Lokalsport

Unger nimmt Abschied

Kirchheimer Sprinter beendet am Sonntag bei VfB-Sportfest seine Karriere

Abschied im kleinen Kreis von und für Tobias Unger: Der dreimalige Olympiateilnehmer und 17-fache Deutsche Meister aus Kirchheim beendet seine Sprintkarriere am Sonntag ganz bescheiden bei einem Sportfest des VfB Stuttgart. Die Spikes endgültig an den Nagel zu ­hängen, fällt dem 34-Jährigen leichter als gedacht.

LeichtathletikSüddeutsche Hallenmeisterschaften 2012SindelfingenTobias UngerVfB StuttgartSprint
LeichtathletikSüddeutsche Hallenmeisterschaften 2012SindelfingenTobias UngerVfB StuttgartSprint

Kirchheim. Geografisch liegen zwischen dem Züricher Letzigrund und dem Stadion Festwiese in Stuttgart 164 Kilometer Luftlinie. Tobias Unger misst den Abstand allerdings mit dem Kalender. Genau 641 Tage nach seinem letzten Wettkampf beim Diamond League Meeting in der Schweiz wird der erfolgreichste deutsche Sprinter aller Zeiten am kommenden Sonntag zum letzten Mal Spikes anziehen: Unger nimmt im Rahmen eines Schüler- und Jugendsportfests des VfB Stuttgart Abschied von der Leichtathletikbühne.

Überraschen kann diesen Schritt niemanden, hatte Unger seit besagtem Rennen Ende August 2012 in Zürich, als er mit der DLV-Staffel über 4 x 100 Meter Fünfter wurde, doch den Aufwand für seinen Sport sukzessive zurückfahren müssen. Mit Antritt seines Jobs bei der Kreissparkasse im Herbst 2012 blieb immer weniger Zeit fürs Training. Schlimmer noch: Nach Knie-OP infolge eines Sehnenrisses mussten Hallen- und Freiluftsaison gestrichen werden. Das einzig Positive 2013 war der berufliche Wechsel zu den Fußballern des VfB, wo er als Athletikcoach in der Jugendabteilung einstieg. Damit war jedoch auch klar, dass eine Rückkehr auf die Tartanbahn immer unwahrscheinlicher werden würde, zumal die Roten seinen Vertrag unlängst um zwei Jahre verlängert haben: Die Herren Bobic, Wahler und Co. scheinen zufrieden mit dem, was der Schwabenpfeil den VfB-Rohdiamanten beibringt.

Kein Wunder also, dass sich das Bedauern, nicht noch einmal um Titel und Bestzeiten sprinten zu können, in Grenzen hält. „Klar ist man ein bißchen traurig, aber ich hätte die Zeit fürs Training gar nicht mehr“, sagt er, „außerdem entschädigt dieser Job für Medaillen.“ Dankbarkeit und Erleichterung schwingen mit, wenn der 34-Jährige über seine Arbeit bei den VfB-Kickern spricht – zu gut weiß Unger, dass man als Profisportler von Erfolgen und Edelmetall allein nicht leben kann. Obwohl in seiner Karriere so erfolgreich wie kein Zweiter (siehe Infoartikel), hat ihn die Sprinterei nie reich gemacht, im Gegenteil. Hätte sich Unger vor zwei Jahren nicht für den Berufsweg entschieden, sondern weiter auf die Karte Leistungssport gesetzt, würde er heute vermutlich draufzahlen. „Mit 20 siehst du so was lockerer, aber mit zunehmenden Alter verschieben sich halt auch die Prioritäten“, weiß er.

Kaum zufällig hat er seinen in jüngeren Jahren heiß geliebten BMW-Flitzer in einen familientauglichen Toyota Kombi eingetauscht – die Wandlung vom Profisprinter zum Arbeitnehmer hat Unger reifer werden und für ihn auch völlig neue Dinge entdecken lassen. Statt nach Feierabend im Stadion Tempoläufe zu bolzen, geht er jetzt mit Freundin Corinna mountainbiken. „Das wäre früher zeitlich gar nicht möglich gewesen, von der Verletzungsgefahr mal ganz abgesehen.“

Vor diesem Hintergrund die Spikes endgültig an den Nagel zu hängen, fällt leicht(er), zumal er seinen Abschied ganz bewusst im kleinen Rahmen halten will. Zwar ist das Schüler- und Jugendsportfest des VfB am Sonntag landesoffen ausgeschrieben, für überregionales Aufsehen dürfte es allerdings kaum sorgen. „Ich bin keiner, der viel Wert auf einen großen Bahnhof legt“, so Unger, der mit seinem Auftritt auch ein Signal an die Verantwortlichen der VfB-Leichtathleten senden will. „Als es in den letzten beiden Jahren nicht mehr so gut lief, hat der Verein immer zu mir gehalten“, bedankt er sich unter anderem auch bei Abteilungsleiter Dieter Göggel, der Ungers Abschied bereits choreografiert hat. „Tobias soll einem Nachwuchssprinter symbolisch einen Staffelstab reichen“, sagt der Mann, der Unger Ende 2011 von der LG Stadtwerke München zurück ins Ländle geholt hatte.

Dort war sein Stern nach ersten Erfolgen im Jugendbereich für den TSV Wendlingen, den VfL Kirchheim und den VfL Sindelfingen endgültig im Dress von Salamander Kornwestheim aufgegangen. Von Anfang an dabei: Trainer Micky Corucle, der das große Talent des schmächtigen Sprinters und dessen unbändigen Wettkampfwillen in eine Erfolg bringende Mischung zu verwandeln wusste, ohne dass Ungers Bescheidenheit gelitten hätte. Bis heute macht er um sich und seine Person wenig Wesens .„Ich bilde mir da nichts drauf ein. Andere können gut malen, ich kann halt schnell laufen.“

Erfolgreich wie kein anderer

17 DM-Titel: Der am 4. Juli 1979 in München geborene Tobias Benjamin Unger ist der erfolgreichste deutsche Sprinter aller Zeiten: Bei deutschen Meisterschaften holte er im Aktivenbereich insgesamt 17 Titel über 100 Meter (2005, 2008, 2009, 2011), 200 Meter (2003, 2004, 2005) und 4x100 Meter (2001), sowie in der Halle über 60 Meter (2004, 2005, 2008, 2010), 200 Meter (2003, 2004, 2005, 2006) und 4x200 Meter (1999). Unikum Unger: Im DLV-Dress war er bei sechs Weltmeisterschaften (2001, 2003, 2005, 2007, 2009, 2011) vertreten und ist bis heute der einzige deutsche Sprinter, der drei Mal an Olympischen Spielen (2004, 2008, 2012) teilnahm. Seine größten internationalen Erfolge waren der Halleneuropameistertitel über 200 Meter (2005) sowie Silber und Bronze mit der Staffel bei den EM 2010 und 2012. Rekordhalter: Unger, der mit Freundin Corinna in Kirchheim lebt, hält seit 2005 den Deutschen Rekord über 200 Meter (20,20 Sekunden).

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