Lokalsport

Therapie gegen die Langeweile

Flüchtlinge aus Afrika trainieren unter den Fittichen zweier VfL-Veteranen jeden Dienstag – „Sie haben ja schon Elend genug“

Ein Fußballtraining als Therapie gegen die Langeweile: Gut zwei Dutzend Flüchtlinge aus dem Containerdorf an der Dettinger Straße kicken dienstagnachmittags an der Jesinger Allee. Unter der Regie erfahrener Übungsleiter vom VfL Kirchheim können die Männer aus Afrika ihren tristen Wohnheim-Alltag für einige Stunden vergessen.

"Wir können abschalten  und es macht richtig Spaß": Die afrikanischen Flüchtlinge freuen sich über das Fußballtraining beim VfL.
"Wir können abschalten und es macht richtig Spaß": Die afrikanischen Flüchtlinge freuen sich über das Fußballtraining beim VfL. Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Dienstags um zwei im Kirchheimer Stadion. Wo sonst nur Leichtathleten zu finden sind, spielen 20 dunkelhäutige Fußballer Basketball – das Aufwärmprogramm fürs nachfolgende Länderspiel Gambia gegen Nigeria. Obwohl jedem Team der elfte Mann fehlt, pfeift VfL-Urgestein Norbert Krumm (69), der zusammen mit Torwart-Altmeister Werner Hund (68) Regie führt beim Fußballspiel der Flüchtlinge, die Partie an. Noch vor der 90. Minute ist die Hitzeschlacht geschlagen, und leistungsgerecht endet sie 4:4. Schweißgebadet sind alle, die gekickt haben, gut gelaunt ebenfalls.

Torhüter Inogul Ehiy (25) macht da keine Ausnahme. Der nigerianische Torhüter flucht nicht etwa, weil er sich gerade vier Tore eingefangen hat, sondern flachst mit den Kameraden, weil es seiner aktuellen Laune entspricht. Gegenspieler Bakary Danjo (22), ein 1,98-Meter-Hüne, genießt nach dem Spaß-Spiel ebenfalls den Moment. „Das zweistündige Fußballtraining hilft uns, die Langeweile im Wohnheim für eine Weile zu vergessen“, befindet er beim Ausschwitzen, „wir können abschalten, und es macht richtig Spaß.“ Danjo ist politischer Flüchtling. Wegen der Schreckensherrschaft des gambischen Präsidenten Yahya Jammeh („er ist ein Diktator“) war er im Januar über die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa nach Deutschland geflohen, wo er nach behördlicher Anordnung über Karlsruhe und Mannheim am 4. April in Kirchheim im Containerdorf an der Dettinger Straße ankam. 102 Leidensgenossen hat Danjo dort, ausnahmslos junge Männer und aus Afrika. Gut zwei Dutzend davon sind zugleich (begeisterte) Teilnehmer des Dienstag-Trainings an der Jesinger Allee, das unter der Leitung besagter VfL-Veteranen steht und seinen Ursprung in einer Idee des Flüchtlingsnetzwerks Kirchheim hat.

Seit ein paar Monaten trainieren die Flüchtlinge nun an der Jesinger Allee zusammen, und die Fußball-Altmeister Krumm und Hund begleiten mit viel Kommunikation und Trainings-Tipps den Weg. Ihre Schützlinge sollen Spaß haben und Fitness tanken – in dieser Reihenfolge. „Wir machen dieses Training nicht, um vielleicht einen guten Spieler für die Kreisliga-Mannschaft des VfL Kirchheim zu entdecken, sondern um den Flüchtlingen bei der Integration ein wenig zu helfen. Sie haben ja schon Elend genug“, sagt Krumm. Auch für Trainerkollege Hund steht trotz der durchaus ambitionierten Übungseinheiten grundsätzlich mehr der soziale als der sportliche Gedanke im Vordergrund: „Dies ist eine sinnvolle Aufgabe. Man muss den Leuten helfen bei der Eingewöhnung“, sagt der frühere Auswahlkeeper des Württembergischen Fußball-Verbands (WFV). Für ihn ist ein gastfreundlicher Umgang mit Flüchtlingen Bürgerpflicht.

Das Feedback, das die zwei VfL-Routiniers von ihren Schützlingen in den Trainingseinheiten bekommen, ist, wen wundert‘s, positiv. „Nobby sollte aber weniger Deutsch und mehr Englisch reden mit uns“, fügt Inogul Ehiy schmunzelnd hinzu, „manche Sätze sind nicht zu verstehen.“ Der Angesprochene lässt die Kritik so nicht stehen. „So lernen sie schneller die deutsche Sprache“, kontert Krumm, der die Übungen im Zweifelsfall vormacht. Ein ernsthaftes Kommunikationsproblem zwischen den Trainern und Kickern existiert an der Jesinger Allee tatsächlich nicht. Eher ein Problem mit der richtigen Sportkleidung.

Denn noble Spender wie der frühere VfL-Mannschaftskapitän Mario Grimm (35), der Stutzen, Hosen und zehn paar Kickstiefel an die Trainingsgruppe verschenkte, sind derzeit noch die Ausnahme. Manch einen der Afro-Kicker drückt deshalb empfindlich der Kickschuh, und ambitionierte Torleute wie Inogul Ehiy fühlen sich mit ausgefransten Handschuhen auch nicht gerade wohl.

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