Vortrag über Alice Munro im Rahmen der Frauenkulturtage
Meisterin der kurzen Prosa

Kirchheim. Alice Munro ist d  i  e Meisterin der Kurzgeschichten – für ihr Werk erhielt die Kanadierin im vergangenen Jahr den Nobelpreis für


Literatur. Im Rahmen der Frauenkulturtage in Kirchheim standen die Autorin und ihre geheimnisvollen, oft beklemmenden Short Storys im Fokus eines Vortrags am Donnerstagabend im Spitalkeller. Für die Veranstaltung konnte die Volkshochschule die habilitierte Literaturwissenschaftlerin Dr. Jutta Heinz aus Notzingen gewinnen, die zunächst Leben und Werk der Schriftstellerin vorstellte und anschließend die Kurzgeschichte „Mit Seeblick“ aus Munros Erzählband „Liebes Leben“ vorlas.

„Eine Frau braucht Geld und ein Zimmer für sich allein, um Romane schreiben zu können“, habe einst die britische Schriftstellerin und Verlegerin Virginia Woolf geschrieben. Sie habe sich gefragt, warum immer nur Männer und ihre Heldentaten im Vordergrund von Geschichten stehen sollen. Warum könne nicht auch das alltägliche Leben von Frauen Stoff für einen Roman sein? Um vermeintlich triviale Dinge thematisieren zu können, brauche es allerdings eine andere Darstellungsweise, eine andere Form. „Alice Munro ist genau das gelungen, wovon Virginia Woolf schrieb“, sagte Jutta Heinz. „Sie selbst hätte sich das jedoch nicht träumen lassen.“

Alice Munro wuchs in einem ländlichen, einfachen Milieu in der Kleinstadt Wingham auf, ergänzte die Notzingerin. Schon als Kind habe sie mit dem Schreiben begonnen. „Sie hat weitergeschrieben bis heute über ihr 80. Lebensjahr hinaus.“ In Ontario studierte Munro Englisch und Journalistik. Das Studium schloss sie allerdings aus Geldmangel nicht ab; stattdessen heiratete sie 1951. „Das waren die Alternativen für mein Leben: Heirat und Mutterschaft oder das schwarze Leben als Künstlerin“, zitierte Jutta Heinz die Schriftstellerin. Munro gelang es dennoch, ihre Leidenschaft für das Schreiben in ihr Leben als Ehefrau und Mutter zu integrieren. Sie wurde Bestsellerautorin.

„Alice Munro hat alle wesentlichen Literaturpreise erhalten“, berichtete Jutta Heinz weiter. Heute lebe sie zurückgezogen in Clinton und gebe nur wenige Interviews. Auch den Nobelpreis habe nicht sie selbst, sondern ihre Tochter entgegengenommen.

„Ihr Leben war nicht unbewegt, aber auch nicht ungewöhnlich. Es war ein typisches Frauenleben“, informierte die Referentin die etwa 60 Gäste. Munro gelte als technisch versierte Autorin, obwohl sie selbst sagt, dass sie beim Schreiben nicht reflektiert. Sie hoffe, dass ihre Geschichten funktionieren; sie schreibe einfach, ohne groß darüber nachzudenken. „Die Kurzgeschichte war von Anfang an ihre Form. Sie hat sie perfektioniert.“

Ihre Geschichten seien nicht kompliziert, ergänzte Jutta Heinz. „Und sie wollen es auch gar nicht sein.“ Frauen, die um ihre Freiheit


Geschichten 
nehmen ungeahnte Wendungen

kämpfen, seien häufig die Hauptfiguren. Sie erlebten oft ungewöhnliche Dinge, was die Geschichten ungeahnte Wendungen nehmen lasse. „Es passieren Katastrophen. Leute sterben oder werden krank.“ Es handle sich aber nicht um Krimis oder Schauergeschichten. „Das Dunkle, die Bedrohung wohnen unter uns im Alltag“ – diese Aussage stecke häufig in der kurzen Prosa Alice Munros.

Die Short Storys der Kanadierin beginnen oft irgendwo mittendrin, ergänzte die Literaturwissenschaftlerin. „Und oft hören sie genauso unvermittelt wieder auf.“ Für den Leser sei dies manchmal unbefriedigend; schließlich wolle er wissen, wie die Geschichte ausgeht. Doch auch das charakterisiere das Werk der Kanadierin: „Auch das Leben hört nicht auf. Das kann man aus ihren Kurzgeschichten lernen.“