Beim Kampfsport ist Patrick Bachofer voll in seinem Element. Er ist komplett fokussiert, scheint die Umwelt kaum wahrzunehmen. Treffen seine Schläge und Tritte ihr Ziel, hallt ein Knall durch das Studio. Beim heutigen Training ist sein Gegner ein Boxsack. Bald wird es wieder ein Mensch sein.
Steht er nicht gerade auf der Matte, spielt Patrick Bachofer gerne Klavier, und auch sonst läuft sein Leben gut: Der 24-Jährige aus Kirchheim hat eine feste Ausbildung, eine eigene Wohnung, einen geregelten Alltag und einen stabilen Gefühlshaushalt. Vor einigen Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. In diesem Abschnitt seines Lebens hat er vor allem eine Priorität: den Rausch.
Ich wollte mir die Birne volldröhnen, um die negativen Gefühle auszublenden und mich auf Knopfdruck anders zu fühlen.
Patrick Bachofer
Den ersten Kontakt mit Drogen macht Patrick Bachofer im Alter von 15 Jahren, als er sich aus Neugierde an Gras versucht. Doch es ist keine Liebe auf den ersten Zug: Eigentlich, so Bachofer, habe er während der ersten paar Male überhaupt nichts gespürt. Kurze Zeit später ändert sich das. Ausgerüstet mit einem Joint gehen er und ein Freund an einem Frühlingsabend bei Dämmerung auf den Feldern spazieren. Damals lebt Patrick Bachofer noch in Berkheim, einem Stadtteil von Esslingen. Auf ein anfängliches Kribbeln in den Beinen folgen Lachanfälle. Eine Welle aus Euphorie schwappt über ihn, reißt ihn mit. Das Leben fühlt sich leicht an. „Es war wie ein Traum“, erinnert er sich. „Ich glaube, ich habe noch nie so viel gelacht, wie an dem Abend.“
Rausch zur Betäubung
Im Anschluss an dieses Erlebnis dauert es nicht lange, bis das Gras zum festen Bestandteil von Patrick Bachofers Alltag wird. „Ich bin ein ziemlich suchtanfälliger Mensch“, schätzt er. Das sei ihm zuvor schon im Zusammenhang mit Videospielen aufgefallen.
Hinzu kommt, dass der Spaß als Konsummotiv schnell in den Hintergrund rückt. Nur wenige Monate nach seinem ersten „High“ wird beim Vater des Jugendlichen Krebs diagnostiziert. Rückblickend, so Bachofer, sei dieser Schicksalsschlag der Auslöser für die Eskalation seines Konsums gewesen: „Ich wollte mir die Birne volldröhnen, um die negativen Gefühle auszublenden und mich auf Knopfdruck anders zu fühlen.“
In der darauffolgenden Zeit kifft er täglich. Mal in Gesellschaft, mal alleine. „Wenn es das Geld hergegeben hat“, setzt er hinzu. Doch es bleibt nicht bei Gras. Neben gelegentlichen Experimenten mit Drogen wie Ecstasy, LSD oder Pepp (=Speed) werden die Opiate – Tramadol, Tilidin, Oxycodon oder auch auch Morphin – seine neuen besten Freunde. Wählerisch ist er nicht. Weil er „einfach nicht nüchtern“ sein will, nimmt er, was ihm in die Hände gerät. Die Wirkung dieser Medikamente, die er in der Regel zusammen mit Gras konsumiert, beschreibt er als „stark dämpfende“ Euphorie. „Du fühlst dich pudelwohl und ultrazufrieden. Als wärst du warm in Watte eingepackt.“
Die Sucht: ein stiller Zerstörer
Doch die Dauerbetäubung hinterlässt Spuren. Patrick Bachofer zieht sich zurück, wird stiller und geht als Schatten seiner selbst durch die Welt. Er sei früher sehr selbstbewusst und extrovertiert gewesen, erinnert er sich. „Irgendwann habe ich gemerkt: Ich bin nicht mehr so. Soziale Kontakte haben mir auf einmal keine Energie mehr gegeben, sondern genommen.“ Diese Erkenntnis motiviert den Teenager zu einem ersten Entzugsversuch – ohne Erfolg. Nach zwei Tagen greift er wieder zum Joint.
Gleichgültigkeit war bei mir an der Tagesordnung.
Patrick Bachofer
Auch im Berufsleben läuft es nicht gut. Als sein Arbeitgeber von den Drogen und anderen rechtlichen Fehltritten erfährt, verliert er seine Ausbildungsstelle. Sein Vater, bei dem der 19-Jährige zu dieser Zeit wohnt, hat genug und schickt ihn nach Kirchheim, um dort bei der Mutter und dem Stiefvater zu leben. Das, so Bachofer, sei der erste Tiefpunkt in seinem jungen Leben gewesen.
Dass er süchtig ist, ist ihm an diesem Punkt längst bewusst, und auch seiner Mutter ist klar, dass etwas nicht stimmt. Sie fragt ihn geradeheraus, ob er drogenabhängig ist. Er gesteht ihr unter Tränen die Wahrheit, konsumiert aber ungehemmt weiter. „Ich wollte nichts ändern“, gibt er zu. „Gleichgültigkeit war bei mir an der Tagesordnung.“
Der Absprung ins neue Leben
Den zweiten und letzten Tiefpunkt erlebt Patrick Bachofer im Frühjahr 2022. Zwischenzeitlich hat er eine neue Ausbildung begonnen und wieder verloren. An einem zunächst gewöhnlichen Tag kombiniert er Oxycodon mit Cannabinoiden – dabei handelt es sich um halb oder komplett synthetische Stoffe mit THC-ähnlicher Wirkung. Statt des erwarteten Effekts setzt eine schlimme Panikattacke ein.
Danach, so Bachofer, hätten sich Gras und Opiate nie mehr angefühlt wie zuvor. Ihm sei jedoch ohnehin klargewesen, dass es so nicht weitergehen könne. „Der nächste Schritt wäre gewesen: Ich spritze mir Heroin und werde obdachlos.“
Ende April im selben Jahr entschließt sich der junge Mann, den Entzug zuhause auf eigene Faust anzugehen. „Das war so hart. Ich dachte wirklich, ich sterbe“, beschreibt er das Erlebnis. Er habe nicht schlafen und nichts im Magen behalten können, habe am ganzen Körper gezittert und unter Krämpfen gelitten. Aus Verzweiflung bittet er seine Mutter schließlich, ihn in die Kirchheimer Klinik zu fahren. Dort wird er in ein dreiwöchiges Entgiftungsprogramm eingebucht.
Der Entzug ist eine bittersüße Erfahrung. Wie Patrick Bachofer erzählt, sei die körperliche und geistige Abgewöhnung von den Drogen nicht leicht gewesen, habe sich aber auch irgendwie gut angefühlt. „Ich habe mir klargemacht: Du ziehst gerade das erste Mal in deinem Erwachsenenleben etwas durch“, meint er stolz. Er schwört hoch und heilig, Drogen nie wieder anzufassen. Dieses Versprechen an sich selbst hält er ein. „Da hat mein neues Leben angefangen.“
Ein langer Prozess
In den mehr als drei Jahren, die seit seinem Entzug vergangen sind, beginnt Patrick Bachofer eine neue Ausbildung als Elektriker für Energie- und Gebäudetechnik und entdeckt eine Liebe für den Kampfsport.
Auch seine Persönlichkeit kämpft sich an die Oberfläche zurück. Das, so Bachofer, sei aber nicht von heute auf morgen geschehen, sondern Schritt für Schritt. Vermisst habe er die Drogen vor allem am Anfang immer mal wieder. Rückfällig zu werden, habe er aber nie ernsthaft in Betracht gezogen – selbst dann nicht, als der Vater seinen Kampf gegen den Krebs im Januar 2024 verliert.
Seiner Familie verdanke er sehr viel, betont der heute 24-Jährige. Vor allem seiner Mutter gebühre „der Credit“ für seine erfolgreiche Rückkehr zur Normalität. „Meine Mutter ist immer für mich da. Ich kann und ich will mit ihr über alles reden“, stellt Patrick Bachofer klar. Ohne sie hätte er es vielleicht nicht geschafft.

Ein weiterer Anker in seinem neuen Leben ist für Patrick Bachofer der Kampfsport. Für den habe er sich schon sehr lange begeistert, erinnert er sich. „Früher hatte das wegen der Drogen aber weder Hand noch Fuß.“
Mit seinem Abschied von den Substanzen wird die Idee auf einmal greifbar. Schon in der Klinik beginnt er mit Liegestützen und eignet sich die Basics über YouTube-Videos an. Bis er sich traut, tatsächlich Fuß in ein Studio zu setzen, dauert es jedoch eine Weile.
Seine sportliche Karriere beginnt der angehende Kickboxer, der auch normales Boxen und Thai-Boxen in seine Routine integriert hat, bei der Kampfsportakademie. Mittlerweile hat er das Training zu Joe’s Fitness Center in Kirchheim verlegt, wo er in der Regel mehrmals die Woche anzutreffen ist. Das Stigma, Kampfsport sei gewaltverherrlichend, hält er für unberechtigt. „Es wird aufeinander aufgepasst. Dieser Sport ist mit so viel Respekt verbunden“, stellt er klar.
Ich wusste, dass ich gut in dem bin, was ich mache und wollte mich beweisen.
Patrick Bachofer
Wie Patrick Bachofer erklärt, beginnt ein reguläres Training mit Warmmachübungen, im Anschluss geht es mit einem Partner ans Üben von Kampfkombinationen. Zum Ende des Trainings steht das sogenannte Sparring auf dem Programm, das einen echten Kampf simuliert. „Da haut man sich wirklich, aber nur mit 30 bis 70 Prozent Stärke“, erklärt der Kirchheimer. Entscheidend sei beim Kickboxen vor allem (Kraft-)Ausdauer. Hinsichtlich persönlicher Entwicklung legt Patrick Bachofer Wert darauf, sich durch den Sport fit zu halten, über den eigenen Schatten zu springen und Disziplin aufzubauen. Klar, auch das Ego spiele ein klein wenig mit, ergänzt er schmunzelnd. „Ich kann sagen: ich bin Kampfsportler. Das ist schon cool.“
Im Ring zählt der Respekt
Nach zwei Jahren Training beschließt Patrick Bachofer, den nächsten Schritt zu wagen: ein richtiger Kampf. „Ich wusste, dass ich gut in dem bin, was ich mache und wollte mich beweisen.“
Mittlerweile hat der Sportenthusiast zwei Kämpfe hinter sich. Siegreich hervorgegangen ist er aus einem. Natürlich, so Bachofer, habe er vor den Kämpfen auch Angst gehabt – und das nicht zu Unrecht. Beim zweiten Mal verlässt er den Ring mit gebrochener Nase. Verletzungen würden aber einfach dazugehören, meint er beiläufig. Von der Angst davor dürfe man sich nicht „einfrieren“ lassen.
In der Regel besteht ein Kampf aus drei Runden à zwei Minuten. Gewinnen kann man entweder durch erzielte Punkte, den Abbruch durch den Ringrichter – ein sogenanntes technisches K.o. – oder „indem man dem Gegner so hart in den Bauch oder auf die Rübe haut“, dass der außer Gefecht ist. Das nennt sich dann Knockout oder einfach K.o.
Um im Ring alles geben zu können, müsse man sich auch psychisch in den Kampfmodus bringen, wie Patrick Bachofer erklärt. Ohne ein gewisses Maß an Feindseligkeit gegenüber dem Gegner komme man nicht weit. „Ich muss in diesem Moment meine sportliche Aufgabe erledigen, und dafür braucht man diese Aggression“, gibt er zu bedenken. Ist der Kampf vorbei, sei das aber Geschichte. Dann könne man sich ausgepowert in die Arme fallen und das Gegenüber für seine Leistung loben. „Dann ist einfach nur noch der tiefste Respekt voreinander da.“

In Sachen langfristige Lebensplanung hat Patrick Bachofer verschiedene Optionen im Auge. Falls möglich, würde er natürlich gerne Profi werden und anderen hauptberuflich „auf die Rübe hauen“. Er könne sich aber auch gut vorstellen, ins Ausland zu gehen oder ein eigenes Studio aufzumachen. Am besten gefällt ihm jedoch die Aussicht, selbst Trainer zu werden und sozial schwachen Menschen – im Besonderen Drogenabhängigen – durch den Kampfsport zu helfen. Sein Rat für Menschen, die es noch nicht aus ihrer Tiefphase geschafft haben: „Verlasst eure Komfortzone! Macht immer weiter, und werdet jeden Tag ein bisschen besser! Wenn ihr wirklich etwas verändern wollt, könnt ihr es auch schaffen.“

