Der Angriffskrieg in der Ukraine, hohe Energiepreise, gravierende Veränderungen der Wirtschaftsstrukturen und Digitalisierung: „Das Jahr 2023 war von einem sehr angespannten wirtschaftlichen Umfeld geprägt“, sagte Karin Käppel, Leiterin der Agentur für Arbeit Göppingen, bei einer Pressekonferenz zur Entwicklung des Arbeitsmarkts im vergangenen Jahr. „Corona haben wir zwar weitestgehend hinter uns gelassen“, ergänzte sie. Aber andere Belastungen hätten den Unternehmen in der Region viel abverlangt.
So gab es auf dem Arbeitsmarkt 2023 weder eine Frühjahrs- noch eine Herbstbelebung; die Arbeitslosigkeit stieg. Vor allem im Bereich der Grundsicherung, also beim Bürgergeld, war der Anstieg überproportional. Dies hängt auch mit der Zunahme von geflüchteten Menschen, vor allem aus der Ukraine, zusammen, die seit Juni 2022 durch die Jobcenter betreut werden und seitdem nach und nach in die Statistik einfließen. Doch trotz allem hatte Käppel auch eine positive Nachricht zu verkünden: Im Bezirk der Göppinger Arbeitsagentur, dem die Landkreise Göppingen und Esslingen angehören, stieg die Arbeitslosigkeit nicht so stark wie im Landesschnitt. „Angesichts der Belastungen, die der Arbeitsmarkt zu stemmen hatte, hat er sich dennoch überwiegend robust gezeigt“, verdeutlichte die Agenturleiterin.
Ebenfalls erfreulich: Insgesamt nahm die Beschäftigung im Göppinger Agenturbezirk leicht zu. Dies jedoch hänge mit einem anhaltenden Trend zur Teilzeit zusammen. „Das ist zwar gut für diejenigen, die sich der Herausforderung stellen müssen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen“, gab Käppel zu bedenken. Aber zugleich bedeute dies, „dass die Vollzeitbeschäftigung nicht zunahm“.
In beiden Landkreisen gab es ein Minus bei der Beschäftigung vor allem im verarbeitenden Gewerbe und bei der Arbeitnehmerüberlassung, also der Zeitarbeit. Ein Beschäftigungsplus war insbesondere in den Bereichen Information und Kommunikation, bei der öffentlichen Verwaltung sowie beim Bau- und Gastgewerbe zu verzeichnen. Mit Blick auf das laufende Jahr sagte Karin Käppel: „Weil die Aufträge nachlassen, wird das Baugewerbe 2024 wohl keine Beschäftigung mehr aufbauen können“.
Bettina Münz, stellvertretende Leiterin der Göppinger Arbeitsagentur, ging anschließend darauf ein, wie sich die Nachfrage nach Arbeitskräften im vergangenen Jahr entwickelt hatte. Demnach sank die Nachfrage seit Jahresbeginn 2023 in nahezu allen Branchen langsam, aber stetig, lag aber trotzdem im Schnitt noch um fast 1000 Stellen über dem Niveau des Corona-Jahres 2020. Eine große Herausforderung sei, dass die Stellen für An- und Ungelernte stark zurückgegangen und nur noch 16 Prozent aller der von Unternehmen gemeldeten Stellen ausmache. Der Anteil aber derer, die Arbeit suchen, jedoch über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen, sei deutlich höher. „Deshalb ist Qualifizierung umso wichtiger“, verdeutlichte Karin Käppel.
In diesem Zusammenhang sagte die Agenturleiterin, dass fast Zweidrittel bei den Arbeitslosen in der Grundsicherung (Bürgergeld) keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Die Agentur für Arbeit verfüge über Instrumente, um Menschen qualifizieren zu können – „selbst Beschäftigte in den Betrieben, sodass wir aus Ungelernten Fachkräfte machen können“, verdeutlichte sie. So hat die Arbeitsagentur 2023 allein in die Integration von Menschen in den Arbeitsmarkt 66 Millionen Euro investiert.
Was die Arbeitslosigkeit anbelangt, sei diese im vergangenen Jahr vor allem bei den Männern gestiegen, informierte Bettina Münz. Ein Anstieg sei aber auch bei den Ausländern und bei jungen Leuten unter 25 Jahren zu verzeichnen. Dass so viele Männer von Arbeitslosigkeit betroffen waren (54,6 Prozent aller Arbeitslosen) sei ungewöhnlich und bereite gewisses Kopfzerbrechen. Es zeige, dass sich die Transformation - also die Weiterentwicklung und Neuausrichtung der Wirtschaft mit Blick auf Klimaschutz und Digitalisierung - auf die industriellen Bereiche auswirke.
Unterdessen spielte die Kurzarbeit als Kriseninstrument im vergangenen Jahr keine so große Rolle mehr wie in den Corona-Jahren, ergänzte Münz. So nahmen deutlich weniger Unternehmen das Angebot in Anspruch – auch, weil die Sonderregelung für den Bezug von Kurzarbeitergeld mit erleichterten Bezugsvoraussetzungen zum 30. Juni 2023 ausgelaufen war.
Karin Käppel blickte abschließend noch auf 2024: „Wir werden keine Massenarbeitslosigkeit haben, aber die Arbeitslosigkeit wird steigen“, prognostizierte sie. Dies würden auch Meldungen aus der Wirtschaft zeigen, „dass Entlassungen anstehen“. Einen Frühjahrsaufschwung werde es wohl auch 2024 nicht geben. Und als weitere Herausforderung bleibe nach wie vor der Fachkräftemangel, ebenso die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt.
Durchschnittliche Arbeitslosenquote lag bei 4,0 Prozent
Im Agenturbezirk waren zum Stichtag 30. Juni vergangenen Jahres 313 181 Frauen und Männer sozialversicherungspflichtig beschäftigt; das waren 0,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Mit plus 0,6 Prozent stieg die Beschäftigung bei Männern etwas stärker als bei Frauen mit plus 0,5 Prozent. Bei Ausländern stieg die Beschäftigung um 4,4 Prozent. Ein deutliches Plus gab es bei 55-Jährigen und Älteren (2,9 Prozent). Bei jungen Menschen unter 25 Jahren zeigte sich ein Beschäftigungsrückgang von 1,5 Prozent. Die Vollzeitbeschäftigung stagnierte, während es bei den Teilzeitbeschäftigten ein Plus von 2,3 Prozent gab. Während im Kreis Esslingen die Beschäftigung noch stieg (1,0 Prozent), ging sie im Kreis Göppingen leicht zurück (minus 0,3 Prozent).
Im Durchschnitt wurden der Arbeitsagentur im vergangenen Jahr 7176 Stellen zur Besetzung gemeldet. Das waren 21,5 Prozent weniger als vor einem Jahr. Zum Vergleich: In ganz Baden-Württemberg lag der Rückgang bei 13,9 Prozent.
Die durchschnittliche Arbeitslosenquote lag bei 4,0 Prozent (Vorjahr: 3,7). 17 873 Menschen waren 2023 im Jahresdurchschnitt in den beiden Landkreisen arbeitslos gemeldet; 1385 mehr als 2022. Dies entspricht einem Plus von 8,4 Prozent.
Im Landkreis Esslingen stieg die Zahl der arbeitslosen Menschen um 8,3 Prozent. Die Arbeitslosenquote lag bei 3,8 Prozent. 11 509 Menschen waren im Durchschnitt arbeitslos gemeldet: 885 mehr als im Vorjahr. Im Landkreis Göppingen stieg die Arbeitslosigkeit um 8,5 Prozent. Die Arbeitslosenquote lag bei 4,4 Prozent. 6 365 Personen waren arbeitslos gemeldet: 500 mehr als 2022. In allen Geschäftsstellenbezirken in den beiden Landkreisen ist die Arbeitslosigkeit gestiegen, allerdings unterschiedlich hoch: von 4,5 Prozent in Leinfelden-Echterdingen bis zu 11,8 Prozent in Geislingen. hei
