Lokalsport

Wettkampfspaß und Schrecksekunden

Der Kirchheimer Bogenschütze Richard Klesmann stand bei den World Games in Kolumbien im deutschen Aufgebot

Er hat mehr erwartet als den elften Platz. Aber ein schönes Erlebnis und eine tolle Erfahrung ist es gewesen. Voller Begeisterung berichtet der Kirchheimer Richard Klesmann (Bogenschützen Nürtingen) von den neunten World Games in Cali/Kolumbien, den Weltspielen der nicht-olympischen Sportarten.

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Kirchheim. Der 51-jährige Kirchheimer, seit 1996 aktiv und seit drei Jahren im Bogenschützen-Nationalkader Feld, war einer von 220 deutschen Sportlern in Cali. Er hatte sich durch Platz eins in der deutschen Rangliste für diese alle vier Jahre stattfindenden Titelkämpfe qualifiziert. In der kolumbianischen 2,6-Millionen-Stadt lief es dann nicht so gut. Nach 2,5 Kilometern und fünfeinhalb Stunden musste er sich mit 607 Ringen und Rang elf zufriedengeben.

667 Ringe hätte er mit seinem Blankbogen ohne Visier benötigt, um ins Finale der besten vier zu gelangen. Am Ende machten die Europäer den Wettbewerb unter sich aus. Es siegte schließlich ein Italiener, gefolgt von einem Spanier, einem Finnen und einem Franzosen. Sie kamen auf dem eng gesteckten Parcours und dem ungewöhnlich nahe bei den Scheiben stehenden Publikum am besten zurecht. Geschossen wurde aus Entfernungen zwischen fünf und 50 Metern.

„Ich hatte mir mehr ausgerechnet“, meint Richard Klesmann etwas traurig. Den Humor hat er nicht verloren. Dem Bogenschützen-Motto „Alle ins Gold“ fügt er noch ein zweites doppeldeutiges hinzu: „Bogen schießen, Freunde treffen.“ Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Hat der in Stuttgart beschäftigte Messtechniker in Cali zu wenig Maß genommen? Die mentale Stärke habe ihm gefehlt, weiß er um seine Schwäche, Gedankenspiele hätten ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Gerne würde er einen Mentaltrainer verpflichten. Doch eine Sitzung bei solch einem Experten koste 100 Euro und dies könne er sich nicht leisten.

Der World-Games-Teilnehmer ist ein lupenreiner Amateur, obwohl er zwei- bis viermal die Woche trainiert. Genauso wie seine Vereinskollegen, die in der ersten Bundesliga vertreten sind und keinen Cent verdienen. Dazu gehört auch seine 25-jährige Tochter Daniela. Die Sportleiterin der BS Nürtingen musste im vergangenen Jahr den Nationalkader verlassen. Lediglich bei einem Turnier in Sternenfels geht es um lukrative Preise. Der Sponsor, ein Juwelier, spendet jedes Mal kleine Goldbarren. Daniela Klesmann sicherte sich vor einer Woche ihren dritten in Folge. „Ich bin stolz auf meine Schützen, die sowohl deutschlandweit als auch international starten“, sagt der BS-Vorsitzende Martin Kindermannn und verweist auf den 14. September. An diesem Tag wird das 25-jährige Vereinsjubiläum mit einem Turnier auf dem heimischen Bogenplatz gefeiert. Beginn ist um 10.30 Uhr, Start des Finales um 16.30 Uhr.

BSN-Aushängeschild Richard Klesmann wurde vor seiner Abreise öfter auf die „gefährliche Reise nach Kolumbien“ angesprochen. Schließlich tobt in dem südamerikanischen Land immer noch ein Drogenkrieg. „Ich bin schon mit gemischten Gefühlen hingeflogen“, gibt der 51-Jährige zu. Aber vor Ort merkte er nichts von irgendwelchen Auseinandersetzungen rivalisierender Banden oder Polizeieinsätzen. Man sagte ihm, die Drogenbosse in und um Cali seien vor zehn Jahren erschossen oder ins Gefängnis gesteckt worden.

Große Probleme gab’s allerdings am dritten Tag der World Games. Ein Sportler verschwand spurlos. Seither habe er nichts mehr von der Sache gehört, erklärt der Kirchheimer. Auf dem Rückflug von Bogota nach Frankfurt wurden ihm der Fotoapparat und das Handy gestohlen. Mittlerweile ist die Kamera mit 600 Bildern wieder aufgetaucht – und ein Litauer als Dieb verhaftet worden.

Während der zwölf Tage in Cali nützte der Bogenschütze die Gelegenheit, etwas von der Umgebung zu sehen und einige der 31 Sportarten zu besuchen. Tanzen, Frisbee, Tai Chi, Billard, Snooker und Rollhockey standen auf dem Programm. Für die Sicherheit der insgesamt 3 000 Athleten waren 12 000 Polizisten verantwortlich. 3 200 freiwillige Helfer sorgten für einen reibungslosen Ablauf. Aber nicht diese immensen Zahlen beeindrucken Richard Klesmann, sondern etwas ganz anderes: „Die Menschen in Kolumbien sind unheimlich freundlich. Das hat mich total überrascht.“ Bei der Rückkehr auf dem Frankfurter Flughafen sei ihm dann schnell wieder das Gegenteil aufgefallen. Die nächste Reise folgt. Ende August steht die EM in Terni bei Rom an. „Alle ins Gold“ heißt es dann wieder. Oder: „Bogen schießen, Freunde treffen“.

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