Lenninger gewinnt mit seinen Freunden beim Film-Wettbewerb zum Thema Integration
Mit Kickboxer Arslan auf Platz eins

Mit der Abschlussarbeit direkt nach Berlin zu Innenminister Hans-Peter Friedrich, um sich den ersten Preis für ihr Video im Wettbewerb „Erfolgsgeschichten“ abzuholen: das ist die persönliche Erfolgsgeschichte von Nico Gunzenhauser, Jan Eric Dürr und Abdulkadir Korkmaz – und Kickboxer Gökhan Arslan.

Kreis Esslingen. „Das war mein größtes Erlebnis bislang“, zeigt sich Nico Gunzenhauser aus Oberlenningen immer noch beeindruckt von der Preisverleihung in Berlin. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich überreichte den drei jungen Filmemachern aus dem Südwesten für ihr Video „Wendepunkt“ im Wettbewerb „Erfolgsgeschichten“ den ersten Preis der Deutschen Islam Konferenz. „Der Innenminister hat ewig lang mit uns gesprochen – das war schon klasse“, hat der 20-Jährige beste Erinnerungen an die Hauptstadt, trotz anfänglicher Zweifel. Das Team Gunzenhauser war früh vor Ort. „Meine Erwartungen waren nicht so hoch, deshalb wunderte ich mich nicht, dass so wenig los war“, erzählt der Lenninger. Doch je näher die offizielle Eröffnung rückte, desto voller wurde der Saal. Schließlich waren Teams sämtlicher Fernsehsender vertreten und Nico Gunzenhauser und seine Freunde mussten nach dem Festakt eineinhalb Stunden Interviews geben.

Auslöser für die persönliche Erfolgsgeschichte der drei jungen Filmer war das Abschlussprojekt – und gleichzeitig Prüfung – zum technischen Dokumentationsassistenten in der Sparte Film und Video. An der Stuttgarter Akademie für Kommunikation trafen sich die Wege von Nico Gunzenhauser, Jan-Eric Dürr und Abdulkadir Korkmaz, Letztere aus Nürtingen, und die drei wurden beste Freunde. Deshalb lag es nahe, gemeinsam die Abschlussarbeit zu realisieren. „Zunächst waren wir auf die Fußball-Bundesliga fixiert und wollten der Frage nachgehen, wie wichtig die Ultras für einen Verein sind – oder eben nicht“, erzählt Nico Gunzenhauser. Doch dann stießen die Schüler ziemlich schnell an ihre Grenzen, denn die Fernsehrechte erwiesen sich als ernsthaftes Problem. „Abdul kam dann auf die Idee, Kontakt mit Gökhan Arslan aufzunehmen, weil er ihn aus Nürtingen kannte“, erzählt der Lenninger.

Im Nachhinein sind die jungen Männer froh, dass sie vom Fußball zum Kickboxen übergegangen sind. „Gökhan Arslan ist ein besonderer Mensch, und die Arbeit mit ihm war ein echtes Erlebnis. Seine Einstellung zu Integration ist bemerkenswert“, zollt Nico Gunzenhauser dem Kampfsportler großen Respekt.

Gökhan Arslan wurde 1976 in Anatolien geboren. Nach einem schweren Erdbeben änderte sich 1992 alles für den jungen Türken, er entschied sich für ein Leben in Deutschland. Im preisgekrönten Film erzählt er davon – auch über die Abschiedsworte der Daheimgebliebenen: „Dann ist das, wo du hingehst, deine Heimat.“ Das war der schwierige Beginn eines Neuanfangs. Außer einem starken Willen und viel Mut besaß der Neuankömmling quasi nichts, machte aber das Beste aus seiner Situation und lebte bescheiden. 19 Jahre später ist er zweifacher Kickbox-Weltmeister und sagt: „Nürtingen ist meine Heimat.“ Zum Kickboxen kam erst im Alter von 24  Jahren. „Davor habe ich überhaupt keinen Sport gemacht“, erzählt der Nürtinger, dessen Karriere dank viel Einsatzkraft steil nach oben ging.

Auch außerhalb des Boxrings und der Trainingsräume hat der Sportler viel zu sagen. „Egal wo ich hingehe oder was ich mache, niemals sortiere ich die Menschen nach ihrer Mentalität oder Religion oder ihrer Nationalität. Mensch ist Mensch“ sagt der im tiefsten Anatolien geborene Gökhan Arslan nicht zuletzt im Hinblick auf das Thema Integration. Ob man als Amerikaner oder Türke auf die Welt komme, könne man sich nicht auswählen. „Zu mir ins Studio kommen fast alle Nationalitäten. Aber wenn ich einen höre, der seine Nationalität oder Religion zum Thema macht, der muss sofort das Studio verlassen. So etwas gibt es hier einfach nicht“, hat er klare Regeln.

„Wir wurden überaus freundlich von Gökhan Arslan empfangen. Er hat richtig offen über alles geredet und uns irgendwann auch zur Pizza eingeladen“, erinnert sich Nico Gunzenhauser an das erste und weitere Treffen. Neben dem Interview filmten die Schüler den Kampfsportler auch im Training. Höhepunkt für alle Beteiligten war der WM-Kampf in Nürtingen. „Da konnten wir richtig tolle Aufnahmen machen – Siegerfaust inklusive“, freut sich der Lenninger über die gelungenen Bilder. Am Ende hatte das Trio rund 45 Stunden Filmmaterial zusammen, aus dem es eine 30-minütige Dokumentation schneiden wollte. Doch daraus wurde nichts, denn sowohl für den Wettbewerb als auch für die Projektprüfung an der Akademie durften sieben Minuten nicht überschritten werden.

Dass der Streifen überhaupt im Wettbewerb lief und dann den ersten Preis gewann, ist einzig Ingrid Gunzenhauser zu verdanken. „Meine Mutter arbeitet beim Jugendmigrationsdienst der Bruderhaus-Diakonie und hat uns darauf aufmerksam gemacht“, verrät Nico. Die weitsichtige Mutter hat schon bei den Dreharbeiten erkannt, dass sich aus dem Film ihres Sohnes und seiner Freunde weit mehr machen lässt. „Wir wollen den Film in unsere Projekte einfließen lassen“, sagt die Sozialwirtin und die Dokumentation in Schulen zeigen. Doch nicht nur das: Gökhan Arslan wird mit von der Partie sein, denn er will Kindern, die Schwierigkeiten haben, helfen. Allein seine Biografie zeigt allen, die sich benachteiligt fühlen, dass vieles mit entsprechender Einstellung möglich ist – auch in einem zunächst fremden Land. Der Anfang wird voraussichtlich zu Beginn des zweiten Schulhalbjahrs an der Alleenschule und der Raunerschule gemacht werden, den Kirchheimer Kooperationsschulen der Bruderhaus-Diakonie.