Mitte der 70er-Jahre wurde in Kirchheim über die zunehmende Jugendkriminalität diskutiert. „Damals waren Rocker-Banden im Fokus, auch außerhalb Kirchheims“, erinnert sich Christoph Lempp. 40 Jahre hat er als Sozialpädagoge und zudem lange als Geschäftsführer beim Kirchheimer Brückenhaus gearbeitet, bis zu seinem Ruhestand 2016. Lempp war 1976 Mitbegründer des Vereins, der als Reaktion auf die sozialen Konflikte Jugendlicher ins Leben gerufen wurde.
„Die ersten drei Mitarbeiter waren Peter Engel als Hauptamtlicher sowie zwei Praktikanten“, berichtet Christoph Lempp. Heute zählt das Brückenhausteam 27 Hauptamtliche, dazu FSJler, Honorarkräfte und Ehrenamtliche. An die Anfänge erinnert sich auch der heutige erste Vorsitzende Willi Kamphausen, der bei der Vereinsgründung Stadtrat in Kirchheim war. Es habe damals einen aufrüttelnden Bericht des Stadtjugendrings gegeben, der sich mit der Randgruppenarbeit befasste und deutlich machte, dass Handeln gefragt war, so Kamphausen.
Die Lage der ersten Anlaufstelle für die Beratung und Betreuung Jugendlicher in Krisensituationen inklusive einer kurzfristigen Unterbringungsmöglichkeit führte zur Namensgebung: „Das von der Stadt zur Verfügung gestellte, mittlerweile abgerissene Gebäude lag unterhalb der Steingaubrücke“, erklärt Christoph Lempp. Zugleich symbolisiere die Brücke die soziale Arbeit, das „Brückenbauen“. Heute ist das Brückenhaus zusätzlich zur Mobilen Arbeit mit dem Sozialen Zentrum TrIB (Treffpunkt-Information-Beratung) in Ötlingen sowie in der Kirchheimer Südstadt mit dem Pavillon am Rambouillet-Platz vor Ort präsent. 2020 wurde am südlichen Ortsrand von Kirchheim der Südstadt-Natur-Erlebnis-Garten (SNEG) als pädagogisch betreuter Naturspielplatz eröffnet. Das Vereins-Büro liegt in Jesingen.
Arbeit vor Ort steht im Fokus
Ab 1979 fand eine Veränderung der Konzeption statt, die bis heute Bestand hat: Beim Brückenhaus rückten die präventive Sozialarbeit, die Mobile Jugendarbeit, für die Kinder die Spielmobilarbeit sowie die Gemeinwesenarbeit im Allgemeinen in den Fokus. Als eine der ersten Einrichtungen im Land wurde Ende der 70er-Jahre die Betreuung von Cliquen – damals den Rockern der „Thunderbirds“ – gestartet. Dazu fiel 1979 mit der Unterstützung zahlreicher ehrenamtlicher Helfer der Startschuss für das Kinderferienprogramm – ein Angebot, das sich bis heute in den Sommerferien großer Beliebtheit erfreut. Seit 1986 ist der Verein Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg. Das Brückenhaus wird finanziert durch die Stadt Kirchheim und andere öffentliche Träger sowie durch Spenden und Sponsoren.

„Es geht uns darum, auf die Kinder und Jugendlichen und ihre Familien direkt in ihrem Lebensumfeld zuzugehen und sie mit all ihren Stärken und Schwächen anzuerkennen und zu akzeptieren, anstatt sie zu stigmatisieren“, erklärt die pädagogische Geschäftsführerin des Brückenhauses, Birgit Blank-Gleich. Bei Themen, die ein Viertel betreffen, wie die Gestaltung des Wohnumfelds, würden die Menschen vor Ort mit einbezogen. Die Streetworker und -workerinnen des Brückenhauses sind heute vor allem in den sozialen Brennpunktgebieten Reutlinger Straße, Berg West und Dettinger Weg unterwegs und eröffnen den Jugendlichen dort niederschwellig Wege in die festen Gruppen- und Cliquenangebote.

Das Brückenhaus bietet darüber hinaus individuelle Beratung für Jugendliche in allen ihren Problemlagen an, seien es Beziehungskonflikte, Schulschwierigkeiten, eine psychosoziale Entwicklung, Drogen, Kriminalität oder Gewalt. Zum beständig gewachsenen Angebot zählen die Flexiblen Hilfen der Erziehungshilfestelle in Zusammenarbeit mit der Stiftung Tragwerk und der Bruderhausdiakonie. Die Unterstützung richtet sich an Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 14 Jahren und deren Familien.
1999 kam das Angebot der Jugendberufshilfe dazu, ab 2002 wurde die Schulsozialarbeit nach und nach etabliert. Sie wird derzeit an 15 Schulen in Kirchheim und der nahen Umgebung angeboten, verteilt auf alle Schularten. „Bis die Schulsozialarbeit als flächendeckend notwendig akzeptiert wurde, hat es gedauert“, berichtet Birgit Blank-Gleich.
Stütze in unsicheren Zeiten
„Brücken zu bauen“ und vor Ort präsent zu sein, sei in den aktuell politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich unsicheren Zeiten wichtiger denn je, sagt Friederike Hempel, Sozialpädagogin, Schulsozialarbeiterin und Diakonin beim Brückenhaus. Auch die Corona-Jahre hätten manche Probleme verstärkt, ergänzt Birgit Blank-Gleich, darunter psychische Erkrankungen oder das Thema der Vereinsamung. Im Jubiläumsjahr 2026 wird das Brückenhaus neben den eigenen Veranstaltungen auch auf Festen der Stadt präsent sein.

