mich dann gefesselt.“

Inzwischen geht die Faszination Football im Hause Doll so weit, dass sonntagabends nur noch der „Tatort“ mithalten kann. „Wir schauen am frühen Abend das Ende des ersten Spiels und anschließend ‚Tatort‘. Danach geht meine Frau ins Bett und ich widme mich dann in Ruhe noch dem zweiten Spiel - auch wenn ich das tags darauf büßen muss.“

Eines scheint also sicher: Wer sich mit dem Football-Fieber infiziert, muss als Nebenwirkung montägliche Müdigkeit in Kauf nehmen.

Der „Super Bowl“ zwischen den New England Patriots und den Los Angeles Rams wird am Sonntagabend ab 22.45 Uhr auf „ProSieben“ übertragen. Spielbeginn ist um 0.30 Uhr.

Fakten zum „Super Bowl“

„Vince Lombardi Trophy“ heißt der dreieinhalb Kilogramm schwere und 55 Zentimeter hohe Pokal, den es zu gewinnen gibt. 1971 wurde die Trophäe zu Ehren Vince Lombardis umbenannt, der als Trainer der Green Bay Packers die ersten beiden „Super Bowls“ gewann.

Einen Diamantring im Wert von mehreren Tausend Dollar erhalten zudem alle Mitglieder der Siegermannschaft - den sogenannten „Super Bowl Ring“.

Nach Thanksgiving ist das „Super-Bowl“-Wochenende in den USA das umsatzstärkste für die Lebensmittelbranche.

„Super Bowlitis“ ist eine offizielle Bezeichnung aus den USA. Sie wurde deshalb eingeführt, weil am Tag nach dem „Super Bowl“ 20 Prozent mehr Schmerztabletten verkauft werden und die Krankmeldungen um circa sechs bis acht Prozent ansteigen. max

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