Lokalsport

„Wow! Was habe ich da gerade erlebt“

Segelflug Neues vom WM-Crash zwischen Hahnweide-Pilot Michael Eisele und dem Australier Steve O‘Donnell. Das Kollisionswarngerät schlug an. Von Thomas Pfeiffer

Segelfliegen bleibt seine Leidenschaft trotz des Crashs: Hahnweide-Pilot Michael Eisele (34).Pressefoto
Segelfliegen bleibt seine Leidenschaft trotz des Crashs: Hahnweide-Pilot Michael Eisele (34).Pressefoto

Knapp fünf Wochen nach dem Vorfall geht Michael Eisele an Krücken: Laufen ohne Hilfsmittel ist für ihn nach Fuß-Fraktur und Fuß-OP noch nicht möglich. Doch die Physiotherapie macht Fortschritte. Bis Ende Februar noch krank geschrieben, will er danach wieder gehfähig sein, seinen Beruf ausüben und sogar ins Cockpit eines Segelflugzeugs steigen. „Ich hoffe, ich kann Mitte März auf der Hahnweide schon wieder meinen ersten Flug machen“, sagt der 34-jährige Kirchheimer.

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Eisele ist Positivdenker. Düsteres Gedankengut nach seiner lebensgefährlichen Kollision mit dem Australier Steve O‘Donnell am 14. Januar bei der Segelflug-Weltmeisterschaft im australischen Benalla ist ihm fremd. Er weiß, dass er nur haarscharf einer Segelflug-Tragödie entging, die im Extremfall zwei Menschenleben gekostet hätte und dem Segelfliegersport eine neue Sicherheitsdiskussion eingebracht. Hätte. Der Crash, laut der australischen Tageszeitung „The Border Mail“ in etwa 1 600 Meter Höhe am späten Samstagnachmittag (Ortszeit) passiert, endete deswegen glimpflich, weil beide Piloten binnen weniger als zehn Sekunden den richtigen Schluss gezogen und auf den Rettungsfallschirm als einzigen Ausweg gesetzt hatten. Wobei O‘Donnell am wenigsten die Wahl hatte. „Seine Maschine war nach dem Touchieren ins Trudeln gekommen“, schilderte Eisele die Szene, die im Segelflugsport einem Super-Gau gleichkommt. Im Hospital in der Hauptstadt Canberra trafen sich die beiden Unfallgegner und Glückspilze später wieder - und reichten sich sportsmännisch erstmal die Hand. Der Australier hatte eine Rückenverletzung erlitten, nachdem er nach dem Landen von starken Winden meterweit davongetragen wurde und offenbar gestürzt war.

„Hörte einen dumpfen Einschlag“

Seit wenigen Wochen ist Michael Eisele wieder in Kirchheim. Seither muss er immer wieder weltweit Mail-Anfragen beantworten - befreundete Piloten fragen nach seinem aktuellen Gesundheitszustand. Ihm geht‘s den Umständen entsprechend gut - wenn da nur nicht der viele Papierkram mit den Versicherungen wäre. Der hält ihn auf Trab und erinnert Tag für Tag an den WM-Unfall.

Dessen genaue Ursache bleibt offiziell weiter ungelöst. Genauso wie die Antwort auf die Frage, ob Wetterumstände, technisches Versagen oder ein Pilotenfehler die Fast-Katastrophe eineinhalb Kilometer über dem Boden auslösten. Fakt ist, dass das bei der WM eingesetzte Kollisionswarngerät („FLARM“) funktionierte und kurz vor dem Crash auch anschlug. „Als die erste Warnmeldung kam, war O‘Donnell etwa 60 Meter hinter mir und 20 Meter unter mir“, berichtete Eisele. Ein paar Sekunden später krachte es. „Ich hörte einen dumpfen Einschlag im hinteren Teil meines Segelflugzeuges. Kurz danach war es nicht mehr steuerbar. O‘Donnell hatte mich wohl mit der Nase seines Flugzeugs touchiert“.

Weshalb das Warnsystem den Zusammenstoß der beiden 15-m-Klasse-Piloten nicht (indirekt) verhindern konnte, bleibt ein Rätsel. „Mein Segelflugzeug muss formatfüllend zu sehen gewesen sein“, behauptet der Kirchheimer. Der Vorwurf eines Pilotenfehlers bleibt allerdings unausgesprochen. Mangels Beweisen. „Ich mache keine Schuldzuweisungen“, sagt Eisele. Im schwebenden Verfahren steht viel auf dem Spiel: Schadensersatzleistungen in fünf- bis sechsstelliger Höhe.

Die juristischen Konsequenzen sind offen, die sportlichen Konsequenzen nicht mehr. „Die Segelfliegerei werde ich auch in Zukunft betreiben“, sagt Eisele, der seit 21  Jahren „ununterbrochen“ fliegt und fest an die Sicherheitsstandards der Zukunft glaubt. Ein Rücktritt ist für den Weltklasseflieger von der Teck kein Thema - der Beinahe-Tragödie in Australien zum Trotz. Nach dem Zusammenstoß sei er zwar „voller Adre­nalin“ gewesen, hätte aber „nie unter Schock“ gestanden. Und Angst hätte er auch keine gehabt.

Auf dem fünften Kontinent zeigte sich Eisele als Meister der Lockerheit - erst in luftiger Höhe unter Todesgefahr, dann drunten, auf dem Stoppelfeld, nach geglückter Landung. Was ihm, auf festem Boden und gerettet, am 14.  Januar als Erstes durch den Kopf geschossen sei, wurde er gefragt. Antwort Eisele: „Wow! Was habe ich da gerade erlebt“.