
Die Preisverleihung mit edlem Menü war ein Erlebnis. Den Flug nach London sowie eine Hotelübernachtung hatten die „Oscar“-Verleiher spendiert. Wobei die gebürtige Kirchheimerin bescheiden meint: „Oscar, das schreibt der ‚Stern‘.“ Weltweit renommiert sind die Preise jedoch, die „Sony World Photography Awards“ heißen. Der Gang im – geforderten – langen Abendkleid über den roten Teppich vor Horden von Fotografen „das ist nicht mein Ding“, meint Saja Seus. Der Preis gebe ihr aber nun die Sicherheit, den richtigen Berufsweg eingeschlagen zu haben. Und eine Kamera soll ihr auch noch als Preis zugeschickt werden.

Vor zwei Monaten zog die Frau mit dem ungewöhnlichen Vornamen von Notzingen nach Plochingen. Vater Allan Seus, Inhaber einer Sanitärfirma, arbeitet gerade im oberen Stock des Hauses. Welch eine Frage, natürlich ist er stolz auf die erfolgreiche Tochter, deren Vornamen er in einem Filmabspann entdeckt hatte. Zu ihr passe der Name: „Sie hat schon immer ausgefallene Ideen gehabt“, sagt er lächelnd. Er denkt da an ihre Serie von älteren Frauen in ihren damaligen Hochzeitskleidern – wunderschöne Aufnahmen mit reifen Damen in weiß-glänzenden Roben. Die Freiwilligen zu finden, erforderte Energie: „Ich hab‘ drei Monate gesucht.“ Bekannte und Nachbarinnen ließen sich schließlich überreden. Noch viel schwieriger war es jedoch, ein Model für die Schamhaar-Serie zu finden, die einen Teil ihrer Diplomarbeit bildet. In München ergatterte die 25-Jährige teure Echthaartoupets – geflochtene Zöpfe, verwuschelte graue Locken, lange braune glatte Haarteile. In Stuttgart durchstreifte sie sogar Tanzclubs, beteuerte, dass das Gesicht des Models nicht zu sehen sein wird, dass sie mit den witzigen Fotos der Serie „der scheitel“ Geschlechterrollen aufbrechen will. Eine junge Frau willigte schließlich ein. Ihre Bedingung: dass ihr Name nicht genannt wird. Sie wollte schöne Aktfotos von sich haben. Die bekam sie im Tausch.
Ebenfalls um Geschlechterrollen dreht sich ein weiterer Teil ihrer Diplomarbeit: Für „masculinus“ hat sie junge Männer vom Visagisten als Frauen schminken lassen und „butterweich ausgeleuchtet“. Die meisten Frauen fänden die Aufnahmen faszinierend, viele Männer dagegen hätten sich abfällig geäußert, berichtet Seus. Drei Bilder der Models hat sie in ihrem Büro aufgehängt, außerdem Pflanzen-Fotografien.
Als sie in einem Kirchheimer Blumengeschäft grüne Nelken entdeckte, startete sie ihre Serie „plants“. Die befremdliche Blume legte sie auf eine geknüllte Mülltüte. Mit der Mischung aus provokativ („masculinus“), lustig („der scheitel“) und schön („plants“) schloss Saja Seus ihr Fotografiestudium ab. Die Note weiß sie gar nicht mehr. „1,5 oder 2? Die Fotomappe ist wichtig“, meint sie. Und der Foto-„Oscar“ spielt für ihre berufliche Zukunft vielleicht ja auch eine Rolle.
