Lokalsport

Zwischen Szenenapplaus und Visionen

Das Ergebnis erwartungsgemäß, das Erlebnis außergewöhnlich: Die Fußballgruppe des Flüchtlingsheims an der Dettinger Straße hat sich am Dienstagabend vor 300 Zuschauern am Platz der TG Kirchheim beim 1:9 gegen U 19-Bundesligist VfB Stuttgart wacker geschlagen.

Kein Bild wie jedes andere: Die VfB-Bundesligajunioren und die Flüchtlinge aus der Dettinger Straße vor dem Spiel auf dem TG-Pla
Kein Bild wie jedes andere: Die VfB-Bundesligajunioren und die Flüchtlinge aus der Dettinger Straße vor dem Spiel auf dem TG-Platz. Foto: Deniz Calagan

Kirchheim. Dass es überhaupt zu diesem Match auf dem TG-Sportplatz kommen konnte, hatten Akteure und Besucher auch einem Ex-Präsidenten des VfB Stuttgart zu verdanken. Gerd Mäuser war jener Initiator, der vor einigen Jahren dafür sorgte, dass Jugendmannschaften des Cannstatter Klubs einmal pro Jahr eine Partie unter sozialen Gedanken bestreiten.

Punktgenau wurde nun die Landung in Kirchheim deshalb, weil mit Giuseppe Forzano der Co-Trainer der Stuttgarter Youngster just in Kirchheim beheimatet ist. Einige persönliche Gespräche, diverse Telefonate – und der Spieltermin stand schnell fest. Kein Wunder also, dass der ehemalige Oberliga-Kicker des VfL Kirchheim bei angenehmen äußeren Bedingungen zufrieden dreinschaute. „Absolut positiv“ sei alles gelaufen, sagte Forzano nach dem Schlusspfiff der Unparteiischen Sarafina Guidara (TG Kirchheim), die mit ihren beiden Assistenten von der Schiedsrichtergruppe Nürtingen der guten Sache wegen unentgeltlich zur Pfeife griff.

Für die Stuttgarter Junioren – vor dem Anpfiff von ihrem Kirchheimer Fitnesscoach Tobias Unger professionell auf Betriebstemperatur gebracht – war es nach einer durchwachsenen Bundesliga-Saison fast schon der Ausklang der Runde. „In wenigen Tagen beginnt für unsere Spieler die Pause, bereits in vier Wochen startet dann die Vorbereitung auf die neue Saison“, erläuterte Ilija Aracic (44), einst unter anderem Profi bei Hertha BSC Berlin und Arminia Bielefeld, nun seit über drei Jahren Trainer der VfB-Junioren.

Die jungen „Roten“, bei denen mit Kevin Ikpide ein gebürtiger Weilheimer kickt, offenbarten im Freundschaftsmatch standesgemäß viel taktische und technische Finesse sowie körperliche Robustheit, denen das Flüchtlingsteam, das kurz vor Spielbeginn noch von Intersport Räpple mit 20 Paar Gratis-Kickschuhen ausgerüstet worden war, viel Enthusiasmus und Spielfreude entgegenbrachte.

Gleich zweimal gab es vom Publikum sogar überproportional starken Szenenapplaus für die Jungs aus Kirchheim: als in der Anfangsphase der agile Torwart Musa Jammeh eine VfB-Großchance mit einer spektakulären Flugeinlage entschärfte, und des Weiteren für Elidon Gubere, der beim Stande von 0:2 den einzigen Treffer für die Teckstädter markierte.

Der Extra-Beifall war sichtlich motivierend für das von Said Kenneth und Munya Chonyera betreute Kirchheimer Team. Es agierte folglich die komplette Spielzeit im Wettkampfmodus. „Wenn die Jungs noch länger zusammen kicken, wird ihr Spiel auch in taktischer Hinsicht noch besser“, frohlockte am Spielfeldrand Joachim Kehl-Silcher, der zur Trainer- und Betreuergruppe gehört. Kollege Said Kenneth („wir wollen möglichst noch öfter mit den Jungs trainieren“) sieht dies ähnlich.

Die Überlegungen von TG-Funktionär Wolfgang Kretzschmar gehen sogar noch einen großen Schritt weiter. „Möglicherweise meldet die Turngemeinde in der kommenden Saison eine zweite Mannschaft für den Spielbetrieb an, die sich dann zum Großteil aus den Spielern der Dettinger Straße rekrutieren würde“, formulierte er seine Visionen. Die vereinsinterne Entscheidung darüber stehe allerdings noch aus.

Neben den integrativen Gedanken dürften auch die sportlichen eine wesentliche Rolle spielen. „Es sind einige Akteure dabei, die sicherlich locker in der Kreisliga, wenn nicht sogar Bezirksliga mitspielen können“, lautete beispielsweise das Urteil von Frank Münchinger, einem Kenner der lokalen Fußballszene.

Jede Menge netter Szenen schließlich nach dem Schlusspfiff. Neben Händeschütteln und Umarmungen gab es unzählige in Englisch geführte Gespräche zwischen den Spielern beider Teams, die ihren ersten Hunger an einer Ladung Obst stillen konnten, die der benachbarte Edeka-Supermarkt gespendet hatte – wie so vieles an diesem Abend der guten Sache wegen.

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