Lokalsport

Vielflieger aus Aichelberg

Der ehemalige VfL-Fußballer Stephan Schwarz geht in seinem Job als Chefscout des Bundesligisten FC Augsburg voll auf

Wenn bei Euro-League-­Teilnehmer FC Augsburg Trainer und Manager über Spieler, ­Strategien und Transfer­politik diskutieren, ist Stephan Schwarz nicht weit. Was viele nicht wissen: Der FCA-Chefscout ist ein ehemaliger Oberliga-­Fußballer des VfL Kirchheim.

Drei, die das Sagen haben beim FC Augsburg: Sport-Geschäftsführer Stefan Reuter, Vorstandsvorsitzender Klaus Hofmann, Chefscout
Drei, die das Sagen haben beim FC Augsburg: Sport-Geschäftsführer Stefan Reuter, Vorstandsvorsitzender Klaus Hofmann, Chefscout Stephan Schwarz (von links).Foto: Klaus Rainer Krieger

Kirchheim. Vom VfB Stuttgart über den TSV 1860 München und 1899 Hoffenheim zum FC Augsburg: Stephan Schwarz‘ berufliche Karriere-Stationen sind ausnahmslos im Süden der Republik angesiedelt. Das ist kein Zufall. Erstens ist der 43-jährige Ex-Fußballer des VfL Kirchheim ein Bodenständiger, der in 15 Berufsjahren nie außerhalb Baden-Württembergs oder Bayerns arbeitete, zweitens traf Schwarz vor neun Jahren einen leibhaftigen Weltmeister, der seinen späteren Weg bestimmte. Unter Stefan Reuter (48) arbeitete Schwarz von 2006 bis 2009 bei den Münchner Löwen als Chefscout, unter dem Manager ist er im dritten Jahr nun Augsburger Chefscout. „Die Chemie stimmt zwischen uns“, befindet Schwarz, „inzwischen sind wir befreundet.“ In der Augsburger WWK-Arena arbeitet man in demselben Büro.

Stephan Schwarz, der Wernauer mit langer VfL-Vergangenheit und aktuellem Wohnort Aichelberg, hat Fußball-Karriere gemacht – auf leisen Sohlen. Weg vom Fenster in der Wahrnehmung der Fußball-Öffentlichkeit war er gewesen, als im Jahr 1993 ein Kreuzbandriss sämtliche Kicker-Pläne abrupt einen Knacks erhielten. Er spielte noch drei Jahre lang, „doch wegen der Verletzung habe ich nie mehr meine alte Form erreicht“. Adieu Oberliga hieß es folgerichtig. Das frühe Laufbahnende mit 26  brachte jedoch den entscheidenden (Zeit-)Vorteil für den Trainer-A-Schein-Inhaber: Seine Freizeit nahm spürbar zu. Als ihm 1997 ein Angebot als hauptamtlicher U15-Nachwuchstrainer des VfB Stuttgart ins Haus flatterte, sagte er nach kurzer Bedenkzeit zu. Genau wie bei Hoffenheim-Scout Hans-Martin Kleitsch (Kirchheim) wurde die Unterschrift unter den Kontrakt als hauptberuflicher VfB-Nachwuchstrainer zum entscheidenden Weichensteller ins Bundesligageschäft.

Hauptberuf Fußballscout. Nur ein paar Hundert Auserwählte können sich eine solche Titulierung hierzulande auf die Visitenkarte schreiben. Dass er zum Elitekreis von Deutschlands Talentsichtern zählt, ist Schwarz auf den ersten Blick gleichwohl nicht wirklich wichtig. Standesdünkel kennt er nicht, vielleicht auch deshalb, weil er vorsichtig ist und nur zu gut weiß, wie schnell man vom gefeierten Scout zum Buhmann werden kann: 2009 schickte ihn der klamme Zweitligist 1860 München nach sechsjähriger Amtszeit als Chefscout wegen angeblicher Ineffizienz in die Wüste. Es war ein gefundenes Fressen für die Münchner Boulevardzeitung tz, die den Fall süffisant so kommentierte: „Plötzlich war er nicht mehr da, aber das ist keinem aufgefallen“. Drei Monate vorher war bereits Manager Stefan Reuter beurlaubt worden – jener Mann, der Schwarz später als „Fußball-Fachmann mit sehr viel Erfahrung“ charakterisierte und ihn folgerichtig zum FC Augsburg lotste.

Stefan und Stephan: Schicksalsgemeinschaft einst, Erfolgsgespann heute. Schwarz, der an früheren Arbeitsstellen mithalf, Spieler wie Firminho (Hoffenheim), Bordon und Delpierre (VfB Stuttgart) zu verpflichten und in frühen VfB-Jahren Nachwuchstalente namens Mario Gomez, Christian Gentner und Sami Khedira sichtete, hat sich beim Bundesligisten von der A 8 inzwischen zu einem der wichtigsten Sport-Verantwortlichen hochgearbeitet: Wenn der Manager mit Trainer Markus Weinzierl über Spielausrichtungen, Strategien und Transfers diskutiert, sitzt der Schwabe aus der Teckregion regelmäßig mit am Tisch. „Ich bin Augsburgs Kaderplaner“, sagt Schwarz nicht ohne Stolz. Als Nachweis seines Fachwissens kann die Verpflichtung des südkoreanischen Nationalspielers Hong Jeong-ho gelten: Wegen des Innenverteidigers flog Schwarz vor zwei Jahren ins Land, um den FCA-Verantwortlichen daheim nach kritischer Begutachtung grünes Licht für erste Vertragsgespräche zu geben. Eine glückliche Hand hatte er auch, als der FCA im Sommer 2014 den Ghanaer Abdul Rahman Baba vom Zweitligisten Greuther Fürth verpflichtete. Zwei Millionen Euro kostete der Linksverteidiger damals – für kolportierte 30 Millionen wurde Baba vor wenigen Tagen an den FC Chelsea transferiert. „In meiner Scout-Laufbahn war das mein bisher größter Deal“, sagt Schwarz.

Er fühlt sich gut in seinem Job beim FCA – die Aufgabe macht ihm Spaß. Auch die Konstellation, dass er von Ehefrau Claudia in Aichelberg drei Viertel vom Jahr 130 Kilometer entfernt lebt und gemeinsame Urlaube stets vom Spielplan der Bundesliga abhängig sind, hält den Vielflieger mit rund 150 Livespiel-Beobachtungen und 150 000 Flugkilometern pro Jahr nicht davon ab, seine Scouting-Arbeitsstelle zu lieben. „Es kann vorkommen, dass ein Spielerberater um 12 Uhr in unser Büro kommt“, sagt Schwarz, „und Stunden später fällt mir dann ein, dass ich heute ja noch gar kein Mittagessen hatte“. In seiner Arbeit geht er auf.

Mitunter wird er in Augsburg zum Workaholic – ein Zustand, der anhält: Schwarz‘ gültiger Vertrag läuft bis zum 30. Juni 2018.

Geboren: 29. 7. 1970 in Stuttgart, verheiratet, keine Kinder Ursprünglicher Beruf: Feinwerkmechaniker (Maschinenbau-Studium bis 1996) Fußball(er)-Stationen: Jugend- und Aktivenspieler beim VfL Kirchheim (1980 – 1996), danach U15- und U17-Trainer beim VfB Stuttgart (1997 –  2000), VfB-Scout (bis 2003), Chefscout beim TSV 1860 München (2003 – 2009), Chefscout bei 1899 Hoffenheim (2009 – 2012), Chefscout beim FC Augsburg (seit 1. 1. 2013)

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