Wo selbst der Kaiser zu Fuß hingeht, lässt sich auch trefflich um des Kaisers Bart streiten: Dass es dringende Bedürfnisse gibt, wenn man nach einstündiger Fahrt an einem Bahnhof aus dem Zug steigt, ist sicher unstrittig. Deshalb ist es auch
längst überfällig, dass es an den Bahnhöfen in Ötlingen und in Kirchheim Toiletten gibt. Das Problem seither: Die vorhandenen Klos am Kirchheimer Hauptbahnhof sind immer wieder sinnlos zerstört worden, sodass sie einerseits für viel Geld saniert werden mussten und andererseits für viele Wochen geschlossen blieben. Geöffnet waren sie dann nur so lange, bis der nächste Akt des Vandalismus die nächste Schließung erzwang.
Um nun alle möglichen Zwangslagen auszuschließen, hat die Stadt Kirchheim zwei moderne und möglichst vandalismussichere Klohäuschen aufstellen lassen. Die notwendige Robustheit hat ihren Preis: Pro Häuschen waren 150 000 Euro veranschlagt. Jetzt, nachdem die Bauten stehen und nur noch auf ihre feierliche Eröffnung warten, hatte sich der Gemeinderatsausschuss für Infrastruktur, Wohnen und Umwelt noch mit dem Problem einer Kostensteigerung zu befassen: Es sind noch einmal 150 000 Euro mehr geworden – 85 000 Euro in Ötlingen und 65 000 Euro am Hauptbahnhof.
Der Schutz vor Vandalismus sei nach der ersten Planung noch zusätzlich erhöht worden, gab Kirchheims Erster Bürgermeister Günter Riemer einen der Gründe für die Preissteigerungen an. Ein weiterer Grund: „Der Aufwand für die Erschließung war deutlich höher als gedacht.“ In Ötlingen beispielsweise „verlief der Abwasserkanal ganz anders als in den Plänen dargestellt“. Ganz ähnlich stellte es sich am Kirchheimer Hauptbahnhof dar. Auch da gab es nur wenig bis gar keine Übereinstimmung zwischen den Bestandsplänen und der Realität, was nicht nur das Wasser, sondern auch den Strom betraf. Die Folge beschreibt die Sitzungsvorlage: „größere Leitungs- und Grabenlänge sowie aufwendigere Bauabwicklung“.
Hinzu kamen die Kostensteigerungen seit 2021, als die Planungen und die Kosten vorgestellt worden waren. Christoph Kerner, Leiter der städtischen Abteilung Technische Infrastruktur, sagte denn auch – vor allem im Blick auf die Wasser- und Stromversorgung: „Wir hatten uns das zunächst viel einfacher vorgestellt: Da kommt ein Modulhersteller und stellt uns zwei Häuschen hin.“
Kosten um 50 Prozent höher
Der Streit im Ausschuss entzündete sich weniger an der Tatsache, dass es die Klohäuschen jetzt immerhin schon gibt, als vielmehr an der Kostensteigerung, die für die Gesamtkosten bei beachtlichen 50 Prozent liegt. CDU-Stadtrat Thilo Rose war wenig begeistert: „Das Geld ist ausgegeben, und wir dürfen das jetzt nachträglich absegnen.“ Er hätte sich eine frühzeitigere Information gewünscht: „Das war ein Kommunikationsfehler im Rathaus. Es kann nicht sein, dass diese Information liegenbleibt, nur weil eine Führungskraft in den Ruhestand geht.“
Günter Riemer gestand den Fehler in der Kommunikation ein, wollte daraus aber kein strukturelles Problem ableiten: „Es gibt ein regelmäßiges Controlling. Den speziellen Fehler in diesem Fall werden wir intern aufarbeiten.“
Heinrich Brinker (Linke) und Andreas Kenner (SPD), die in Kirchheim nicht nur im Gemeinderat sitzen, sondern auch als Stadtführer tätig sind, wissen bestens Bescheid um die Notwendigkeit von Toiletten. „Ich bin froh, dass es das jetzt an den Bahnhöfen gibt“, sagte Heinrich Brinker. Zu den Mehrkosten, die für die Vandalismus-Prävention anfallen, meinte er: „Das ist leider ein Problem. Wenn wir aber Menschen vor die Toiletten setzen würden, um Vandalismus zu verhindern, wäre das noch teurer.“
Andreas Kenner stellte fest: „Wenn wir weiterhin keine Toiletten an den Bahnhöfen hätten, wäre das kein Aushängeschild für uns. Wir brauchen diese Häuschen in den nächsten Jahren dringend. Toiletten in der S-Bahn soll es erst ab 2030 geben.“ Bis dahin wird also noch viel Abwasser aus den Toiletten an den beiden Bahnhöfen in die Kanalisation fließen. Das lässt sich dann sogar schönrechnen: Bis 2030 kosten die beiden Häuschen „nur noch“ 75 000 Euro pro Jahr.
