Lokalsport

Von Schopfloch in die große Fußballwelt

Steffen Eisele bereist die Fußballstadien dieser Welt – Schockerlebnis in Buenos Aires

Ein Groundhopper aus Schopfloch: Steffen Eisele bereist die Fußball-Stadien dieser Welt. Zur EM nach Frankreich fährt er ­natürlich auch.

Fußball-Tickets aus aller Welt: Ex-Fußballer Steffen Eisele hat als Groundhopper etwa 200 Auslandsfahrten hinter sich.Foto: Mark
Fußball-Tickets aus aller Welt: Ex-Fußballer Steffen Eisele hat als Groundhopper etwa 200 Auslandsfahrten hinter sich.Foto: Markus Brändli

Lenningen. Von Schopfloch aus in die große weite Fußballwelt: Diesen Traum lebt Steffen Eisele (38) schon seit zwei Jahrzehnten. Der gelernte Papiermacher bereist mit Kumpels regelmäßig die Stadien dieser Welt – es ist ein Sport, dem alle verfallen sind. „Gut möglich, dass ich auch mit 70 noch durch die Welt tingle“, sagt Eisele, dessen Laufbahn als Groundhopper mit 17 begann. Seither hat er in 21 Jahren fast so viele Fußball-Locations gesammelt wie andere Leute Briefmarken. „Alleine in England war ich schon in 66 Stadien“, berichtet er stolz. Sein Ziel sind derer 92. „Dann habe ich alle englischen Profi-Stadien durch“.

Eisele operiert bei seinen Entdeckungsreisen in unbekannte Stadien nahezu ohne Grenzen: Südamerika und Nordafrika zähl(t)en ebenso zu seiner geografischen Zielgruppe wie Russland, China und Südkorea. „Groundhopping ist einfach mein Ding“, sagt Eisele, der früher Fußballer des TSV Schopfloch war. Doch seit 2002 verfügt die Kicker-Abteilung des Vereins wegen Personalnot über keine aktive Mannschaft mehr – für Eise­le ein Grund mehr, die internationalen Stadien-Entdeckungsfahrten zu intensivieren. „Einmal pro Monat“ geht er durschnittlich auf große Fußball-Fahrt, und das Abenteuer, neben den fremden Stadien auch Bekanntschaft mit neuen Fankulturen, Sehenswürdigkeiten und Biersorten zu machen, dauert dann drei oder vier Tage. Irgendwann sonntagnachts kehrt er dann heim – um dann noch eine Mütze Schlaf vor der am nächsten Morgen beginnenden Frühschicht zu nehmen. „Manche Arbeitskollegen erklären mich für verrückt“, räumt Eisele schmunzelnd ein.

Den Groundhopper-Bazillus trägt der Schopflocher schon lange in sich. Der führte dazu, dass er 2008 zusammen mit Freundin Ute ins schwedische Råsundastadion reiste, um einem Zweitligaspiel zuzuschauen: AIK Solna gegen GAIS Göteborg. Sein denkwürdigstes Erlebnis hatte er allerdings am 28. Oktober 2012 beim berühmt-berüchtigten Stadtderby in Buenos Aires zwischen den tief verhassten Clubs River Plate und Boca Juniors. Vor 80 000 Anhängern endete das Spiel 2:2 und mit wüsten Ausschreitungen nach dem Abpfiff: Drei Tote gab es damals, und Eisele war Augenzeuge des Dramas. „Ich sah, wie ein jubelnder Boca-Fan nach Spielschluss von einem Stein am Kopf getroffen wurde und vom Bus herun­terfiel. Er war wohl einer der drei Opfer.“ Zehn Tage verbrachte Eisele mit seiner Groundhopper-Gruppe im Land des späteren Vizeweltmeisters, besuchte etliche Stadien – doch das schreckliche Geschehen im Estadio Monumental war nicht aus dem Kopf zu kriegen.

Trotz eines zweiten Risiko-Trips in Argentinien („dorthin wollte uns nicht einmal der Taxifahrer fahren“) war der Südamerika-Flug für ihn locker die rund 2 000 Euro Gesamtkosten (mit Billigflieger) wert. „Die Atmosphäre in den Stadien dort ist einzigartig. Die Leute leben den Fußball förmlich“, sagt er. Noch stimmungsvoller sei es nur im Glasgower Ibrox Stadium beim Stadtderby zwischen den Rangers und Celtic. „Dort ist Hexenkessel“, weiß Eisele aus eigener Erfahrung.

Geschätzt 200 Auslandstouren hat Eisele zusammen mit seinen Freunden in 21 Groundhopper-Jahren unternommen, einen sechsstelligen Betrag dafür investiert. Zurückbekommen hat er nach eigener Aussage tiefe Einblicke in fremde Fankulturen und kulturelle Weiterbildung – „natürlich schauen wir an einem Ort auch die Sehenswürdigkeiten an“. Unterm Strich, sagt er, würde er Groundhopping mit keinem anderen Hobby dieser Welt tauschen, auch nicht für 20 000 Euro. Für ihn ist es wie eine Sucht.

Abschrecken kann ihn bei der Ausübung seiner Lieblingsbeschäftigung, die er sich jährlich bis zu 8 000 Euro kosten lässt, so schnell nichts. Nicht mal die Schreckensvision terroristrischer Untaten während der Europameisterschaft in Frankreich, zu der er nächste Woche aufbricht. „Ich lasse mich doch nicht von Fanatikern von meinem Hobby abhalten“, sagt er trotzig.

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