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„Wir müssen näher an den Menschen hier in Kirchheim sein“

Interview: Der neue Knights-Trainer Michael Mai gilt als erfolgreicher Netzwerker und Nachwuchsförderer im Basketball

Der Vertrauensvorschuss ist groß, die Erwartungen sind es nicht minder. Auf Michael Mai wartet in Kirchheim ein Berg von Arbeit. Im Interview verrät der neue Trainer der Knights, warum ihn diese Aufgabe reizt.

Knights-Coach Michael Mai - Trainer
Knights-Coach Michael Mai - Trainer

Sie sind jetzt seit einer Woche in Kirchheim. Was ist Ihr erster Eindruck?

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Mai: Es gab viel zu tun. Ich mag die Gegend hier. Sie erinnert mich an zu Hause in Portland, Oregon. Viele Bäume und Hügel, viel Landschaft. Das ist herrlich. Auch die Leute hier sind unglaublich herzlich. Als ich angekommen bin, hat mich meine neue Vermieterin erst mal zur Pizza eingeladen. Sie meinte, nach so einer langen Autofahrt sollte man ordentlich essen.

Sie sind in Oregon aufgewachsen?

Mai: Geboren und aufgewachsen bin ich in Afrika. Zunächst in Äthiopien, danach in Nigeria und in Liberia. Meine Eltern waren beide Lehrer dort an verschiedenen Schulen. Mein Vater arbeitete zudem als Pastor. Ich kam erst mit 13 Jahren in die USA, als ich auf die High School wechselte.

Das heißt, Sie haben erst spät mit Basketball angefangen?

Mai: Nicht ganz. Ich habe in Afrika die letzten beiden Jahre an der Junior High School gespielt. Davor spielte ich Fußball. In unserer Familie hat sich jedoch immer alles um Basketball gedreht. Mein Vater war Spieler und Trainer am College und an der Universität, meine Mutter war Cheerleader. In der Region, in der wir in Äthiopien lebten, nannte man meinen Dad den Vater des Basketballs in Äthiopien. Auch alle meine vier Brüder spielen Basketball.

Wie haben Sie Ihre Kindheit in Afrika empfunden?

Mai: Es war auf jeden Fall eine interessante Zeit. Michael Jentzsch, ein Deutscher, mit dem ich aufgewachsen bin und mit dessen Familie wir wegen des Bürgerkriegs Liberia verlassen mussten, lebt heute in Bremen, wo er lange auch Basketball in der zweiten Liga spielte. Er hat ein Buch über seine Zeit in Afrika geschrieben, das zum Bestseller wurde. Es heißt „Blutsbrüder“ und handelt von der Freundschaft zu einem afrikanischen Jungen.

Kirchheim ist nach Magdeburg und Hannover Ihre dritte Station in Deutschland. Wie vertraut sind Sie schon mit dem System Kirchheim Knights?

Mai: Ich kenne inzwischen die meisten wichtigen Leute, ich kenne die Halle und die Jugendtrainer. Was ich noch nicht kenne, sind die Fans. Da freue ich mich drauf.

Sie haben sich schon zwei Mal mit Ludwigsburgs Headcoach John Patrick getroffen. Was erhoffen Sie sich von der Kooperation, die – wie immer wieder betont wird – intensiviert werden soll?

Mai: Zunächst geht es ganz konkret um eine erfolgreiche Kaderplanung. Eine Schlüsselrolle dabei spielen die deutschen Spieler. Das war einer der Gründe, weshalb wir in Ludwigsburg waren, um zu sehen inwieweit wir da voneinander profitieren können.

Dabei ging es sicher auch um die Zukunft von Johannes Joos.

Mai: Wir haben uns auch über Johannes unterhalten. Er könnte eine solche Rolle übernehmen, vorausgesetzt, er könnte sich selbst vorstellen, ein weiteres Jahr in Kirchheim zu spielen. Er hat meiner Meinung nach im vergangenen Jahr einen großen Schritt nach vorne getan. Ich hätte ihn gerne in Kirchheim.

Gibt es Kontakte zu anderen deutschen Spielern?

Mai: Wir haben einige Optionen, aber da ist es noch zu früh, über Namen zu reden. Geben sie uns noch ein, zwei Wochen Zeit. Wir haben mit Radi Tomasevic und Daniel Krause auf jeden Fall schon mal zwei sehr gute Schützen im Team. Radi ist der Erfahrene, Daniel der Hungrige. Das passt. Was uns jetzt noch fehlt, ist ein Starting Center oder ein Starting Point Guard. Eines von beidem werden wir brauchen, um mehr Freiheit bei der Besetzung der amerikanischen Positionen zu haben.

In den vergangenen Jahren haben die Knights meist zu den kleineren Teams in der Liga gezählt, die versucht haben, mit Tempo das Spiel zu machen.

Welche Art Mannschaft erwartet uns in der neuen Saison?

Mai: Ich habe in den USA immer kleine Mannschaften trainiert. Wir nennen es Small-Ball-Teams. Ich bin der Meinung, aus Tempo lässt sich leichter ein Vorteil ziehen, als aus Größe. Große Center, die dir als Mannschaft richtig weh tun können, spielen in Deutschland ohnehin in der ersten Liga. Ich würde sicher nicht nein sagen zu einem 2,10-Mann, der eine tragende Rolle spielt. Das ist „nice to have“, aber keine Notwendigkeit. Spieler wie etwa Marcus Smallwood machen in dieser Liga einen richtig guten Job.

Lese ich da einen Wunsch von Ihren Lippen ab?

Mai: (lacht) Das war nur ein Beispiel, weil ich wusste, dass Sie ihn kennen.

Sind Sie ein Fan von Marcus Smallwood?

Mai: Ich sage nicht, dass ich ein Fan bin, aber ich hasse ihn auch nicht. Ich sage nur meine Meinung. Schließlich habe ich mehrere Jahre als Trainer gegen ihn gespielt.

Nach seinem Jahr in der Pro B mit Speyer wäre er frei.

Mai: Sie glauben gar nicht, für wie viele amerikanische Forwards das zurzeit gilt. Nein, im Ernst, wir haben über mögliche Amerikaner noch nicht einmal begonnen zu reden. Jetzt geht es erst einmal um die deutschen Positionen.

Wäre es denkbar, dass wir kommende Saison ein Team in Kirchheim erleben mit vielen bekannten Gesichtern?

Mai: Für die Fans wäre das großartig. Aber es ist nicht notwendig. Unsere Aufgabe ist es, die optimale Lösung zu finden, die in unser Budget passt.

In Kirchheim wird sehr viel Hoffnung gesetzt in Ihre guten Kontakte zu Trainern, Teams und Spielern in den USA. Mit Jacob Doerksen und Richie Williams haben Sie zwei Spieler nach Hannover geholt, die danach mit Vechta in der BBL richtig eingeschlagen haben. Sind diese Hoffnungen auch in Kirchheim berechtigt?

Mai: Es macht mich stolz, wenn Spieler eine solche Entwicklung nehmen. Auch Michael Fakuade kam über mich nach Hannover. Der war vergangene Saison in Essen einer der besten Rebounder in der Pro A, obwohl er nur mäßig Spielzeit hatte. Ich will das nicht überbewerten, aber es ist auf jeden Fall ein Vorteil, dass ich das US-System ganz gut kenne.

Welche Rolle spielt dabei News Release Basketball, die christliche Vereinigung, für die Sie nebenbei arbeiten?

Mai: Beides ist wichtig, News Release und meine Vergangenheit als Spieler. Dadurch ergeben sich viele Kontakte. Das Wichtigste aber ist, dass man das amerikanische System versteht. Dass Leistung vergleichbar wird, dass man mehr aus einer Biografie herauslesen kann als reine Statistiken.

Wie steht es um Ihre Kenntnisse des deutschen Systems?

Mai: Ich bin froh, sagen zu können, dass ich in den vergangenen Jahren in Deutschland in einer sehr glücklichen Situation war. Nicht immer einfach, aber ich konnte dazu lernen, mich weiterentwickeln, die Leute treffen, die man treffen muss. Heute kenne ich viele Trainer in der BBL, ich kenne die Pro A und die Pro B und ich habe in den Nachwuchs-Bundesligen gearbeitet. Für diese Chancen bin ich dankbar.

Wie würden Sie sich selbst als Trainer charakterisieren?

Mai: Ich bin ein Team-Guy. Nicht ich allein stelle das Team zusammen. Das sind viele Räder, die sich drehen müssen. Wenn du mehrere kluge Köpfe um einen Tisch hast, triffst du immer eine bessere Entscheidung als alleine.

Sie gelten als sehr besonnener und ruhiger Typ. Was ist Ihre Art, eine Mannschaft zu motivieren?

Mai: Der Eindruck, ich sei ein ruhiger Trainer, mag täuschen (lacht). Ich bin überzeugt, dass man als Trainer Ruhe ausstrahlen sollte, weil sich das Verhalten des Trainers auf die Mannschaft überträgt. Man sollte immer ein Kämpfer sein, der mit Feuer und Leidenschaft seinen Job macht, aber trotzdem einen kühlen Kopf behalten. Diese Balance ist eigentlich das Entscheidende, auf der Bank und auf dem Spielfeld. Wenn es nötig ist, dass man laut wird, dann werde ich auch laut. Meine Großmutter hat einmal ein Spiel besucht, bei dem ich als Trainer an der Seitenlinie stand. Es war ein sehr hart umkämpftes Spiel, und sie war zum ersten und einzigen Mal überhaupt dabei. Sie saß direkt hinter der Trainerbank, kam nach Spielende auf die Mannschaft zu und meinte: Ich weiß nicht, was ihr mit meinem Enkel angestellt habt, aber ich würde ihn gerne so wie er war zurückhaben.

Verspüren Sie in Kirchheim Druck?

Mai: Ich liebe die Herausforderung. In einer gewissen Weise ist die Aufgabe für mich sogar leichter als in Hannover, weil ich im Management eine Mannschaft um mich habe, mit der ich mich austauschen kann. Aber klar, das Level ist höher.

Die Tigers in Hannover haben mit viel persönlichem Engagement lange gegen die Finanznot angekämpft. Am Ende vergeblich. Wie viel von dem, was Sie in Kirchheim bisher kennengelernt haben, erinnert Sie an Ihre alte Arbeitsstätte?

Mai: Nicht sehr viel. Hannover ist anders. Ich möchte nichts Negatives darüber sagen. Als ich nach Hannover kam, gab es schon einige finanzielle Probleme. Das mag in Kirchheim jetzt vielleicht ähnlich sein. Aber Hannover hatte nicht den Ruf und den Rückhalt in der Öffentlichkeit, die ich hier in Kirchheim sehe. In Hannover gab es eine Führungsspitze, die sehr viel Herzblut und Leidenschaft in das Projekt Basketball investierte. Aber das Drumherum war einfach zu wenig. Das ist ein großer Unterschied zu Kirchheim. Hier gibt es mehr Leute, die sich um die Organisation kümmern und diesen Traum leben.

Die Knights stehen meiner Ansicht nach an einem Scheideweg, sportlich und wirtschaftlich. Die nächsten beiden Jahre könnten entscheidend sein für die Frage, in welche Richtung sich Basketball in Kirchheim dauerhaft entwickelt. Sehen Sie das genauso?

Mai: Ich würde Ihnen zustimmen. Ich denke, die kommenden paar Jahre sind enorm wichtig.

Sie sind ein Teil davon.

Mai: Ja, und das finde ich großartig. Die Leute hier haben etwas Großes geschaffen. Sie haben vor zwei Jahren gezeigt, dass sie nur einen Schritt vom ganz großen Traum entfernt sind. Diesen Glauben, diese Euphorie wieder zu entfachen, ist harte Arbeit, die vor allem im Nachwuchsbereich beginnt. Natürlich brauchen wir dafür neue Sponsoren, die dies unterstützen. Vor allem aber brauchen wir die Basketball-Familie, die Jugend und die Fans. Wir brauchen mehr Camps, wir brauchen den Klub, die Mannschaft und auch den Trainer näher an den Menschen hier in Kirchheim. Sponsoren müssen mit Stolz sagen können, ich stehe hinter den Kirchheim Knights. Daran würde ich gerne mitarbeiten.