Lokalsport

Von den Kriegswirren in die Blütezeit

100 Jahre TG Kirchheim: eine bewegte Geschichte – Einst diente der Sportplatz als Gemüseacker

Die Turngemeinde Kirchheim feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Wegen ihrer Vereinsgeschichte, die zwei Weltkriege beinhaltet, hat sie stürmische Zeiten hinter sich. Aufgrund der Geschehnisse darf der im Arbeitermilieu ­entstandene und von den ­Nationalsozialisten später verbotene Sportverein stolz sein, bis heute überlebt zu haben.

Von den Kriegswirren in die Blütezeit
Von den Kriegswirren in die Blütezeit

Kirchheim. Es war am 2. März 1912 im Saale der Gaststätte Teckkeller, als die TG Kirchheim auf Antrag des damaligen Spiel- und Wanderklubs mit Karl Benz als Erstem Vorsitzendem gegründet wurde und als Mitglied in den damaligen Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) auf­genommen wurde. Die TG bestand damals aus vier Turnsparten: je eine für Männer, Frauen, Zöglinge und Schüler. Erst ein Jahr zuvor war in Kirchheim der VfL-Vorgängerverein Verein für Bewegungsspiele ins Leben gerufen worden, und auch dieser VfB hatte eindeutig turnerische Wurzeln. So existierten in Kirchheim fortan zwei turn-inspirierte Vereine, und sie standen gewissermaßen in direkter Konkurrenz – es muss eine Herausforderung für beide gewesen sein.

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Doch die politischen Verhältnisse kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren seinerzeit instabil und unübersichtlich. Das hatte für den Verein zur Konsequenz, dass ihm die Nutzung der städtischen Turnhalle verweigert wurde. Somit mussten sich die einzelnen TG-Turnsparten mit weniger gut geeigneten Räumlichkeiten in den Randgebieten der Stadt behelfen. Doch trotz dieser Nachteile fanden die Turnstunden regen Zuspruch.

Auf vielfachen Wunsch wurde im März 1913 die Abteilung Fußball gegründet. Vielfach wurde die Sportart zum damaligen Zeitpunkt nur belächelt, das Sagen hatten eindeutig die Turner. Doch die TG-Fußballer blieben buchstäblich am Ball. Zum Zwecke eines unabhängigen Übungs- und Spielbetriebs wurde am 30. März 1913 ein Stück Land an der Jesinger Straße gekauft.

Der Erste Weltkrieg brachte für die Entwicklung der Turngemeinde einen herben Rückschlag. Fortan gab es kaum noch Aktivitäten. Zwar übernahm Gustav Tränkle die Vereinsführung, nachdem die gesamte Vorstandschaft in den Krieg abberufen worden war, doch die Zeiten waren schlecht. Um die Not an Nahrungsmitteln zu lindern, wurde von der Vereinsleitung ein seltener Beschluss gefasst. Der eigene Sportplatz wurde nur noch für den Anbau von Kartoffeln und Gemüse genutzt, es wurden Parzellen zugewiesen, und die Ernte fuhren schließlich die daheimgebliebenen Vereinsmitglieder ein.

Nach Ende des Krieges übernahm Karl Breckel den Vereinsvorsitz. Unter veränderten Verhältnissen konnte sich die Stadtverwaltung jetzt den bekannten Forderungen der Turngemeinde nicht länger verschließen. Entsprechend stellte sie die städtische Turnhalle nun auch den TG-Turnern zur Verfügung. Und auch die Vereinsverantwortlichen dachten um. Der zum Gemüseacker umfunktionierte Sportplatz konnte nach fleißiger Handarbeit der Mitglieder wieder seinen ursprünglichen Zweck erfüllen.

Getreu ihrem Wahlspruch „Großes Werk gedeiht nur durch Einigkeit“ ging es mit der Turngemeinde in den Zeiten der Weimarer Republik aufwärts. Bis 1933 entwickelte sich die TG zum größten und aktivsten Kirchheimer Sportverein. Mit dem Kinder-, Männer- und Frauenturnen, dem Fußball, der Schwer- und Leichtathletik, der Schützen- und einer Sängerabteilung hatte die TG eine breite und vielseitige Sportpalette anzubie­ten. Am 29. Mai 1927 führte die TG die sogenannte Fahnenwei­he durch: Erstmals präsentierte sie unter großer Beteiligung und in einem feierlichen Rahmen der Öffentlichkeit ihre neue Vereinsfahne.

1928 wählte die Generalversammlung Karl Lässing zum Vorsitzenden. Lässing war der Nachfolger von Karl Breckel, der fast zehn Jahre lang den Verein geführt hatte. In Lässings Amtszeit fiel im Juli 1931 die Einweihung des mithilfe von Vereinsmitgliedern aufgebauten neuen Sporthauses mit Tribüne – es war ein Festtag wie er feierlicher nicht hätte sein können.

Am 20. März 1933 begann die zweite düstere Zeit für die TG Kirchheim: Nach Hitlers Machtergreifung wurde der Verein von der NSDAP verboten. Außerdem beschlagnahmten die Nationalsozialisten die Sportplatzanlage, das Sportheim und das Vereinsvermögen, und einzig die Vereinsfahne konnte gerettet werden. Am 14. November wurde über die Löschung der TG im Vereinsregister verfügt. Mitglieder, die sich gegen diesen Beschluss zu wehren versuchten, hatKen mit Verfolgung und Inhaftierung durch die Sturmabteilung (SA) zu rechnen.

Nach dem Krieg wurde die TG neu gegründet (am 14. März 1947), Karl Lässing neuer alter Vorsitzender und die Wiedereintragung ins Vereinsregister beantragt. Nach dem Wiedergutmachungsgesetz dauerte es bis 1949, bis der Verein seine Rückansprüche durchsetzen konnte und seinen Sportplatz mit Sportheim sowie einige vorfindbare Geräte zurückerhielt. Die Mitglieder brachten das verwahrloste Sporthaus und den Sportplatz in Ordnung und bauten die Tribüne des Sporthauses aus, um einen Übungsraum für den Turnsport zu schaffen.

Im Mai 1953 gründete der Verein die Tischtennisabteilung. Da das Fassungsvermögen des TG-Saales durch die Turner seine Kapazitätsgrenze längst erreicht hatte, wurden jetzt neue Pläne für einen Erweiterungsbau geschmiedet. Am 26. Januar 1957 stellte Karl Lässing aus gesundheitlichen Gründen sein Amt zur Verfügung. Ihm folgte Eugen Schnaufer nach, unter dessen Führung die Baumaßnahmen inklusive Gaststätte, Kegelbahn und einer Drei-Zimmer-Wohnung für den Wirtschaftsführer gezielt vorangetrieben wurden. Erneut leisteten die Mitglieder tatkräftige Mithilfe – schließlich führte die zu einem Meilenstein in der Geschichte der TG, die mit der eigenen Sportstätte ihre Unabhängigkeit zu bewahren wusste. 1965 gab es weitere Umbau- und Platzregulierungsarbeiten, die bis August 1967 andauerten. Danach hatten die Arbeiten vorläufig ein Ende. Die TG konnte ihren vergrößerten Sportplatz nun endlich einweihen.

Im Juni 1970, nachdem Eugen Schnaufer aus gesundheitlichen Gründen sein Amt niedergelegt hatte, wählte die Hauptversammlung Karl-­Heinz Beck zum Vorsitzenden. Am 2.  Februar 1975 trat er wegen beruflicher Überbelastung zurück, und als sein Nachfolger wurde Albert Grau gewählt, der ein Jahr später diese Funktion niederlegte, als seine Frau unerwartet verstarb. Jetzt schlug erneut die Stunde von Karl-Heinz Beck. Auf Drängen der Mitgliederversammlung stellte er sich erneut zur Wahl.

In Becks Amtszeit fielen gesetzlich vorgeschriebene Sanierungsarbeiten (1976–1978), die Vergrößerung der unteren Vereinsgaststätte sowie der Beschluss, alljährlich einen Neujahrsempfang für Honoratioren aus Sport und Politik abzuhalten (1981).

Für sein großes Engagement erhielt Beck die Ehrennadel des Württembergischen Landessportbundes (WLSB) sowie die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg.

Inzwischen hatte der einst so volkstümliche Turnsport seinen hohen Stellenwert verloren. Abwanderungen zu anderen Sportarten und ausbleibender Turnernachwuchs hatten bei der Turngemeinde längst zum endgültigen Aus des Turnbetriebes geführt. Eine andere Abteilung kam indes neu hinzu. Im April 1989 versuchte sich eine kleine Freizeitgruppe, bestehend aus TG-Mitgliedern anderer Abteilungen, auf dem neu erstellten Kleinspielfeld im Volleyballspiel. Ein Jahr später wurde die Volleyballabteilung gegründet und der Verein wieder um ein Angebot reicher. Das „Sommerfestival des Sports“ mit eindrucksvollem Sportparcours (1995) und die Einführung eines Seniorentreffs im Sommer 1997 waren weitere wichtige Marksteine in der TG-Historie, aus der sich auch Karl-Heinz Beck danach verabschiedete.

Im Mai 1999 ging der unermüdliche Vereinsvorsitzende nach fast 30  Jahren als Kapitän endgültig von Bord. Ihm folgte Franz Steigerwald nach, den im Sommer 2002 die aktuelle TG-Vorsitzende Silvia Kretzschmar erst interimsweise und dann offiziell von der Hauptversammlung gewählt (im Mai 2003) beerbte. Im Januar 2007 eröffnete die TG-Geschäftsstelle ihre Pforten. In dasselbe Jahr fiel die Gründung einer Taekwondo-Abteilung, die sich dann aber recht schnell wieder auflöste. Zwischendurch allerdings hatte sie riesigen sportlichen Erfolg gehabt. Bei der Kirchheimer Sportlerehrung 2009 schafften sie als erste TG-Sportler überhaupt den Sprung auf die Bühne. Nicht weniger als acht Taekwondo-Kämpfer wurden damals für herausragende Leistungen auf überregionaler Ebene geehrt. Einen weiteren bemerkenswerten Erfolg gab es durch die erste Fußballmannschaft. Nach über 20 Jahren in der untersten Spielklasse schaffte sie unter großem Jubel den lang herbeigesehnten Aufstieg in die Kreisliga A.

In diesem Jahr ist die Turngemeinde 100 Jahre alt geworden, doch gebrechlich ist sie nicht. Das darf auch nicht sein, denn die nächste große Herausforderung auf den 308-Mitglieder-Verein wartet schon. In der letzten Juli-Woche steht die Ausrichtung des 50. Teckbotenpokal-Turnieres auf dem Plan, und da will die TG dann jenes organisatorische Können unter Beweis stellen, das ihr, die Vereinsgeschichte zeigt‘s, schon immer zu eigen war.