Lokalsport

„Von Cannstatt isch no nia ebbes rechts nach Degerloch komma“

Es gehört schon eine Portion Fatalismus dazu, in diesen Tagen glühender Verehrer der Stuttgarter Kickers zu sein. Die einstigen „blauen Götter“ sind nach einem vielversprechenden Saisoneinstieg komplett eingebrochen. Der Absturz in die Regionalliga droht. Günther und Markus Hoyler aus Notzingen halten ihnen trotzdem die Treue. Für Vater und Sohn ein ständiger Balanceakt zwischen Daumen drücken und Kopfschmerzen.

Der Hobbykeller als Kickers-Schrein: Günther und Markus Hoyler drücken den „Blauen“ seit Jahrzehnten die Daumen, lange Zeit auch
Der Hobbykeller als Kickers-Schrein: Günther und Markus Hoyler drücken den „Blauen“ seit Jahrzehnten die Daumen, lange Zeit auch als Dauerkartenbesitzer. Fotos: Jean-Luc Jacques

Notzingen. Ein Abstieg wäre der zweite Tiefpunkt in der wechselvollen Vereinsgeschichte. Nachdem sie sich 1992 nach kurzem Gastspiel zum zweiten Mal nach 1989 aus der Bundesliga verabschiedet hatten, ging es weiter bergab. 2001 sogar bis in die vierte Liga. Sollte sich das wiederholen, würde die Anzahl der blauen Sympathisanten weiter schrumpfen.

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Rot oder Blau, im LändIe eine Glaubensfrage. Ähnlich wie zwischen Dortmund und Schalke oder Real und Barcelona. Es gab Zeiten, da beherrschte Blau eindeutig die Szene. Das war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als der 100-Tore-Sturm mit Conen, Jahn, Sing, Schaletzki und Kronenbitter sogar deutschlandweit für Furore sorgte. Erst als der VfB 1950 zum ersten Mal Deutscher Meister wurde und die Kickers in die zweite Liga Süd abstiegen, verschoben sich die Kräfteverhältnisse von Degerloch in Richtung Cannstatt.

Erst viel später duellierten sich die beiden Lokalrivalen noch dreimal auf Augenhöhe: 1976 in der 2. Liga (3:0 für Kickers), dann zweimal in der Bundesliga. Bei diesen Derbys sprühten jedes Mal die Funken. Ex-Trainer Wolfgang Wolf erinnert sich mit einem Augenzwinkern: „Oft steckte das Messer im Schienbeinschützer.“ Nicht umsonst spricht VfB-Faktotum Jochen Seitz nur von den „Golan-Höhen“, wenn er an Degerloch denkt. Umgekehrt bezeichnen die Kickers-Fans das VfB-Gelände an der Mercedesstraße als „Rotlichtbezirk“. Und der verstorbene Kickers-Edelfan und Metzgermeister Fritz Seeger höhnte immer in Richtung Cannstatt: „Was tun mir die Augen weh, wenn ich den roten Brustring seh‘!“

Seit der „blaue Adel“ in die Niederungen unterer Ligen abgetaucht ist, sind Kickers-Fans in der Teckregion nur noch mit dem Fernglas auszumachen. Uli Heller aus Gruibingen, beschäftigt in Kirchheim, ist einer davon. Regelmäßig fährt er mit seinen Kumpels zu den Heimspielen nach Degerloch. Oder Manfred Hornung, der in Reudern das Sportheim bewirtschaftet. Die Einschätzung des ehemaligen Ötlingers zum aktuellen Zustand seines Leib- und Magenvereins: „Aus einem Spatz kann man keine Nachtigall machen.“ In Notzingen pflegt der 87-jährige Otto ­Deuschle, „Kickers-Ottl“ genannt, eine Fernbeziehung zu den Kickers. „Ich bin Blauer solange ich lebe.“

Und da sind dann noch die Hoylers. Vater Günther ist dem kleinen Bruder der großen Roten schon seit den Zeiten von Steeb, Schäffler, Schairer, Schmeil oder Kröner treu ergeben, also seit einem halben Jahrhundert. 17 Jahre war er Stammgast in Degerloch mit einer Dauerkarte. Besonders gern erinnert er sich an den Pokalwettbewerb 1987. Er begann mit einem Protest. Bei der Auslosung war die Hülse mit dem Kickers-Schildchen unter den Tisch gefallen. Der Vorgang musste wiederholt werden, bescherte den Blauen aber denselben Gegner wie zuvor. Tennis Borussia wurde in der ersten Runde 5:0 weggefegt. Es folgten Borussia Neunkirchen (3:2 mit zwei Toren von Freiburgs Trainer Christian Streich), Hannover 96 (2:0) und Fortuna Düsseldorf (3:0). Das blaue Wunder war perfekt. Die Kickers standen im Endspiel gegen den HSV.

Erwartungsfroh fuhr Günther Hoyler mit Freunden nach Berlin. „Wir hielten lange ein 1:1. Aber dann hat uns der Torwart den Pokalsieg vermasselt“, ärgert er sich noch heute. Der Sündenbock hieß Armin Jäger, eine Morgengabe vom VfB. Es gab Freistoß. Manni Kaltz lief an. Täuschte eine seiner berühmt-berüchtigten Bananenflanken an – und knallte scharf aufs kurze Eck. Jäger fiel drauf rein. Nach einem Eigentor zum 3:1 war der Pokaltraum zu Ende.

Dazu der Kommentar des Ur-Schwaben: „Von Cannstatt isch no nia ebbes rechts nach Degerloch komma.“ Aber auf dem umgekehrten Weg. Der VfB profitierte von Stars wie Rolf Geiger, Horst Haug, Karl Allgöwer, Walter Kelsch, Guido Buchwald, Jürgen Klinsmann und Fredi Bobic, die er den Kickers abluchste.

Nach dem verlorenen Pokalendspiel war erst mal Schluss mit lustig, Hoyler kaufte keine Dauerkarte mehr. Den Ausschlag gab ein Vorgang in Degerloch, der seine Liebe zum Verein vor eine harte Bewährungsprobe stellte. Dauerkarten-Inhaber durften unter der Tribüne des alten Waldau-Stadions ihr Bierchen trinken. Hoyler: „Eines Tages stand die Security vor der Tür. Wir durften nicht mehr rein. Das sei eine Auflage des DFB, hieß es. Doch das war verlogen.“ In Wirklichkeit wollten die Offiziellen auf dem Weg zum VIP-Raum nicht mehr angeraunzt werden, wenn die Mannschaft schlecht gespielt hatte. Was häufig geschah, wie Hoyler zugibt: „Das habe ich auch manchmal gemacht.“

Als dreist empfand er einen schriftlichen Aufruf der Kickers ein paar Tage später, den Verein mit Hecken schneiden, Umkleideräume streichen und anderen ehrenamtlichen Tätigkeiten tatkräftig zu unterstützen. „Das kann man doch nicht machen, wenn man vorher so mit den Leuten umgeht“, sagte er und kaufte keine Dauerkarte mehr. Selbst Manager Andy Kleinhansl, vormals Spieler beim VfL Kirchheim, konnte Hoyler nicht umstimmen.

Hinzu kam, dass die Kickers nach dem ersten Aufstieg in die Bundesliga ins rote Neckarstadion wechselten – „Feindesland“ für einen eingefleischten Fan der Blauen. Befremdlich für ihn auch, dass die zweite Mannschaft des VfB ihre Heimspiele auf dem „heiligen Waldau-Rasen“ austrägt. Das sei einfach nicht auszuhalten.

Seither besucht Hoyler nur noch gelegentlich Heimspiele. Dann mit Sohn Markus im Schlepptau, der die Liebe zu den Kickers mit dem Vater teilt. Die aktuell heikle Situation macht beiden Kummer. Der Abgang von Halimi hat ihnen weh getan: „Der fehlt hinten und vorne“, findet Günther Hoyler. Die Suspendierung von Kapitän Marchese sei überfällig gewesen: „Er war ein Stinkstiefel.“ Ob die Kickers die Kurve kriegen? „Ich bin skeptisch. Die Tabelle lügt nicht“, sagt er und wiegt den Kopf hin und her. Nur eins ist sicher: Die Hoylers würden den Blauen auch in der vierten Liga die Treue halten.