Flashmob
An diesem Tag tanzt Kirchheim mit der Welt

Rund 60 Frauen haben sich an „One Billion Rising“ beteiligt. Die weltweite Aktion setzt ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. 

In Kirchheim findet seit 2018 auch in Kirchheim statt. Foto: Jule Störk
In Kirchheim findet seit 2018 auch in Kirchheim statt. Foto: Jule Störk

Es sind etwa 60 Frauen, die in einer Art Formation auf der Lauterbrücke stehen. Dann setzt die Musik ein, und die bunten Bänder an ihren Armen beginnen sich gleichzeitig zu bewegen. Trotz leichten Regens tanzen sie weiter, während die Menschentraube um sie herum wächst. Der Flashmob ist Teil der weltweiten Bewegung „One Billion Rising“, die jährlich am Valentinstag mit Tanzaktionen auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam macht und laut eigenen Angaben zu den größten Kampagnen dieser Art zählt. Initiativen beteiligen sich inzwischen in über 200 Ländern. Der Name bezieht sich auf eine UN-Statistik, wonach weltweit etwa eine Milliarde Frauen im Laufe ihres Lebens Gewalt erfahren haben.

Die Aktion findet seit 2018 auch in Kirchheim statt. Auslöser für die lokale Initiative war ein Zeitungsartikel, über den die Initiatorin Janette Fink eher zufällig stolperte. Sie recherchierte weiter und beschloss, dass eine solche Aktion auch in der Teckstadt stattfinden muss. Allein ließ sich das organisatorisch nicht stemmen, deshalb wandte sie sich an die Frauenliste Kirchheim, die seither gemeinsam mit weiteren Engagierten die Veranstaltung organisiert.

Getanzt wird zum Kampagnensong „Break the Chain“ der Bewegung. Vorab finden Trainings unter Anleitung von Sarah Hausmann statt, die ebenfalls von Anfang an dabei ist. Begleitend zur Aktion hängen von einer Grafikerin der Frauenliste gestaltete Plakate mit Zahlen und Erfahrungsberichten aus. Dazu gibt es auch Informationsmaterialien für Betroffene.

 

Flashmob mit Botschaft

Mit dem Ende des ersten Tanzes tritt Susanne Knauer von der Frauenliste nach vorn. Sie trägt schockierende Zahlen vor: Laut einer aktuellen Auswertung des Bundeskriminalamts wurden 2024 in Deutschland 187.128 Frauen Opfer häuslicher Gewalt, sechs Prozent mehr als im Jahr zuvor. Fast jede Stunde wird eine Frau vergewaltigt, alle zehn Minuten erlebt eine Frau eine Sexualstraftat, alle drei Minuten häusliche Gewalt.

Gleichzeitig bleibt vieles unsichtbar: Weniger als zehn Prozent der Fälle von Partnerschaftsgewalt werden angezeigt, viele Verfahren werden später eingestellt. Knauer fragt laut: „Warum?“ 308 Frauen und Mädchen starben 2024 infolge von Tötungsdelikten. Immer wieder stellt Susanne Knauer die Frage nach dem „Warum“. Sie spricht von Femiziden, also Tötungsdelikten an Frauen, die häufig mit ihrem Frausein in Verbindung stehen. Als eigener Straftatbestand wird der Begriff in Deutschland bislang nicht geführt, auch in der Polizeistatistik taucht er nicht gesondert auf.

 

Gemeinsam sichtbar werden

Dann setzt die Musik wieder ein und es wird noch einmal zum gemeinsamen Tanz aufgerufen. Einige Frauen aus dem Publikum tanzen mit, auch ohne die Choreografie zu kennen. „Nicht überall können Frauen so selbstverständlich öffentlich sprechen, wie ich das gerade getan habe“, sagt Susanne Knauer. Für Christa Dull liegt darin ein zentraler Gedanke der Bewegung: Tanzen ermögliche Ausdruck auch ohne Worte. Sie beschreibt es als friedlichen, bewegenden Ausdruck von Freude und Kraft.

Am selben Tag tanzen Frauen überall auf der Welt. Für viele spielt das Bewusstsein, Teil einer internationalen Bewegung zu sein, eine wichtige Rolle. Zugleich gehe es um Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Beteiligung. „Gewalt gegen Frauen betrifft alle gesellschaftlichen Schichten, unabhängig von Herkunft, Alter oder sozialem Umfeld, auch hier in Kirchheim. Wer die Meldungen aufmerksam verfolgt, stößt immer wieder auf entsprechende Fälle“, sagt Knauer.

„Eine Frau hat viel Macht, aber viele Frauen haben alle Macht“, sagt Ulla Schreiner-Eckert. Gemeinsam potenziere sich diese Wirkung. Mit Blick auf kommende Wahlen appelliert sie an Frauen, sich bewusst damit auseinanderzusetzen, wer ihre Anliegen vertritt. Es gehe ihr nicht um Wahlempfehlungen, sondern darum, politische Teilhabe wahrzunehmen und zu nutzen.

Einen Wunsch formulieren die Organisatorinnen dennoch: Sie würden sich freuen, wenn künftig auch Männer mittanzen würden, oder Schulklassen. Gewaltprävention gehe die gesamte Gesellschaft an.