Kirchheim. Das Genre „Klassenzimmerstücke“ steht für eine gemeinhin eher unterschätzte Kunst, die aber
ganz besonders hohe Anforderungen an die Akteure stellt. Die technischen Möglichkeiten, die Theaterhäuser oder Studiobühnen bieten, erleichtern es dort zweifellos, das Publikum schon durch passende Musikeinspielungen, ein gelungenes Bühnenbild und entsprechende Lichteffekte zusätzlich zu stimulieren und in geeigneten Räumen gute Bedingungen dafür zu schaffen, sich bequem zurückzulehnen und aus dem gewohnten Alltag ins Reich der Fantasie entführen zu lassen.
All das stand dem Schauspieler Martin Bonvicini nicht zur Verfügung, der im Rahmen der Kinder- und Jugendtheaterwochen „Szenenwechsel“ in der Teck-Realschule auftrat. Auch wenn die Schülerinnen und Schüler der sechsten und siebten Klasse sich bei einer gebotenen Auswahlmöglichkeit vielleicht nicht unbedingt ausgerechnet für ein Stück entschieden hätten, das sich mit unterschwelligen Konflikten christlicher und muslimischer Türken auseinandersetzt, war das eindrucksvolle Solo des Ensemblemitglieds der Württembergischen Landesbühne Esslingen (WLB) zweifellos ein grandioser Erfolg, der seinesgleichen sucht.
Mitgebracht hatte der vielseitig begabte Schauspieler lediglich einige vorbereitete Gemälde und alte Fotografien, die er mit dem im Klassenzimmer bereitstehenden Tageslichtprojektor vergrößern konnte. Das wichtigste Hilfsmittel bei dem Versuch, die beiden Schulklassen für ein relativ unspektakulär daherkommendes Einpersonenstück zu begeistern, verdankte der routinierte und klassenzimmererprobte Solist der 1973 in München geborenen und schon mit vielen Preisen ausgezeichneten Autorin Maja Das Gupta.
Ihr geschickt mit Rückblenden in glückliche Zeiten vergangener Schultage operierender Text, mit dem sie erst im Februar in Esslingen Premiere feierte, ist herausragend, was Martin Bonvicini daraus macht und wie spielerisch leicht er es versteht, eine gewisse Distanz des Publikums zu ihm selbst gar nicht erst aufkommen zu lassen, macht alles noch viel besser.
Der Schauspieler mit deutscher Mutter und österreichischem Vater spielte keine Rolle, er war tatsächlich der Künstler Isa, der da mit einer Lampe in der Hand und einer großen Skizzenmappe unterm Arm ins Klassenzimmer marschierte und sich zunächst gar nicht weiter um die dort sitzenden Schüler kümmert, sondern schaut, wo er seine Bilder aufhängen kann, damit sie möglichst gut zur Geltung kommen.
„Da habe ich gesessen“, zeigt er plötzlich gedankenverloren auf einen Platz in der ersten Reihe, an dem jetzt ein anderer sitzt, „und da hinten, wenn ich im Unterricht geredet habe – und ich habe oft geredet . . .“. Nach und nach erfahren die immer stärker in die bruchstückhaften Erinnerungen und in die Gedankenwelt ihres „neuen Mitschülers“ mit einbezogenen „Zuschauer“, was Isa alles erlebt hat, und er kann sein Publikum hautnah miterleben lassen, wie genau es ihm damals ging.
Dass der muslimische Türke Isa immer dann gute Mathearbeiten schrieb, wenn er neben Kerim saß, an dessen verlässlicher Nasenspitze er stets ablesen konnte, ob sein Ergebnis richtig oder falsch ist, war schnell erklärt. Weit komplizierter wurde sein Schülerleben erst, als er sich damals ausgerechnet in Lara verliebte. Immerhin ist sie die Schwester des christlichen Türken Ahmed, der ihn immer geärgert hat.
Die schon mit vielen Preisen gewürdigte Autorin Maja Das Gupta versteht es in ihrem Stück ausgezeichnet, mit einer kleinen harmlosen Zeitreise in glückliche Jugendtage gleich die komplexe Geschichte zweier unterschiedlicher Familien zu erzählen. Es stellt sich schließlich nicht nur heraus, dass auch Laras Eltern aus der Türkei stammen, nein, Laras und Isas Mütter kennen sich sogar gut von früher.
Das rundum gelungene Theaterstück regt unaufdringlich dazu an, sich seine eigene Identität, seine Herkunft bewusst zu machen, eine eigene Haltung im gesellschaftlichen Umfeld zu entwickeln und auch die Lebensentwürfe der Eltern zu hinterfragen.
Dass alle denken, er sei wirklich der Maler der ausgestellten Bilder und damit tatsächlich Isa aus dem Stück, ist aber verständlich. Mit geschickten Kreidestrichen entwirft er schließlich sekundenschnell gekonnte kalligrafische Darstellungen der drei Gebetshaltungen und verwandelt das Ganze anschließend in ein plötzlich auf der Tafel gezeichnetes Gesicht.
Bei dem mit dem Projektor auf die Wand geworfenen Bild seiner Tante und seines Onkels zieht er nur kurz die Konturen nach, dreht dann aber das Blatt und hat plötzlich schon wieder einen Fisch, und damit ein wichtiges christliches Symbol, gezeichnet, das einerseits seine künstlerische Arbeit bestimmt, andererseits aber auch in der Beziehung zu Lara eine wichtige Rolle spielte, die immer mit ihm in eine Moschee gehen wollte.
Vorbildlich umgesetzt wird in diesem Stück, was Marco Süß, der Leiter der „Jungen WLB“, vom Theater fordert: „Theater sehen, heißt, sich in andere hineinzuversetzen und die Welt mit fremden Augen zu betrachten. Dabei entdecken wir oft etwas, das uns sonst verborgen geblieben wäre, oder verstehen, was wir sonst vielleicht nie verstanden hätten.“
