Großes Interesse fand die Veranstaltung des Literaturbeirats der Stadt Kirchheim anlässlich des 93. Jahrestags der Bücherverbrennung von 1933. Unter dem Titel „Der Nachlass von Erich Kästner“ stellte Dr. Ulrich von Bülow, Leiter der Handschriften-Abteilung des Deutschen Literaturarchivs Marbach, in der Kirchheimer Stadtbücherei Leben und Werk des Schriftstellers anhand zahlreicher Dokumente und Fotografien aus dessen Nachlass vor.
Eindrucksvoll eröffnete von Bülow seinen Vortrag mit einem selten gezeigten Foto des Fotografen Hans Graeber. Es zeigt die Aschereste der verbrannten Bücher auf dem Berliner Opernplatz – aufgenommen am Tag nach der Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933. Kästner selbst war damals unerkannt unter den Zuschauern, als die Deutsche Studentenschaft seine Werke im Rahmen der nationalsozialistischen „Aktion wider den undeutschen Geist“ ins Feuer warf.
Anhand zahlreicher Dokumente und persönlicher Gegenstände zeichnete Dr. von Bülow anschließend Kästners Lebensweg facettenreich nach. Besonders anschaulich wirkten frühe Zeugnisse aus der Schulzeit: Schulbücher voller Kritzeleien, Zeugnisse sowie ein erhaltener Spickzettel in „Gabelsberger Kurzschrift“ – jener stenografischen Schriftform, die später große Teile von Kästners Nachlass prägen sollte.
Zu den eindrucksvollsten Fundstücken gehörte außerdem ein Telegramm von Marlene Dietrich aus dem kalifornischen Santa Monica. Darin schrieb sie Kästner, wie sehr sich ihre Tochter über „Pünktchen und Anton“ amüsiert habe – ein persönliches Dokument, das die internationale Wirkung seines Werks unterstrich.
Große Aufmerksamkeit galt Kästners berühmtem „Kriegstagebuch“. Heimlich hielt er darin zwischen 1941 und 1945 Frontberichte, Bombennächte, Stromausfälle und den Alltag im „Dritten Reich“ fest – ebenso wie die nur noch hinter vorgehaltener Hand erzählten Witze über Hitler und Goebbels. Die Aufzeichnungen reichen bis in die ersten Monate nach Kriegsende und gelten als einzigartiges Zeugnis jener Zeit. Dr. von Bülow ging auch auf Kästners nie vollendetes Vorhaben ein, aus diesen Aufzeichnungen einen Roman zu entwickeln.
Im Anschluss entwickelte sich ein intensives Gespräch mit dem Publikum. Von Bülow beantwortete zahlreiche Fragen – etwa zu Kästners Verhältnis zu seinen Eltern, zu seiner Bekanntheit zu Lebzeiten oder zu seinen Beziehungen zu jenen Schriftstellerkollegen, die Deutschland verlassen hatten.
Die Veranstaltung machte eindrucksvoll deutlich, wie lebendig Literaturgeschichte durch Originaldokumente werden kann – und wie aktuell die Fragen bleiben, die Kästners Leben und Werk bis heute aufwerfen: nach Verantwortung, Haltung und der Rolle von Literatur in politisch bedrohlichen Zeiten. pm

