Bissingen. Bereits seit etlichen Jahren beschäftigen sich Bissinger Bürger mit dem Schicksal von Wilhelm Weißburger, der 1916 als 14-jähriger Waise in die Seegemeinde kam. Er arbeitete in der Landwirtschaft und Schäferei von Fritz Ziegler und später bei Kolb & Schüle und Grüninger & Prem in Kirchheim. Im Oktober 1933 heiratete er die Bissingerin Anna Maria Ehni und lebte mit ihr in der Hinteren Straße 41. Die Ehe blieb kinderlos. 1942 wurde er abgeholt und nach Nürtingen gebracht. Von da kam er vermutlich in die Konzentrationslager Welzheim und Auschwitz. Anna Maria Weißburger erhielt im Januar 1943 über das Rathaus Bissingen die telefonische Mitteilung, dass ihr Mann an den Folgen einer Lungenentzündung verstorben sei.
Im früheren Weißburgerschen Haus in der Hinteren Straße 41 in Bissingen wohnt heute die Künstlerfamilie Tränkner. Als Bildhauer Winfried Tränkner vom Leben und Sterben des einzigen jüdischen Mitbürgers in der Seegemeinde erfuhr, kam ihm die Idee, ähnlich den Stolpersteinen in Kirchheim, an seinem Haus eine Gedenktafel für den Vorbesitzer Wilhelm Weißburger anzubringen. In Gesprächen mit verschiedenen Bürgern über sein Ansinnen stellte er fest, dass er nicht der Einzige war, der sich mit dem Schicksal Weißburgers auseinandersetzte.
Inzwischen bildete sich ein Initiativkreis Weißburger in Bissingen, dem auch die Gemeinderätinnen Andrea Bizer und Gabi Goebel angehören. Die Initiative bat nun die Gemeinde „um die Genehmigung, ein Mahnmal zur Erinnerung an Wilhelm Weißburger errichten zu dürfen.“ Der Standort soll in der Nähe von Tränkners, vormals Weißburgers, Wohnhaus sein. Des Weiteren beantragte die Gruppe, „den erforderlichen Platz auf dem gemeindeeigenen Grundstück zur Verfügung zu stellen und die Idee finanziell zu unterstützen.“
Diesem Wunsch kam Bürgermeister Marcel Musolf nach und schlug dem Gemeinderat vor, die Gedenkstele mit einem Betrag von 500 Euro zu fördern. Das restliche Geld für die Kosten von rund 1 500 bis 2 000 Euro sollte durch Spenden aufgebracht werden. Auch den Platz für das Mahnmal wollte die Gemeinde zur Verfügung stellen und die Gedächtnisstätte nach ihrer Einweihung, dafür war der 9. November vorgesehen, übernehmen.
Doch es kam alles anders. In der Diskussion um den Verwaltungsvorschlag waren die Redner aus der Ratsrunde zwar grundsätzlich mit dem Gedenken an den von den Nazis ermordeten einzigen Bissinger Juden einverstanden, doch Ulrich Hoyler hätte es gerne „allgemeiner gefasst, mit einem Schwenk zu anderen Personen, die auch unter den Nazis leiden mussten“. Rolf-Rüdiger Most legte Wert darauf, dass die Weißburger-Tragödie „historisch gesichert“ ist. Darüber hinaus wollte er den zeitlichen Druck aus dem Antrag nehmen und die Sache in den Kulturausschuss verweisen, um das Thema gemeinsam mit der Initiative umfassend besprechen zu können.
Ähnlich wie Uli Hoyler argumentierte auch Reiner Schaufler: „Es wäre falsch, nur für eine Person ein Denkmal zu setzen, wenn andere auch benachteiligt waren oder gar ermordet wurden.“ Und Andreas Allmendinger schlug vor, weiter zu recherchieren. Wobei er gegen eine Tafel am Haus Tränkner für Wilhelm Weißburger und gegen einen „schönen Platz“ nichts einzuwenden hatte, „an dem an alle Bissinger erinnert wird, die durch die Nazis leiden mussten“. Dem konnte auch Joachim Maszurim etwas abgewinnen, wobei er ein Denkmal auf dem Friedhof im Zuge der Sanierung der Aussegnungshalle anregte.
„Das eine schließt das andere nicht aus“, sagte Martin Oelkrug und appellierte, die Stele für Weißburger nicht zu hemmen. „Man kann nach 66 Jahren nicht sagen, wir machen das nicht, weil wir nicht wissen, ob wir alles wissen.“ Ein positives Signal von Verwaltung und Gemeinderat in Richtung Bürgerinitiative erwartete Andreas Reichert, wobei er für eine Konkretisierung des Gedenkens an Nazi-Opfer im Kulturausschuss plädierte.
Andrea Bizer und Gabi Goebel wiesen auf die inzwischen gesicherten Kenntnisse über den Tod von Weißburger hin. „Ich habe vor vier Jahren in der Holocaust-Gedenkstätte in Berlin die Biografie von Wilhelm Weißburger gefunden und seither die Geschichte intensiv in meinem Herzen bewegt“, sagte Bizer, und Goebel verwies auf die noch in der Seegemeinde lebenden Zeitzeugen, die Wilhelm Weißburger kannten und seine Würdigung gerne erlebten. „Wir wollen mit der Gedenkstele speziell an Menschen erinnern, die nicht namenlos sind, sondern ein Gesicht haben. Wilhelm Weißburger hat niemand etwas zu Leide getan und war Mitglied der Evangelischen Landeskirche.“
Mehrheitlich sprachen sich die Bürgervertreter jedoch für Mosts Antrag aus, der in seiner Konsequenz eine gründliche Recherche über die Bissinger Nazi-Opfer zur Folge haben wird.
