Lokalsport

Warten auf den einen Moment

Radsport In seiner zweiten Saison mit dem Team Vorarlberg will Jannik Steimle den nächsten Schritt schaffen. Dafür braucht es wie im Rennen das richtige Timing. Von Bernd Köble

Will auch 2019 jubeln: Jannik Steimle. Foto: jsphoto.cz
Will auch 2019 jubeln: Jannik Steimle. Foto: jsphoto.cz

Was wäre, wenn? Das mag sich mancher gedacht haben, als Jannik Steimle beim Teckpokalrennen im Januar in Laichingen auf Skiern durchs Ziel schoss und am Ende einen passablen sechsten Platz ergatterte. Einer, der sein Geld mit Radfahren verdient, hält im Stangenwald die Knochen hin - das geht wohl nur, wenn der Arbeitgeber unter österreichischer Flagge firmiert und der Chef selbst begeisterter Skiläufer ist.

Was wäre, wenn? Das haben sich der Jungprofi aus Weilheim und sein Teamchef Thomas Kofler auch am Ende der vergangenen Saison gefragt. Wäre Steimle am fünften Tag der „Tour of Hainan“ nicht als Zweiter, sondern als Etappensieger nach Deutschland zurückkehrt, hätte er beim Klassiker „Rund um Köln“ im Juni auf den letzten Metern die Kraft besessen, um aus dem Windschatten von Marcel Kittel zu sprinten, das Trikot, das er heute Abend bei der offiziellen Teamvorstellung zum zweiten Mal überstreifen wird, wäre wohl ein anderes.

Kofler ist überzeugt, dass die Zeit seines Schützlings kommen wird. „Bei uns erhält er das Vertrauen, das er braucht, um sich zu entwickeln“, sagt der Chef des drittklassigen Continental-Teams Vorarlberg Santic. „Wenn er vernünftig und gesund bleibt, kann er ein ganz Großer werden.“ Acht junge Fahrer haben Kofler und sein Sportlicher Leiter Werner Salmen seit der Team-Gründung vor 20 Jahren in die Beletage des Radsports katapultiert. Ob Steimle der neunte wird, hängt von vielen Faktoren ab. Oft ist es der eine Moment, in dem die Bühne passt, die Beine gut sind und draußen einer steht mit dem richtigen Blick. Um lukrative Verträge in der World Tour kämpfen sie alle. In Erfüllung geht der Traum nur für wenige. „Ich weiß, dass nicht viel fehlt für ganz oben“, meint Jannik Steimle, und aus seinem Mund klingt das nicht wie das schiefe Selbstbild eines 22-Jährigen. Fünf Siege hat er im vergangenen Jahr eingefahren, neunmal stand er unter den Top fünf auf dem Podium oder verfehlte es nur knapp. Bei der Straßen-DM im Juni in Einhausen kam er nach 228 Kilometern als Achter ins Ziel. Hinter Stars wie John Degenkolb oder Andre Greipel und noch vor Namen wie Marcel Kittel oder Sven Thurau. Der Sieger dort hieß Pascal Ackermann, 25 Jahre jung und seit zwei Jahren bei Bora-Hansgrohe.

Steimle ist jünger, und er brennt vor Ehrgeiz. Spätestens 2020 will er den nächsten Schritt schaffen. Die starke Saison im Vorjahr bestätigen, oder wie er sagt: „eine Schippe drauflegen“. Nicht leicht, nach einer Saison am Limit. 87 Renntage, 25 Stunden Training pro Woche, 30 000 Jahreskilometer - das sind Eckdaten eines Sportlers, der seinem Körper mehr abverlangt, als gelegentlich gut wäre und der gut gemeinten Trainerrat wie diesen öfter hört: Junge, mach langsamer.

Das war nicht immer so. Wenn er heute erzählt, dass die fünf Wochen ohne Rad nach Saisonende das Härteste seit Langem gewesen seien, dann hat er auch die Zeiten im Kopf, als die Trainingsrunden auch mal kürzer ausfielen und er im März mit ein paar Extra-Pfunden am Start stand. Wenn er heute etwas bereue, sagt er, dann das: „Dass ich mir nicht schon früher den Arsch aufgerissen habe.“ Im Frühjahr 2019 ist das alles vergessen. Seine Wattwerte pro Kilo Körpergewicht hat er weiter gesteigert. Er fühlt sich fitter als jemals zuvor in einem Winter. Die Physis passt und das Rennprogramm, das ihn erwartet, wohl auch. Die Equipe aus Vorarlberg hat erstmals eine Wildcard für die Tour of the Alps vom 22. bis 26. April erhalten, wo die gesamte Weltspitze vertreten ist. Thibot Pinot und Tour-Sieger Geraint Thomas hießen dort zuletzt die Gewinner.

Mit dem Spanier José Gallego (23) und dem Schweizer Gordian Banzer (22) hat das Team aus Rankweil zwei junge „Kletterer“ an Land gezogen. Andererseits ist es gelungen, Routiniers wie den Italiener Davide Orrico und Kapitän Patrick Schelling zu halten. Auf Jannik Steimle wartet eine tragende Rolle im Team. Der Wandel vom reinen Sprinter zum Allrounder war ein hartes Wegstück, für das obendrein ein hoher Preis zu bezahlen war. Vor wenigen Wochen erst hat ihn seine Freundin verlassen. Wer 160 Tage im Jahr auf Achse ist, hat wenig Ankerplätze. Weilheim ist der wichtigste für ihn. „Ich werde jetzt ganz auf mich schauen“, sagt er. Das klingt wie eine Kampfansage.

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