Es ist Mittwoch, 11.30 Uhr. Das Essen gibt es in der Vesperkirche erst nach dem Gongschlag um 12 Uhr. Trotzdem haben schon manche Gäste an den Tischen in der Thomaskirche Platz genommen. Während sich die Mitarbeitenden vorab um Salat, Pudding und einen defekten Kerzenanzünder kümmern, widmen sich die Gäste der stillen Vorfreude. Zu ihnen gehört Dietlinde Barz aus Kirchheim. Sie ist fast jeden Tag da, trifft sich heute an Tisch 20 mit Nachbarn. Sie ist in der Vesperkirche Leuten begegnet, mit denen sie vor sechs oder sieben Jahren in Davos wandern war, das hat sie gefreut. „Jeder redet mit jedem, das ist schön.“

Helmut Basener aus Ötlingen, der an Tisch eins auf seinem Stammplatz sitzt, ist ein Held des Alltags. Eine Stunde lang ist er mit dem Elektrorollstuhl zur Vesperkirche gefahren, wie er das seit vielen Jahren schon tut, auch bei Schnee und Regen. „Ich will selbstständig sein.“ Während des Essens wird der Rolli im Foyer für die Rückfahrt aufgeladen. „Ich schätze die Gemeinschaft“, sagt der Single.
Richard und Manda Lamparter hatten am Vortag ihre Vesperkirchenpremiere. Nun sind sie das zweite Mal mit dem Auto aus Dettingen hergefahren. Sie hatten im Internet nach einer Speisekarte geschaut, hatten nichts gefunden und entschieden, sich gerne überraschen zu lassen. Das Smartphone meldet sich mit einer Nachricht: „Ich bin auch da.“ Kurzes Umschauen, schon ist der Blickkontakt zur Bekannten hergestellt.
Seit 15 Jahren jeden Tag
„Ich komme seit 15 Jahren zur Vesperkirche, jeden Tag, und das sehr gerne“, sagt Mathias Dennhardt aus Kirchheim. Er sitzt am Tisch und liest entspannt den Teckboten. Früher fuhr er mit dem Auto her, heute ist er froh über den Fahrdienst, den die Vesperkirche anbietet. Vom Fahrzeug nach drinnen nimmt er den Rollator.

Teodor Biljanic ist das zweite Mal da. „Ich bin erstaunt, wie gut das Essen ist und wie gut alles funktioniert“, sagt er. Die langjährige Erfahrung des Teams sei zu spüren. „Da kommt das Christliche richtig hervor“, lobt er. Dem Kirchheimer gefällt die bunte Mischung der Besucher: Manche könnten sich ein Essen im Restaurant nie leisten, andere leiden vielleicht mehr unter Einsamkeit. Gemeinsames Essen sei doch ein Kulturgut, das man genießen sollte: „Das kann man hier in vollen Zügen.“
Punkt 12 Uhr wird der Gong geschlagen. Heute gibt es Schweinegeschnetzeltes und Spätzle, alternativ vegetarisch gefüllte Pfannkuchen, dazu Salat und Schokopudding. Den anschließenden Kuchen gibt es in diesem Jahr nicht mehr an einer Theke, er wird mit Servierwagen an die Tische gebracht. „Dadurch ist es viel ruhiger geworden“, sagt Diakon Uli Häußermann, dem das sehr gut gefällt. Als im Vorjahr mit dem Kaffeeausschank am Tisch begonnen wurde, hat sich der Verbrauch verdoppelt – die Gäste sind länger gemütlich sitzen geblieben.
160 Helfende
Fritz und Heidi Ernst vom Schafhof gehörten früher zum Vesperkirchenteam, sie haben gespült, serviert und den Fahrdienst übernommen. Nun, mit über 80 Jahren, sind sie als Gäste gekommen und genießen es. Diakon Wolfgang Burlein, Vorgänger von Uli Häußermann, nimmt am selben Tisch Platz. Er hat einst die Kirchheimer Vesperkirche mitgegründet. „Ich bin befördert worden, jetzt bin ich Fahrdienstleiter“, sagt er. Gemeinsam mit Klaus Olf übernimmt er Gästetransporte, pünktlich und ohne Streik, als Ergänzung zum kostenlosen Bus-Shuttle.

300 Leute hatte Uli Häußermann für eine erneute Mitarbeit bei der Vesperkirche angeschrieben, 160 haben zugesagt. Damit ist er hoch zufrieden. „Jedes Jahr sind zehn bis zwölf Prozent neu.“ Er lobt die „Liebe zur Sache“ im ganzen Team. Jeden Tag werden 30 Leute gebraucht. Drei Damen übernehmen heute als „die drei von der Tauchstelle“ das fröhliche und intensive Vorspülen, da bleibt für die Spülmaschine nicht mehr viel zu tun.
In der Kinderspielecke zeigen zwei Jungs, dass man in der Puppenküche viel Spaß haben kann. Auch wenn die beiden nicht miteinander reden können, weil der eine kein Ukrainisch und der andere kein Deutsch kann. Doch Lachen ist sprachübergreifend. Um 13 Uhr hat Pfarrer Dirk Schmidt das Wort, für eine kurze Andacht als Seelsorger des Tages. Für alle Anliegen der Gäste hat er zwei aufmerksame Ohren und ein aufmerksames Herz mitgebracht.
250 Portionen ausgegeben
An der Kasse ist Marie-Luise Heck eingesprungen, die frühere Kirchengemeinderatsvorsitzende. Sie engagiert sich bereits das 15. Mal, diesmal mit Wäschewaschen und Kassendienst. Sie hält einen Essensbon hoch: „Wenn der weg ist, sind es 200 Essen.“ Ein Besucher zahlt mit einem Zehn-Euro-Schein und sagt „stimmt so“, auch wenn nun – es ist schon 13.20 Uhr – die Spätzle ausgegangen sind. Zählt man die Mitarbeiteressen mit, waren es über 250 Portionen.
Neben der Kasse steht ein Plastikkorb, in ihm sind Tüten mit Backwaren vom Vortag zum Mitnehmen. Er leert sich sehr schnell. Nach und nach leert sich auch die Thomaskirche. Und schon beginnen die Vorarbeiten für den nächsten Vesperkirchentag.
