Diakoniestation Teck gibt es seit zehn Jahren – Festgottesdienst und Podiumsdiskussion über die Zukunft der Pflege
„Menschlichkeit muss in der Pflege verankert werden“

Die Diakoniestation Teck feierte jüngst ihr zehnjähriges Bestehen in der Kirchheimer Martinskirche. Rund 150 Besucher besuchten den Festgottesdienst mit anschließender Diskussion zur Zukunft der Pflege.

Kirchheim. Die Betreuung und Versorgung pflegebedürftiger Menschen auf der Basis christlicher Werte ist eine Aufgabe, der sich die Kirche angenommen hat – lange bevor es einen Markt für derartige Leistungen gab oder eine Pflegeversicherung, wie Jochen Schnizler betonte. Der zweite Vorsitzende des Evangelischen Landesverbandes für Diakonie-Sozialstationen in Württemberg erklärte: „Die Kirchen haben früh erkannt, dass die Versorgung Pflegebedürftiger ortsnah und zuverlässig erfolgen muss und dass dies nicht ohne eine Finanzierung zu bewerkstelligen ist.“ Aus diesem Grund seien die Krankenpflegevereine zugeschaltet worden, aus deren Mitgliedsbeiträgen im Regelfall das Pflegepersonal bezahlt werde. „Es ist wichtig, dass wir nicht den Marktgedanken in den Vordergrund unserer Tätigkeit stellen“, sagte der Betriebswirt. „Denn Pflege muss auch dort erbracht werden, wo sie wirtschaftlich betrachtet vielleicht nicht lohnend ist.“

Dem pflichtete Renate Kath, Dekanin des evangelischen Kirchenbezirkes Kirchheim, bei. „Wenn es die Diakoniestationen nicht gäbe, müsste die Frage gestellt werden, wer zu jenen Pflegebedürftigen geht, die sich in einer schwierigen Situation befinden oder bei denen die Pflege mit finanziellen Defiziten verbunden ist.“ Rund 50 000 Euro an Mitgliedsbeiträgen fließen von den Krankenpflegevereinen an die Diakonie, fügte die Dekanin hinzu. „Zählt man die Aufwendungen für die strukturelle Pflege, die nie kostendeckend sein kann, zusammen, dann ist dieses Geld binnen eines Jahres schnell ausgegeben. Die Rückbindung an die Gemeinden und ihre Opfer- und Spendenbereitschaft machen es möglich, Menschen zu pflegen.“

Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker führte aus, dass sich die Zahl der Demenzkranken bis zum Jahr 2050 verdoppeln wird. „Vor Kurzem habe ich einen Artikel gelesen, in dem deutlich wurde, dass der Umgang mit der Erkrankung sehr gut geleistet werden kann, wenn die Betroffenen Zuwendung erhalten. Das ist nur möglich, wenn dem Pflegepersonal entsprechend Zeit eingeräumt wird.“ Die OBin betonte, dass das Thema Menschlichkeit in der Pflege nachhaltig verankert werden müsse.

Peter Dietrich, der die Podiumsdiskussion moderierte, stellte Michael Hennrich die Frage, wie die Finanzierung der Pflege so verbessert werden könne, dass sie nicht allein vom Arbeitseinkommen und damit von den Sozialabgaben abhänge. Der CDU-Bundestagsabgeordnete machte deutlich, dass zunächst erhoben werden müsse, welche Leistungen die Pflegeversicherung künftig zu erbringen habe. Fest steht für den Abgeordneten, dass eine Finanzierung allein über den Faktor Arbeit nicht bewerkstelligt werden kann. In der Diskussion sei, dass die Pflegeversicherung künftig über ein Prämiensystem, Steuern oder durch Einkünfte aus Kapital, Miete oder Pacht finanziert werde. „Hier wird man sehen müssen, welches der drei Prinzipien sich am leichtesten durchsetzen lässt, am wenigsten Bürokratieaufwand mit sich bringt und gesellschaftlich akzeptiert wird“, sagte Hennrich. Mit Blick auf künftige Generationen ist es dem CDU-Politiker wichtig, bei der Pflegeversicherung mittelfristig einen Kapitalstock zu bilden.

Seit Sommer 2008 besteht für Arbeitnehmer der Rechtsanspruch, sich für die Pflege von Angehörigen bis zu sechs Monate unbezahlt von ihrem Arbeitgeber freistellen zu lassen. Hier stellte sich für Peter Dietrich die Frage, wie dieses Angebot von den Beschäftigten aufgenommen werde. Michael Hennrich erklärte, das gerade einmal zwischen 20 000 und 30 000 Arbeitnehmer von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. „Die Ziele, die wir mit diesem Angebot verbunden hatten, wurden nicht erreicht“, sagte der Abgeordnete. „Deshalb wird in Berlin das Thema Familienpflegezeit diskutiert. Sie soll es Arbeitnehmern ermöglichen, in einem bestimmten Zeitraum 15 Stunden zu arbeiten und dabei 75 Prozent des Entgelts weiterhin zu beziehen.“ Zum Ausgleich erhielten die Beschäftigten, wenn sie später wieder voll arbeiten, 75 Prozent des Gehalts – so lange, bis das Zeitkonto wieder ausgeglichen sei. Der CDU-Politiker zeigte sich optimistisch, dass dieses Modell eine hohe Attraktivität auf Arbeitnehmer ausübe, die mit einer Pflegesituation konfrontiert sind.

Jochen Schnizler kritisierte den in der Pflege geltenden Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. Dieser müsse deutlich angehoben werden. Die Wertigkeit, die der Pflege mit diesem Entgelt beigemessen werde, sei nicht tragbar. Die Mitarbeiterfluktuation in der Pflege sei sehr hoch. „Das liegt nicht nur daran, dass die Berufe von Frauen ausgeübt werden, die irgendwann den Mutterschutz in Anspruch nehmen“, sagte Jochen Schnizler. Er betonte, dass dringend mehr Fachkräfte in der Pflege benötigt werden. Doch dazu müssten sich die strukturellen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in diesem Arbeitsfeld ändern.