Saja Seus gewinnt den „Oscar der Fotografie“ – Jury kam aus dem Lachen nicht heraus
Mit Humor die Jury überzeugt

In der neuen Wohnung hat Saja Seus Teile ihrer Serie ¿masculinus¿ aufgehängt, ein Spiel mit Geschlechterrollen.Foto: Roberto Bul
In der neuen Wohnung hat Saja Seus Teile ihrer Serie ¿masculinus¿ aufgehängt, ein Spiel mit Geschlechterrollen.Foto: Roberto Bulgrin
Plochingen. Gerade das Diplom als Fotodesignerin frisch in der Tasche – und schon hat die Neu-Plochingerin Saja Seus den „Oscar der Fotografie“ gewonnen. Im Briefumschlag
 mit golden glänzendem Innenfutter flatterte die versiegelte Einladung nach London zur Preisverleihung in ihren Briefkasten. Den ersten Preis in der Profi-Kategorie „Lifestyle“ bekam sie, weil sie die Jury überrascht und zum Lachen gebracht hatte, erzählte ihr ein Mitglied. Beim anstrengenden Sichten von Tausenden von Fotografien kam plötzlich ihre Serie von – tja, von Schamhaar-Toupets auf den Tisch. Und alle Juroren kamen offenbar aus dem Lachen nicht mehr heraus. Dabei hatte die 25-Jährige ihre Bewerbung mit wenig Hoffnung und wenig Aufwand „in schlechtem Englisch“ abgeschickt. Der Grund: „Ich hab‘ noch nie einen Fotowettbewerb gewonnen.“

Die Preisverleihung mit edlem Menü war ein Erlebnis. Den Flug nach London sowie eine Hotelübernachtung hatten die „Oscar“-Verleiher spendiert. Wobei die gebürtige Kirchheimerin bescheiden meint: „Oscar, das schreibt der ‚Stern‘.“ Weltweit renommiert sind die Preise jedoch, die „Sony World Photography Awards“ heißen. Der Gang im – geforderten – langen Abendkleid über den roten Teppich vor Horden von Fotografen „das ist nicht mein Ding“, meint Saja Seus. Der Preis gebe ihr aber nun die Sicherheit, den richtigen Berufsweg eingeschlagen zu haben. Und eine Kamera soll ihr auch noch als Preis zugeschickt ­werden.

Ursprünglich ließ sich die Kirchheimer Realschulabsolventin in Tübingen zur Verlagskauffrau mit Zusatzqualifikation Medienwirtschaft ausbilden. Doch mit der Buchhaltung konnte sie sich nicht anfreunden. „Rechnen gehört nicht zu meinen Stärken“, sagt sie und lacht. Als Ausgleich kaufte sie sich eine Spiegelreflexkamera und begann zu fotografieren – „Blümchen und so.“ Seit 2006 verdiente sie sich Geld als Hochzeitsfotografin dazu, erwarb an der Stuttgarter Schule für Farbe und Gestaltung die Fachhochschulreife und studierte an der Esslinger Lazi-Akademie Fotografie. Seit 2009 arbeitet sie freiberuflich als Fotografin im Bereich Porträt und Stillleben. Dieses Jahr ist sie mit 16 Hochzeiten bereits ausgebucht.

Vor zwei Monaten zog die Frau mit dem ungewöhnlichen Vornamen von Notzingen nach Plochingen. Vater Allan Seus, Inhaber einer Sanitärfirma, arbeitet gerade im oberen Stock des Hauses. Welch eine Frage, natürlich ist er stolz auf die erfolgreiche Tochter, deren Vornamen er in einem Filmabspann entdeckt hatte. Zu ihr passe der Name: „Sie hat schon immer ausgefallene Ideen gehabt“, sagt er lächelnd. Er denkt da an ihre Serie von älteren Frauen in ihren damaligen Hochzeitskleidern – wunderschöne Aufnahmen mit reifen Damen in weiß-glänzenden Roben. Die Freiwilligen zu finden, erforderte Energie: „Ich hab‘ drei Monate gesucht.“ Bekannte und Nachbarinnen ließen sich schließlich überreden. Noch viel schwieriger war es jedoch, ein Model für die Schamhaar-Serie zu finden, die einen Teil ihrer Diplomarbeit bildet. In München ergatterte die 25-Jährige teure Echthaartoupets – geflochtene Zöpfe, verwuschelte graue Locken, lange braune glatte Haarteile. In Stuttgart durchstreifte sie sogar Tanzclubs, beteuerte, dass das Gesicht des Models nicht zu sehen sein wird, dass sie mit den witzigen Fotos der Serie „der scheitel“ Geschlechterrollen aufbrechen will. Eine junge Frau willigte schließlich ein. Ihre Bedingung: dass ihr Name nicht genannt wird. Sie wollte schöne Aktfotos von sich haben. Die bekam sie im Tausch.

Ebenfalls um Geschlechterrollen dreht sich ein weiterer Teil ihrer Diplomarbeit: Für „masculinus“ hat sie junge Männer vom Visagisten als Frauen schminken lassen und „butterweich ausgeleuchtet“. Die meisten Frauen fänden die Aufnahmen faszinierend, viele Männer dagegen hätten sich abfällig geäußert, berichtet Seus. Drei Bilder der Models hat sie in ihrem Büro aufgehängt, außerdem Pflanzen-Fotografien.

Als sie in einem Kirchheimer Blumengeschäft grüne Nelken entdeckte, startete sie ihre Serie „plants“. Die befremdliche Blume legte sie auf eine geknüllte Mülltüte. Mit der Mischung aus provokativ („masculinus“), lustig („der scheitel“) und schön („plants“) schloss Saja Seus ihr Fotografiestudium ab. Die Note weiß sie gar nicht mehr. „1,5 oder 2? Die Fotomappe ist wichtig“, meint sie. Und der Foto-„Oscar“ spielt für ihre berufliche Zukunft vielleicht ja auch eine Rolle.