Kirchheim. Die Befürworter der Planungen bejubeln den Bahnhof als Kirchheimer „Mobilitäts-Drehscheibe“. Ziel in der Teckstadt ist schon seit Jahren, das Fahrradfahren attraktiver zu machen. Möglichst viele Autofahrten sollen sich dadurch erübrigen. Mit einer Radstation bietet sich laut Bernadette Schwenker, der Radverkehrsbeauftragten der Stadt, eine hervorragende Chance, ÖPNV und Radverkehr miteinander zu verknüpfen. Städtebaulicher Vorteil der Planung ist, dass der Bahnhof mit Leben gefüllt wird, eine Aufwertung erfährt und somit seiner Funktion als „Empfangsraum“ zur Innenstadt näherkommt.
Schon jetzt steuert manch ein Pendler den Bahnhof per Muskelkraft an und setzt mit der S-Bahn den Weg zur Arbeit fort: 162 überdachte Fahrradabstellplätze und 17 Fahrradboxen existieren, wobei Letztere nur über Wartelisten zu erlangen sind. Die geplante Station wird bewachte Unterstellmöglichkeiten für etwa hundert Räder bieten und zehn Pedelecs. Weitere kostenlose überdachte Radabstellplätze sind ebenfalls geplant. Außerdem sollen ergänzende Serviceleistungen angeboten werden. Während der Pendler seiner Arbeit nachgeht, werden zum Beispiel kleine Reparaturen an seinem Zweirad vorgenommen. Natürlich ist auch ein Fahrradverleih vorgesehen und dazu etwas Touristeninformation. Zwar steht der Alltagsradler im Fokus der Planungen, doch auch Tagestouristen sind eine wichtige Zielgruppe der Station. Geplante Öffnungszeiten sind bislang Montag bis Samstag von 6.30 bis 19.30 Uhr.
Organisatorisch mit im Boot ist die Beschäftigungsinitiative Esslingen als Betreiber der Station und der Kirchheimer Spezialist Radsport Fischer & Wagner. In Kombination mit der Station ist ein Pedelec-Bereich angedacht, der Leihpedelecs und Abstellplätze mit Zugang rund um die Uhr beinhaltet. Dies wird vom Verband Region Stuttgart über die Geschäftsstelle „Nachhaltig mobile Region Stuttgart“ (Namoreg) gefördert. Wie Ingenieur Rainer Gessler von Namoreg im Kirchheimer Gemeinderat ausführte, besteht die Grundidee des Projekts darin, nachhaltige Anschlussmobilität zu schaffen. Die Pedelec-Ausleihstationen, die zunächst an drei Bahnhöfen in der Region, darunter Kirchheim, geschaffen werden sollen, produzieren ihre Energie via Photovoltaik selbst.
Räumlich ist die Neuorganisation des Bahnhofsumfelds kein Problem. Die Fahrradstation und der PedelecBereich könnten im Erdgeschoss am Gebäude Eugen-Gerstenmaier-Platz 3 untergebracht werden. Die Bahn bietet der Stadt aber auch das Obergeschoss des Betriebsgebäudes an. Dort könnten Kurse der Familienbildungsstätte, die gerade übergangsweise im TG-Heim stattfinden, künftig abgehalten werden und der Kinderschutzbund Unterschlupf finden. Letzterer hat derzeit seine Bleibe in der Hammerschmiede. Allerdings hofft dort die Freihof-Grundschule aufgrund wachsenden Raumbedarfs wegen der Kernzeitenbetreuung auf mehr Platz.
Im Kirchheimer Ratsrund stieß die Idee von Fahrradstation mit Pedelec-Bereich grundsätzlich auf großes Interesse, doch schieden sich die Geister an den Kosten. „Wir können in Kirchheim zeigen, wie Mobilität in der Zukunft stattfindet“, freute sich Grünen-Stadtrat Andreas Schwarz. „Genial“ lautete gar das Urteil von CIK-Vertreterin Katja Seybold. Seitens der Freien Wähler kamen kritischere Töne. Zwar sei die Radstation gut, meinte Christof Schweiss, doch müsse das Ziel Wirtschaftlichkeit sein. Deswegen riet er von dem stark subventionierten Pedelec-Bereich zunächst ab. Dr. Thilo Rose, Vorsitzender der CDU-Fraktion, betonte, dass die einstige Automobilregion auf dem Weg sei, Mobilitätsregion zu werden. Schon deshalb sei das Projekt sinnvoll, die Frage sei nur, ob es die enormen Investitionen wert sei. Rose stellte den Antrag, die Summe zu deckeln und mehr über die Nutzer abzudecken. Albert Kahle (CIK/FDP) erinnerte an das Verantwortungsbewusstsein für den städtischen Haushalt und lehnte die Planung generell ab. Von einer „einmaligen Gelegenheit“ sprach dagegen Birgit Müller von der Frauenliste, die das Geld gut angelegt sah. Für die SPD sprach Andreas Kenner. Er bezeichnete die S‑Bahn als „Erfolgsgeschichte für Kirchheim“, die es fortzuschreiben gelte.
