Lokalsport

Zwischen Zeitung, Post und Radmarathons

Extremsport Birgit Zimmermann aus Lindorf meistert Radevents mit mehreren Tausenden Kilometern.

Unschlagbares Duo: Birgit Zimmermann und ihr neunjähriger Drahtesel. Foto: privat
Unschlagbares Duo: Birgit Zimmermann und ihr neunjähriger Drahtesel. Foto: privat

Kirchheim. Sie sind Nachbarsleut‘ in Lindorf und radeln für ihr Leben gern. Aber mit extrem unterschiedlichem Hintergrund. Manuel Fumic (37) fährt Mountainbike, ist Olympiateilnehmer und fünffacher Deutscher Meister im Cross Country. Birgit Zimmermann (58) meistert Maxi-Strecken von mehreren Hundert, ja Tausenden Kilometern. Sie ist die Marathonfrau auf zwei Rädern.

Radevents sind Zimmermanns späte Liebe. Vor elf Jahren ist sie auf den Geschmack gekommen. Inzwischen hat sie mit ihrem neun Jahre alten Drahtesel schon unzählige Rennen bestritten. Und das bemerkenswert erfolgreich. In der deutschen Jahreswertung 2019 belegt sie in ihrer Altersklasse aktuell den fünften Platz.

Das Geld für ihr Hobby verdient sich die verheiratete Mutter zweier erwachsener Kinder mit einem Doppeljob. Nachts trägt sie Zeitungen aus. Das heißt: Aufstehen zwischen ein und drei Uhr, je nach Entfernung und Größe des Bezirks. Erster Feierabend morgens gegen sechs Uhr. Um halb Sieben Wechsel zur Post. Dann heißt es Briefe und Pakete zustellen am Kirchheimer Würstlesberg. Geschlafen wird ab 22 Uhr. „Wenn‘s zu vier Stunden reicht, ist das optimal. Mehr brauche ich nicht.“

Im Urlaub schwingt sich die drahtige Frau regelmäßig in den Sattel. Ihr jüngster Coup war der Radmarathon Paris - Brest - Paris über 1200 Kilometer. Dafür musste sie sich erst einmal qualifizieren. Vier Strecken mit Zeitvorgabe. Die ersten drei bestritt sie auf Mallorca, jeweils mit einem Tag Pause. Zum Einstand 200 Kilometer. Dann 300. Schließlich 400. Die härteste Prüfung, 600 Kilometer am Stück, absolvierte sie in Irland, wo ihre Tochter lebt. Als die Vorleistungen in einem Stempelheftchen dokumentiert waren und sie sich in Paris anmelden wollte, waren alle Startplätze bereits ausgebucht. Sollte die ganze Mühe umsonst gewesen sein? Nach ein paar Tagen der Ungewissheit wurde sie nachträglich als eine von über 6000 Teilnehmern ins Starterfeld aufgenommen.

Sie packte zwei Satteltaschen voll mit dem Notwendigsten. Mit dem ICE ging‘s in die französische Hauptstadt. Dann der Start an einem Sonntagabend in Rambouillet. Die erste Nacht wurde komplett durchgefahren, die nächsten Nächte mit Schlafpausen. Übernachtungen im Matratzenlager lehnte sie ab: „Da wurde zu viel geschnarcht.“ Sie rollte lieber ihren Schlafsack aus und schlief im Freien. „Be i schönem Wetter und Temperaturen zwischen sechs und acht Grad ging das ganz gut.“

Nach knapp viermal 24 Stunden war sie wohlbehalten am Ziel. Ihr Fazit: „Das Rennen hat richtig Spaß gemacht. Bis auf die Verpflegung durch den Veranstalter. Die war mangelhaft. Manche haben mit Magenschmerzen unter Tränen aufgeben müssen. Begeistert war ich von den Zuschauern. Sie standen am Straßenrand, haben uns angefeuert und mit Essen und Trinken versorgt.“

Inzwischen trägt Birgit Zimmermann wie seit 39 Jahren wieder Post und Zeitungen aus. Aber die nächsten Herausforderungen stehen schon fest: Ende Oktober will sie gemeinsam mit ihrem Mann den Jakobsweg vollenden und im nächsten Jahr die 7000 Kilometer lange Strecke von der West- zur Ostküste der USA in Angriff nehmen - selbstverständlich mit dem Rad. Klaus Schlütter

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