Lokalsport

Wie ein Stück Wilder Westen

Das Frickenhausener Enduro-Rennen führt über Wiesen, Wälder und durch Wasserlöcher – „Angst darf man keine haben“

Ein echter Spaßbringer: das Frickenhausener Enduro-Rennen. Nicht nur für die Zuschauer, auch für die Fahrer. Letztere lieben Kurs und Atmosphäre.

Über Stock und Stein: Enduro-Rennfahrer in Frickenhausen.Foto: Ralf Just
Über Stock und Stein: Enduro-Rennfahrer in Frickenhausen.Foto: Ralf Just

Frickenhausen. Eine letzte Umarmung vor dem Start. Seine Familie steht neben ihm, seine Freundin auch. Das Grüppchen schlägt die Zeit tot, bis es für Pascal Springmann losgeht. Der hochkarätige Neuzugang des MSC Frickenhausen – Springmann fährt in der deutschen Enduro-Meisterschaft – wartet auf sein Rennen. Noch eine Minute, tönt es aus dem Lautsprecher, die Musik wird dramatisch, wie jedes Mal, wenn der Startschuss in der Alten Ziegelei naht. Ein Knall, ein Sprint zum Motorrad, ein Druck auf den Knopf für den E-Starter, dann bebt die Erde. Das Feld schießt aus der Startaufstellung, rast auf die erste Kurve zu. Und schon auf den ersten Metern wird klar, dass es die nächsten vier Stunden ein heißes Rennen geben wird, und zwar nicht nur wegen der Sonne, die gnadenlos vom Firmament sticht.

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Erneut hatte der MSC Frickenhausen zum Rennen im Rahmen des in Süddeutschland unter Hobbyfahrern beliebten ADAC-Enduro-Cups geladen. Rund 400 Fahrer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kamen zu einer der schönsten Strecken weit und breit. Der mehr als dreieinhalb Kilometer lange Kurs schlängelt sich wahlweise über Wiesen, durch Wälder und steile Auffahrten und birgt manchen langen Sprung und manches tiefe Wasserloch in sich. Es kommen viele Spaß-Fahrer, doch immer mal wieder schauen auch die richtig schnellen Cracks der Enduro-Szene vorbei.

Eine Stunde vor dem Start. Springmann, freier Oberkörper, Motocrosshose an, sitzt im Schatten eines Wohnwagens. Der 25-Jährige wirkt schmächtig, gar nicht so bullig, wie man sich die Topstars dieser Sportszene eben so vorstellt, mit Tätowierungen und bösem Blick. Stattdessen lächelt er praktisch an einem Stück und erzählt, wie er zum Enduro-Sport gekommen ist. „Mit vier Jahren bin ich zum ersten Mal Motorrad gefahren“, sagt er. Mit elf Jahren fing er an, Trial zu fahren, machte die verschiedenen Klassen durch, erst in Baden-Württemberg, dann in der deutschen Meisterschaft. Zuletzt, schon erwachsen, wurde er 2010 der fünftbeste Trialer in Deutschland. Schließlich wechselte er ins schnellere Metier und brach sich innerhalb von zwei Monaten zuerst die Schulter, dann das Handgelenk.

Die Hektik im Fahrerlager schwillt langsam, aber spürbar an. Sportler zwängen sich in ihre Brustpanzer und Stiefel, manche schieben ihre Maschinen von irgendwo nach irgendwo, andere kontrollieren noch schnell die Motorradbrille. Auch wenn das Enduro-Fahren langsamer, dafür aber technisch anspruchsvoller ist als der Motocrosssport, steht Sicherheit im Vordergrund. Kein Motorrad darf an der Start, wenn es nicht vorher die technische Kontrolle bestanden hat. Und die Fahrer bekommen auf dem Vorplatz per Megafon noch schnell einen Crashkurs in Sachen Flaggenkunde.

Springmann, der eigentlich aus Marbach nördlich von Stuttgart kommt, tritt seit diesem Jahr auch für den MSC Frickenhausen an, weil sich auf der Strecke so gut trainieren lässt. „Eigentlich hab ich ja noch einen Muskelkater von gestern“, sagt er und dreht sich auf seinem Stuhl hin und her. Gestern, das war am Samstag, da ist er in der Einzelklasse angetreten. Nach zwei Stunden stand er ungefährdet auf dem obersten Podestplatz. Heute, am Sonntag, tritt er zusammen mit Maxi Hahn im Teamwettbewerb an. Die beiden wollen sich die nächsten vier Stunden über immer wieder abwechseln auf ihrer Rundenhatz.

Schnell war er ja schon immer. 2013 und 2015 nahm er am Erzbergrodeo in der Steiermark teil, dem wohl härtesten Enduro-Rennen der Welt. 2014 vertrat er Deutschland bei den Six Days in Argentinien und landete mit dem Team auf dem vierten Platz. Derzeit ist sein Ziel, sich in der Top 10 der deutschen Meisterschaft festzukrallen. „Angst darf man keine haben, Respekt schon“, sagt er. „Man darf nur das machen, was man sich selber zutraut.“ Ob sich der Mann des MSC Frickenhausen denn auch den nächsten Schritt zutraue, in die Europameisterschaft zum Beispiel? „Man muss da schon auf dem Boden bleiben“, sagt er. „Ich studiere Fahrzeugtechnik. Und das unter einen Hut zu bringen, wenn man das semiprofessionell betreibt, ist schwierig.“

Schnell sind an diesem Sonntag aber auch andere. Schon nach der ersten Kurve liegt bei den Experten nämlich nicht das Team Springmann/Hahn vorne, sondern Mike Kunzelmann/Jan Schäfer. Die beiden ziehen in den nächsten Stunden unaufhaltsam davon, und letztlich reicht es für den MSC-Neuzugang nur für den dritten Platz. „Erst hatten wir technische Probleme“, sagt Springmann. Dann spielte noch sein Kreislauf verrückt. Alles in allem „bin ich mit dem Ergebnis unzufrieden“.

Nach dem Rennen sitzen die beiden MSC-Eigengewächse Sven Kümmel und Rouven Stingl im Schatten ihres Zeltes neben der Wechselzone und sehen aus wie ausgewrungene Waschlappen. „So habe ich noch nie bei einem Rennen gekämpft. Die Hitze war abartig“, sagt Kümmel und schnauft schwer. Trotzdem grinst er, so gut er eben kann. Immerhin sind die beiden eben auf den fünften Platz in der Expertenklasse gefahren.

Früher sind die beiden Mountainbike gefahren, dann haben sie das benzingeschwängerte Hobby für sich entdeckt, und nachdem sie in der vergangenen Saison so gut in der Aufsteigerklasse des ADAC-Enduro-Cups unterwegs waren, müssen sie dieses Jahr in der höchsten Stufe ran. Stingl ist sich sicher: „Ein Podium kriegen wir auch noch hin.“