Lokalsport

Tüftler, Freaks und harte Kerle

Strandrennen Wintersport auf holländisch: Laurens Huizinga ist in seiner zweiten Heimat dem Reiz einer eigenwilligen Radsport-Szene erlegen. Von Bernd Köble

Sand auf der Haut, den Geschmack von Salz auf der Zunge und nichts, was den Blick bis zum Horizont stört. Holländer haben das Meer, haben den Strand und sie haben seit jeher eine besondere Beziehung zum Radsport. Leidenschaftlich, innig und zuweilen reichlich spleenig. Während Radrennen hierzulande schlecht besuchten Fachmessen gleichen, werden beim nördlichen Nachbarn rauschende Volksfeste gefeiert. Nicht nur bei Klassikern wie der Flandern-Rundfahrt. Wenn‘s sein muss, auch dort, wo kein vernünftiger Radler je auf den Gedanken käme: am Strand. Doch Radsport und Vernunft gehen selten einher. „Beach Races“ – Rennen entlang der windumtosten Küste – sind in den Niederlanden seit den Neunzigerjahren ein Fixpunkt im Kalender von Amateur-Rennfahrern und Jedermännern. Wenn das Thermometer fällt, geht‘s mit dem Rad ans Meer. Wintersport auf Holländisch.

„Es ist geiler als auf jedem anderen Terrain, weil es so surreal ist.“ Laurens Huizinga hat ausreichend holländisches Blut in den Adern, damit solche Sätze nach Leidenschaft klingen. Dabei ist der 29-jährige Weilheimer im Schwabenland geboren. Der Vater Holländer, die Mutter Deutsche. Huizingas Biografie kennt mehr Umwege als jede Trainingsstrecke. Er ist gelernter Forstwirt, verdient sein Geld inzwischen als diplomierter Sport- und Gymnastiklehrer. Amateur-Rennen fährt er seit neun Jahren mit einer A-Lizenz. Neun Jahre, die er sich an Wochenenden auf verwinkelten Kursen quält und sich immer wieder dieselbe Frage stellt: warum Radrennen im Ländle eigentlich keiner sehen will und warum Gewerbegebiete dafür der richtige Ort sein sollen. Huizinga, ein Typ wie Tom Boonen. 1,92 Meter groß, 86 Kilo schwer, mit mächtig Dampf in den Beinen. „Ich hasse Radkriterien“, sagt er. „Aber das ist eben das, was in Baden-Württemberg geboten wird.“

Ein Ausweg aus dem Dilemma: Strandrennen im Winter. Wenn andere zum ersten Trainingslager nach Mallorca fliegen, setzt er sich ins Auto und düst gen Norden an die Küste. Drei bis vier Rennen pro Winter. Zur Horizont-erweiterung – im wörtlichen Sinn. Mit wachsender Begeisterung und inzwischen auch mit Partnern wie „Wikkit“-Teamchef Dennis Bruin und Ex-Profi Sjaak Aertssen, die ihn materiell unterstützen. Die Szene ist bunt, schrill und reichlich verrückt. Freaks, ehemalige Spitzenfahrer und ganz normale Hobbysportler haben sich gefunden, um gemeinsam Rennen zu fahren. An einem Ort, wo schon der Gedanke daran den Rostfraß in die Kettenglieder treibt. Ein Rummelplatz für Tüftler und Schrauber. „Früher waren hier nur Schrotträder am Start“, erzählt Huizinga. Salz und Sand, die Todfeinde filigraner Zweiradtechnik, arbeiten sich heute mitunter an edlen Materialien ab. Der niederländische Hersteller Koga hat voriges Jahr den ersten „Beach Racer“ auf den Markt gebracht. Ein Alu-Renngerät, das vor allem viel Aerodynamik verspricht. Doch noch immer ist die große Mehrheit der Räder Marke Eigenbau. 29-Zoll-Mountainbikes mit Rennrad-Geometrie und bügelförmigem Lenker. Eine Grauzone. Irgendwo zwischen Fatbike und Cross-Maschine. Reglements? Fehlanzeige. Vorschriften gibt es so gut wie keine. Individualität ist Ehrensache. Nur eines ist Pflicht: profillose Reifen mit überdimensionalem Querschnitt und geringem Reifendruck. Nur sie garantieren Vortrieb auf dem schmalen Streifen harten Sandes entlang der Wasserlinie, der oft nicht breiter als ein Meter ist. Wer die Ideallinie verlässt, „stirbt“ im tiefen Sand oder läuft Gefahr, ins Meer gespült zu werden. „Man muss die Strecke lesen können“, sagt Laurens Huizinga. „Das macht die Sache spannend.“

Spitzengeschwindigkeiten bis Tempo 90

In Holland ist der Sport populär, man ist unter sich. Ausländer findet man hier selten. Mancherorts sind es mehr als tausend Teilnehmer, die am Strand oder dicht hinter dem Deich auf den Startschuss lauern. Es gibt Einweg-Rennen, wie das vom kleinen Küstenstädtchen Hoek van Holland nach Den Helder. 130 Kilometer, auf denen die Windrichtung das Leidmaß bestimmt. Eine härtere Prüfung für die Willenskraft gibt es im Radsport kaum. Auch nicht im Gebirge. Die meisten Strecken führen um einen Wendepunkt. Je nachdem, woher der Wind bläst, wird das Treten zur Hölle, hämmert der Puls am Limit. Für ein Tempo, mit dem trainierte Radsportler üblicherweise steilste Rampen erklimmen. Wird der Wind zum Begleiter, stehen Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 90 Stundenkilometern und mehr auf dem Tacho – mühelos. Es gibt Sturmböen, so scharf wie das Skalpell eines Chirurgen. Die das Fahrerfeld sezieren und selbst gestandene Profis zur Verzweiflung treiben. Beißende Gischt und Sandfontänen wie Nadelstiche – ein Härtetest für Mensch und Material. Für Laurens Huizinga ist es die grenzenlose Freiheit. Und echter Sport: „Der Letzte wird hinterher genauso gefeiert, wie der Sieger“, sagt er. „Die Leute haben einfach Spaß.“ Das ist Radsport in Holland.

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