Kirchheim/Bissingen. Mit einer außergewöhnlichen Frage begann die Freundschaft zwischen Franziska Drescher und der Familie Leinbach vor sieben Jahren in Neidlingen. Damals ging Franziska am Zuhause der Leinbachs vorbei, die gerade mit dem Putzen ihrer Fahrräder
Heike Allmendinger
beschäftigt waren. Die heute 29-Jährige sprach die Familie an und fragte: „Könnt ihr mir Geld für eine Pizza geben?“ Gabriele Leinbach war zunächst etwas verdutzt. Doch weil sie die junge Frau, die nur wenige Straßen entfernt wohnte, vom Sehen her kannte, beschloss sie spontan, ihr zwar kein Geld zu geben, sie aber stattdessen zum Abendessen einzuladen.
„Es war sehr lustig“, erzählt Franziska vom ersten Abend bei der Familie Leinbach mit den Söhnen Samuel, Jonathan und Friedemann. Seither besucht die 29-Jährige, die seit ihrer Geburt an der linken Körperhälfte teilweise gelähmt ist und eine leichte geistige Behinderung hat, regelmäßig die Leinbachs. „Wir waren alle neugierig aufeinander. Die Kinder hatten zuvor noch nie mit einem Menschen mit Behinderung zu tun“, sagt Gabriele Leinbach. Vor allem der neun Jahre alte Jonathan habe sich mit Franziska auf Anhieb gut verstanden. Aber auch die beiden anderen Jungs seien ihr ohne Hemmungen begegnet. „Ich dachte immer, behinderte Menschen sind komisch“, räumt der zwölfjährige Samuel freimütig ein. Doch die Begegnung mit Franziska hat ihn eines Besseren belehrt. „Man wird dadurch offener“, weiß auch der 14-jährige Friedemann.
Mittlerweile wohnen sowohl die Familie Leinbach als auch Franziska nicht mehr in Neidlingen. Während die Leinbachs in Bissingen ein Haus bauten, zog es die 29-Jährige von ihrem Elternhaus in Neidlingen nach Kirchheim. Dort lebt sie nun seit vier Jahren zusammen mit acht weiteren Menschen mit Handicap in einer Wohngemeinschaft der Lebenshilfe. Beschäftigt ist die freundliche und offene junge Frau in einer Werkstatt der Selbsthilfevereinigung.
„Wir treffen uns ein Mal im Monat, manchmal auch öfter“, sagt die 42 Jahre alte Gabriele Leinbach. „Wenn Franziska kommt, überlegen wir uns immer etwas Besonderes.“ Das freut auch die drei Buben. Und da sowohl sie als auch Franziska Tierfreunde sind, besuchen sie Pferdehöfe in der Umgebung oder unternehmen einen Ausflug zum Landgestüt Marbach. Manchmal fahren Franziska und die Leinbachs auch einfach nur auf die Alb, um dort Ziegen und Schafe zu beobachten. Auch Tierfilme schauen sich die Kinder und Franziska gerne zusammen an. Oder aber sie spielen mit den außergewöhnlichen Haustieren der Leinbachs: mit drei Rennmäusen. An Franziskas Geburtstag wird die Familie außerdem nach Neidlingen eingeladen: „Von ihrer Mutter werden wir dann bestens bewirtet“, schwärmt Gabriele Leinbach.
Auf dem Programm standen bislang aber auch andere Ausflüge, wie zum Beispiel zur Burg Hohenzollern. Weil sich Franziska beim Gehen schwertut, „haben wir dort einen Fahrdienst für sie organisiert“, erzählt Gabriele Leinbach. Die 29-Jährige durfte auch schon des Öfteren bei ihren Freunden in Bissingen übernachten – und dann am Morgen ein Bad nehmen. „Sie wollte unbedingt bei uns baden, denn bei sich zu Hause hat sie keine Badewanne“, erzählt der 44-jährige Joachim Leinbach. Monopoly oder Uno spielen, zusammen Pizza oder Döner essen, oder auch mal zu einem Basketballspiel nach Kirchheim fahren: Auch das gehört zu den Dingen, die Franziska gerne zusammen mit der Familie Leinbach unternimmt.
Aber auch über ihre Probleme und Sorgen kann die 29-Jährige jederzeit mit den Leinbachs reden. „Wir haben auch schon Leid miterlebt, zum Beispiel die Trennung von ihrem damaligen Freund“, erzählt Gabriele Leinbach. „Wenn Franziska etwas beschäftigt, kann es vorkommen, dass sie uns drei Mal am Tag anruft.“ Das sei aber völlig in Ordnung.
Gabriele Leinbach erinnert sich noch genau an die Anfangszeit der Freundschaft. Damals habe sie zuerst lernen müssen, mit Franziska umzugehen. „Man muss ihr alles ganz klar und direkt sagen. Dann kommt es am besten bei ihr an“, weiß die 42-Jährige.
Die gelernte Krankenschwester musste ihre Freundin auch ab und an schon verarzten. „Sie stürzt manchmal. Außerdem hat sie Arthrose im Knie und deshalb Schmerzen.“ Für die 42-Jährige gehört das Helfen dazu und ist selbstverständlich. Auch beim An- und Ausziehen der Jacke oder beim Binden der Schnürsenkel sind sie und ihr Mann Franziska behilflich.
„Manche Menschen wundern sich, wenn wir zum Beispiel zusammen beim Essen sind“, erzählt Gabriele Leinbach. Denn an ihrem Tisch gehe es manchmal auch etwas lauter zu. „Da fällt zum Beispiel auch mal ein Glas um.“ Doch den Leinbachs sind die skeptischen Blicke, die manche Menschen der Familie und Franziska zuwerfen, gleichgültig.
An Franziska mag Gabriele Leinbach vor allem, dass sie sehr höflich, ehrlich und „ein ganz liebevoller Mensch ist, der einem nie etwas nachträgt“. Mit ihrer freundlichen Art öffne sie so manche Tür und sorge immer wieder für Überraschungen. Joachim Leinbach fasziniert an Franziska, dass sie sich ganz auf eine Sache konzentrieren könne und „voll in dem aufgeht, was sie tut“. Und die drei Jungs freuen sich darüber, dass sie mit Franziska viele Interessen teilen – zum Beispiel die Liebe zu Tieren. Außerdem sei es einfach schön, einen Gast zu haben, betont Friedemann.
Franziska gefällt an den Leinbachs indes, dass bei ihnen in Bissingen „immer was los und dass es lustig ist“, sagt sie und fügt hinzu: „Wenn wir zusammensitzen, dann lachen wir viel miteinander.“
