Henning Scherf besuchte das Forum Altern und traf in der Schlossberghalle Dettingen gute „alte“ Freunde
Nach vorne schauen und dadurch jung bleiben*

Dettingen. Autorenlesungen laufen oft nach einem leicht vorhersehbaren Muster ab. Bei Henning Scherf ist das anders. Statt sich hinter dem Rednerpult zu verschanzen und zu lesen, zog er erst einmal durch die


Reihen, um auch wirklich jeden einzelnen Besucher mit Handschlag und einer freundlichen Geste oder netten Bemerkung herzlich willkommen zu heißen.

Sehr gerne war er offensichtlich der gemeinsamen Einladung des Dettinger Buchcafés und der Arbeitsgemeinschaft DOLE der Gemeinden Dettingen, Owen, Lenningen und Erkenbrechtsweiler in die Schlossberghalle gefolgt, in der nach seinem fulminanten Auftritt vor fünf Jahren auch sehr viele „fremde“ Besucher versammelt waren.

Zuvor hatte er schon am am Nachmittag noch das Dettnger Forum Altern besucht und sich auch in Lenningen über das dort angebotene betreutes Wohnen“ informiert.

Dass er auch beim erneuten „Heimspiel“ vor ihm gewogenem Publikum nicht vorlesen, sondern vielmehr mit den vielen Menschen ins Gespräch kommen will, war von Anfang an klar. Dass er die Distanz der Bühne konsequent scheute und stattdessen eine Begegnung auf Augenhöhe suchte, überrascht nicht – dass das so hervorragend funktionierte schon eher.

Auch wenn die Besucher zu im aufschauen müssen, behandelt sie der mit der von einem einstigen Interviewpartner mit der schönen Umschreibung „Harmoniekünstler“ geadelte Ausnahmepolitiker nie „von oben herab“ – trotz seines Gardemaßes von zwei Metern. Sein nur am Rande erwähntes Buch wurde dennoch – oder gerade deshalb – in der Pause stark nachgefragt, denn ein handsigniertes Exemplar ist – über die vergnügliche Lektüre hinaus – wertvolle Erinnerung an eine eindrucksvolle Begegnung mit einer sehr charismatischen Persönlichkeit.

Es versteht sich von selbst, dass der Vorzeige-Repräsentant des imagemäßig nicht immer optimal aufgestellten Politiker-Berufsstandes damit auch Gutes tut. Wie Moderator Rolf Dölfel „im Werbeblock“ verraten konnte, wird mit den Einnahmen die Hilfsorganisation „Panyarte“ unterstützt. Das Geld kommt damit einem Kunstprojekt für Straßenkinder in Nicaragua zugute, wo der ehemalige Bürgermeister und Präsident des Senats der Freien Hansestadt Bremen auch schon eine Weile als Kaffeepflücker gearbeitet hat.

Beeindruckt zeigte sich der jung gebliebene „Elder Statesman“ beim Anblick der aus seiner Sicht natürlich ganz besonders jugendlich und daher vielversprechend zukunftsoffen daherkommenden Bür­germeisterriege. Nicht in Berlin oder Brüssel werde schließlich die Zukunft entschieden, sondern vor Ort. Im Blick auf die sich verändernde demografische Entwicklung wären daher attraktive Antworten immer mehr gefragt.

Verena Grötzinger, Rainer Haußmann und Michael Schlecht legte er stellvertretend für alle ihre Bürgermeisterkolleginnen und -Kollegen ganz besonders ans Herz, niemals den Wert vitaler Nachbarschaftsstrukturen zu unterschätzen. Generationen sollten nicht getrennt, sondern immer stärker zusammengeführt werden, auch wenn früher Kindergärten und Altersheime möglichst weit voneinander gebaut wurden. Ältere und jüngere Menschen müssten gerade deshalb so nah wie möglich zusammenbleiben, weil Kinder nun einmal die besten Therapeuten für ältere Leute seien.

Nicht das kalendarische, sondern das gefühlte Alter und nicht die belegbare sondern die gespürte körperliche Fitness seien entscheidend für das mentale Wohlbefinden, und vor allem auch, dass man mit seinen reichen Erfahrungen noch gefragt ist, immer eine Aufgabe findet und eingebunden ist in die Gemeinschaft.

Das Idyll schwäbischer Bauernhäuser, die oft drei Generationen unter einem Dach beherbergen und deren Bewohner damit gemeinsam über einen unbezahlbaren Schatz gelebter Erfahrungen verfügen – wenn alle integriert bleiben – kontrastierte Henning Scherf mit der immer stärker fortschreitenden und ihm Sorge bereitenden Tendenz zur Vereinzelung und damit Vereinsamung nicht nur in den großen Städten.

Alles was die Kommunikation fördere, sei hilfreich beim Bestreben, möglichst lange jung und offen für neue Entwicklungen zu bleiben. Das Netzwerk eines durch gute Kommunikation funktionierenden Mehrgenerationenhauses kommt damit seinem eigenen Lebensideal deutlich näher, als die Gemeinschaft einer twitternden Facebook-Generation mit ihren „Geisterkommunikationen“ zwischen sich völlig anonym im virtuellen Raum unentwegt aber immer nur sehr unverbindlich begegnenden Menschen.

Über entsprechende Erfahrungen verfügt der wohl berühmteste WG-Bewohner Deutschlands zur Genüge. Seit 25 Jahren lebt der SPD-Politiker, der seit dem Jahr 2005 Präsident des Deutschen Chorverbandes ist, schon in einer Wohngemeinschaft, die mit der einzigen wohl noch bekannteren WG, der berühmt-berüchtigten „Kommune I“, nur sehr wenig gemein hat.

Drei Generation leben mit dem Ehepaar Scherf in individuellen Wohnungen unter einem Dach. Sie haben zwar keine Gemeinschaftsräume, aber sehr viele Gemeinsamkeiten und feste, dem engen Zusammenhalt dienende Rituale, wie etwa das gemeinsame Frühstück am Samstag. Begonnen habe die WG mit sieben Autos, jetzt gibt es nur noch ein Fahrzeug, aber dafür ein gestiegenes Interesse an E-Bikes, die es leicht machen, mit dem fitten Rennrad-Fahrer Henning Scherf locker mithalten zu können . . .

Von 1971 bis 1978 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft und von 1978 bis 2005 bei der Landesregierung, stand Henning Scherf nie ohne Rad da. Einen Dienstwagen hatte er freilich nie und vor allem auch keinen Polizeischutz, denn das entspricht nun einmal überhaupt nicht seinem Idealbild von Bürgernähe.

Ganz wichtig ist Henning Scherf aber, dass Menschen sich nicht vor den Fernseher zurückziehen, sondern Anlässe suchen, etwas gemeinsam zu machen, sich einzubringen und Teil einer funktionierenden Nachbarschaft zu sein. Alt, so stellt er weise fest, ist nur, wer sich aufgegeben hat, und daher lautet der Titel seines neuen Buches auch „Wer nach vorne schaut, bleibt länger jung“.