Ob beim Wocheneinkauf oder der gelegentlichen Shoppingtour: Wenn entschieden werden muss, welche Produkte im Einkaufskorb landen und welche nicht, fällt der Blick meist auf das Preisschild. Unangenehme Fragen nach der Herkunft der Produkte – ob Blut an ihnen klebt – werden nur allzu gerne verdrängt oder kommen gar nicht erst auf. Das will die Fairtrade-Bewegung ändern.
Viele Firmen machen es sich leicht und setzen Profitinteressen über Menschenrechte.
Tim Reeth, SPD-Landtagskandidat
Um auf fairen Handel aufmerksam zu machen, radeln Weltladen-Mitarbeitende seit vielen Jahren jeden Sommer durch eine andere Region Deutschlands. Dieses Jahr startet die „Tour de Fair“ in Kirchheim. Zu diesem Anlass haben die Teilnehmenden im Besprechungssaal der Stadtbücherei Kirchheim zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Zu Gast waren die Kirchheimer Landtagsabgeordneten Andreas Schwarz (Grüne) und Natalie Pfau-Weller (CDU) sowie der Landtagskandidat Tim Reeth aus dem Wahlkreis Nürtingen (SPD).
Martin Blessing aus Berlin, der das Gespräch moderierte, eröffnete die Diskussion mit einer Frage nach den Lieblingsprodukten der Politprominenz aus dem fairen Handel. Neben Schokolade, Gewürzen und Mangos wurde erwartungsgemäß auch das Fairtrade-Produkt schlechthin genannt – der Kaffee. Den trinke man laut Andreas Schwarz auch im Landtag; fair gehandelt aus Baden-Württembergs Partnerland Burundi.
Eine jahrzehntelange Beziehung
Mit Burundi-Kaffee im Landtag gab sich Martin Blessing jedoch nicht zufrieden. Es gebe noch „viel Luft nach oben“ – sowohl im Landtag selbst als auch landes- und bundesweit. Auf den Vorschlag der Weltladen-Mitarbeiterin Gudrun Leibold, mehr Kooperationen mit burundischen Produzenten einzugehen, antwortete Andreas Schwarz mit einem Appell an Realismus. Deutlich mehr aus dem Partnerland zu importieren, sei kaum machbar. So weit sei man in Burundi noch nicht. Er ergänzte, dass von Seiten der Landesregierung vor Ort bereits sehr viel getan werde. Wie Natalie Pfau-Weller berichtet, habe man besonders im Bildungsbereich in dem Entwicklungsland viel erreicht. Man könne aber noch mehr tun.
Tim Reeth betonte indessen die Wichtigkeit von gegenseitigem Austausch durch Reisen in das betreffende Land oder den Empfang von Delegationen – beides wird in Baden-Württemberg für Burundi getan. „Je mehr man voneinander lernt, desto besser kann man auch miteinander handeln“, schätzt der SPD-Landtagskandidat.
Allerdings, so Andreas Schwarz, sei die Beziehung zu Burundis Staatsregierung nicht einfach. Einen „Drahtseilakt“ nennt Tim Reeth die Situation Baden-Württembergs. Einerseits wolle man andere Werte und Kulturen akzeptieren, andererseits zähle es auch zur Leitlinie der deutschen Außenpolitik, Missstände, wie Ungerechtigkeit und Menschenrechtsverletzungen, nicht unangesprochen zu lassen.
Fairness braucht Regeln
Das „große Ganze“ im Kopf zu behalten – das, so Reeth, sei in dieser Debatte essenziell. Beim Thema fairer Handel gehe es auch um so „unattraktiv klingende Wörter wie das Lieferkettengesetz“, das deutsche Unternehmen dazu verpflichtet, Menschenrechte und Umweltstandards entlang ihrer gesamten Lieferketten zu achten. Reeth bezeichnet sich als „großer Verfechter“ dieses Gesetzes, da es sowohl die Politik als auch die Unternehmen gezwungen habe, sich Gedanken über derartige Fragen zu machen. Denn: „Viele Firmen machen es sich leicht und setzen Profitinteressen über Menschenrechte“, bedauert der SPD-Politiker. Um das zu verhindern, so Schwarz, brauche man eine „regelbasierte Ordnung im Handel“, die auch auf dem „Grundsatz der Fairness“ beruhen müsse.
In diesem Kontext erkundigte sich Martin Blessing nach der neuen Verwaltungsvorschrift Beschaffung, die die Landesverwaltung seit Oktober 2024 verbindlich dazu verpflichtet, ökologische, soziale und menschenrechtliche Nachhaltigkeitskriterien systematisch in Vergabeverfahren zu integrieren. Blessing äußerte Skepsis über die tatsächliche Umsetzung der neuen Vorgaben. Andreas Schwarz betonte mit Nachdruck, die Vorschrift werde eingehalten und geprüft. Natalie Pfau-Weller ergänzte, dass man Ministerien, die mit besonders gutem Beispiel vorangehen, künftig ja auch für ihren Vorbildcharakter auszeichnen könne.
Dass das Thema Fairtrade zum Teil auch in unbekannteren Gesetzen auftaucht, unterstrich Andreas Schwarz mit einem Verweis auf das Bestattungsgesetz. Dieses gibt den Kommunen die Möglichkeit, in ihren Satzungen zu bestimmen, dass ausschließlich Grabsteine genutzt werden dürfen, in deren Herstellungsprozess nachweislich keine Kinderarbeit involviert war. Für das Erreichen größerer Ziele, wie „gar keine Grabsteine mit Kinderblut mehr in Deutschland“, ist es nach Aussage von Tim Reeth entscheidend, gemeinsam Grundsätze auszuarbeiten, die auf ebensolche Ziele hinsteuern.
Eine Zuschauerin warf ein, dass an dieser Stelle viel und gute Erklärungsarbeit nötig sei: „Wir leben in einer Zeit mit großer Sensibilität, in der sich Menschen fragen: Was wird uns noch alles vorgeschrieben?“ Es brauche eine kompetente Person, die der Bürgerschaft klarmache, warum man eine Entscheidung getroffen habe und dem Bürger etwa die Kosten für das teurere Produkt zumute, das dafür fair gehandelt ist. Tim Reeth ergänzte, dass Regulierungen auf Landes- und Bundesebene an dieser Stelle helfen könnten, um den (Rechtfertigungs-)Druck von der kommunalen Ebene zu nehmen.
Labels: Hilfestellung oder Irreführung?
Ein weiteres Anliegen der Zuschauerschaft war das Fairtrade-Siegel oder die „Verwässerung“ dessen. Die Realität, so Gudrun Leibold, entspreche oft nicht dem, was man sich unter fairem Handel vorstelle. Tim Reeth sprach in diesem Kontext vom sogenannten „Greenwashing“. Er habe den Eindruck, viele Konzerne würden mit möglichst vielen vielversprechend aussehenden, aber nichtssagenden, Sigeln spielen und die „kollektive Verwirrung“ für sich nutzen. Er verwies an dieser Stelle auf den Nutri-Score, der mittlerweile viele Lebensmittelverpackungen schmückt: „Ich war am Anfang überrascht, dass ich mir eine Chipspackung mit dem Nutri-Score A kaufen kann. Da dachte ich mir erstmal: Boah, das ist ja richtig gesund.“ Um solche Trugschlüsse zu vermeiden, müsse man zum einen mehr Bewusstsein schaffen, zum anderen intensiver prüfen.
Andreas Schwarz warb an dieser Stelle intensiv für anerkannte Zitate und Labels. Das würde es auch den Beschaffern einfacher machen. „Viele Menschen sind bereit, darauf zu achten und darauf Wert zu legen“, mutmaßte der Landtagsabgeordnete.
Es geht nicht im Alleingang
Zu sprechen kam im Rahmen der Podiumsdiskussion auch das „Eine Welt Promotoren“-Programm, das bundesweit zivilgesellschaftliches Engagement für globale Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung fördert. Finanziert wird das Programm zur Hälfte vom Bund, zur Hälfte von den Ländern. Martin Blessing wollte von den Gästen wissen, ob das Land denn bereit wäre, das Programm im Alleingang aufrechtzuerhalten – im hypothetischen Szenario, dass der Bund sich zurückziehen sollte.
Von Andreas Schwarz bekam die Frage ein „Nein“. Er habe zwar „ein Herz für Fairtrade“, den Anteil des Bundes kurzerhand auf die eigenen Schultern zu laden, sei für ihn aber keine Option. „Das müsst ihr dann schon mit der Bundesregierung ausmachen.“
„Guter Move, Andi. Der geht aber nicht auf“, äußerte seine Wahlkreiskollegin Natalie Pfau-Weller. Man könne die Verantwortung nicht nur auf die Bundesebene schieben. Als CDU in Baden-Württemberg würde man sicher versuchen, das Programm auf Landesebene zu erhalten. Aber: Rahmenbedingung sei, dass diese Bemühungen nicht ausschließlich vonseiten des Landes, sondern auch von Bund und Kommunen kommen – indirekt also auch ein Nein. Tim Reeth bestätigte: „Man kann keine Ebene zu 100 Prozent aus der Verantwortung ziehen.“
Zum Abschluss der Runde drehte Martin Blessing den Spieß um: Er wollte von den Gästen wissen, welche Forderungen sie an die Fairtrade-Bewegung haben, um diese (weiter) zu unterstützen. Andreas Schwarz äußert an dieser Stelle den Wunsch nach vermehrtem Engagement im Bereich der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Weiter regte er dazu an, das Thema auf der Tagesordnung zu halten und nicht davor zurückzuscheuen, auch beim Bund Druck zu machen: „Legen Sie den Finger in die Wunde!“ Einen ähnlichen Ton schlugen auch Tim Reeth und Natalie Pfau-Weller an. Der Wunsch der CDU-Vertreterin: „Ich hoffe, dass Sie weiter engagiert bleiben und den Kontakt suchen. Bleiben Sie laut und unbequem!“

