Einer der rund 60 Besucher in der nicht ganz zur Hälfte besetzten Mörike-Halle in Ötlingen hat die Abendveranstaltung bei einer „Zigarette danach“ in einem Wort zusammengefasst: „Alternativlos“. Dass die Pläne von Medius-Klinik, Berateragentur Oberender und Landkreis nicht auf Begeisterungsstürme unter den Kirchheimerinnen und Kirchheimern bei der Bürgerinformation stoßen würden, war von vornherein klar. Schließlich sollen die drei somatischen Abteilungen Kardiologie, Rheumatologie und Nephrologie sowie die Neurologie nach Nürtingen umziehen. Dafür wird Kirchheim als Standort für psychiatrische Erkrankungen ausgebaut, insbesondere bei Heranwachsenden. Das, so waren sich alle im Podium einig, sei ein Wachstumsmarkt.
Doch die Reaktionen im Publikum in der gut temperierten Halle blieben verhalten, freilich waren auch Krankenhausmitarbeiter und Mitglieder des Kreistags unter den Besuchern. Die waren natürlich bestens im Thema und hatten die Reform zum Teil auch beschlossen. Kirchheims Oberbürgermeister Pascal Bader bedauerte zwar, dass es künftig weniger Arbeitsplätze in Kirchheim geben werde, wenn auch immer noch über 1000. Aber auch er wies darauf hin, dass Kirchheim schon häufiger Abteilungen abgegeben habe, etwa die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. „Mein jüngerer Sohn ist in Nürtingen geboren. Und es geht ihm gut“, sagte er und erntete wohlwollende Lacher im Publikum.
Die Psychiatrie gilt als „Wachstumsmarkt“
Dafür sprach er einen anderen Punkt an, den der Wachstumsmarkt Psychiatrie mit sich bringt: die Probleme und Sorgen der Anwohner im Wohnquartier rund um die psychiatrische Klinik. Werde die ausgebaut, sei ein enger Austausch mit den Anwohnern wichtig, so das Stadtoberhaupt. Ansonsten konnten die Redner auf dem Podium von Landrat Marcel Musolf über die Geschäftsführer der Medius-Kliniken, Sebastian Krupp und Dr. Jörg Sagasser, den Umbau der Standorte Kirchheim und Nürtingen offenbar so überzeugend darlegen, dass es in der Diskussion weniger um das „Ob“, sondern mehr um das „Wie“ ging.
Der Bund habe die tiefgreifendste Klinikreform seit Jahrzehnten beschlossen, so Jörg Sagasser. Die Begriffe „Zwei-Kilometer-Regelungen“ und „Leistungsgruppen“ machen den Betreibern besondere Sorgen. Bislang hätten sich Kirchheim und Nürtingen als eine Klinik verstanden, sagte Landrat Marcel Musolf. Durch die Reform des Bundes gelten mehrere Gebäude aber nur noch als ein Standort, wenn sie maximal 2000 Meter auseinanderliegen. Kirchheim und Nürtingen werden zu zwei Klinikstandorten. Für jeden Einzelnen von ihnen ist es künftig schwieriger, Qualitätskriterien für die neuen Leistungsgruppen zu erfüllen. Beispiel Kardiologie in Kirchheim: „Für eine Kardiologie muss es eine Gefäßchirurgie geben. Die befindet sich jedoch in Nürtingen“, so Dr. Sagasser. Folge: Kirchheim kann seine Kardiologie so wie bisher nicht mehr halten.
Umbau in Nürtingen soll 180 Millionen Euro kosten
Hingegen drohte Nürtingen der Verlust der Notfallstufe zwei, weil sie keine Kardiologie besaß, die befand sich ja in Kirchheim. Der Verlust einer Notfallstufe würde eine top ausgerüstete Klinik wie Nürtingen auf eine Stufe stellen mit einem kleinen Krankenhaus in der Provinz. Daher soll Nürtingen durch die Verlegungen so stark werden, dass es möglichst viele Leistungsgruppen abdecken kann. Vor diesem Hintergrund ist auch der 180 Millionen Euro teure Ausbau auf dem Säer zu sehen.
Kirchheim behält das ambulante OP-Zentrum und eine chirurgisch-internistische Grundversorgung. Auch die „Notfallpraxis“, unter Protesten vor zwei Jahren nach Nürtingen verlagert, feiert ein Comeback. Das hat Sagasser angekündigt. Sie soll nicht mehr nachts, aber an Wochenenden und Feiertagen von 6 bis 24 Uhr den Dienst abdecken.

