Jeden Monat stellt Amnesty International drei sogenannte Appellfälle vor. Darin wird über Menschen berichtet, die wegen ihres Einsatzes für Menschenrechte verfolgt und inhaftiert werden oder sogar von einer Hinrichtung bedroht sind. Die Organisation ruft dazu auf, sich mit Briefen an die zuständigen Regierungen und Behörden zu wenden. Diese internationale Unterstützung zeigt immer wieder Wirkung: Nicht selten führen die Schreiben dazu, dass Verfahren neu aufgerollt oder Gefangene freigelassen werden. Aktuell richtet sich ein besonderer Fokus auf einen Gefangenen in Taiwan, der seit Jahrzehnten in der Todeszelle sitzt. Vorformulierte Briefe können im Kirchheimer Weltladen in der Dettinger Straße abgeholt oder online unter ai-Kirchheim.de heruntergeladen werden.
Yu Wensheng und Xu Yan – China
Der bekannte Menschenrechtsanwalt Yu Wensheng und seine Frau Xu Yan wurden im Oktober 2024 in Suzhou wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ verurteilt. Yu Wensheng erhielt eine Haftstrafe von drei Jahren, Xu Yan wurde zu einem Jahr und neun Monaten verurteilt und im Januar 2025 freigelassen.
Das Ehepaar war bereits im April 2023 auf dem Weg zu einem Treffen mit einer EU-Delegation festgenommen worden. Amnesty International kritisiert in diesem Fall, dass beide lediglich wegen der Wahrnehmung ihrer Rechte inhaftiert wurden.
Die Haftbedingungen galten als schlecht, zudem wurden sie weit entfernt von ihrem Wohnort in Peking untergebracht. Die Inhaftierung belastet auch die Familie schwer: Ihr Sohn leidet inzwischen unter Depressionen.
Chiou Ho-shun – Taiwan
Besonders dringlich ist der Fall von Chiou Ho-shun, der bereits seit 1989 in der Todeszelle sitzt. Ihm werden Mord und Entführung vorgeworfen. Nach eigenen Angaben wurde sein Geständnis unter schwerer Folter erzwungen, unter anderem durch Elektroschocks, Schläge und andere Misshandlungen. Diese Vorwürfe wurden durch unabhängige Untersuchungen gestützt.
Trotz fehlender Beweise und erheblicher Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Verfahrens wurde das Todesurteil mehrfach bestätigt. Zwar ordnete der Oberste Gerichtshof Taiwans wiederholt neue Verhandlungen an, doch 2011 wurde das Urteil zuletzt erneut bestätigt. Chiou Ho-shun beteuert bis heute seine Unschuld. Viele Jahre in Haft haben auch persönliche Spuren hinterlassen: Ein Großteil seiner Familie ist inzwischen verstorben.
Manahel al-Otaibi – Saudi-Arabien
Auch der Fall der saudi-arabischen Aktivistin Manahel al-Otaibi sorgt für internationale Aufmerksamkeit. Die Fitness-Influencerin und Feministin wurde im Januar 2024 zu elf Jahren Haft verurteilt, später wurde das Strafmaß auf fünf Jahre reduziert, ergänzt durch ein Reiseverbot. Anlass war für die Anklage unter anderem ein Selfie, auf dem sie ohne die in Saudi-Arabien vorgeschriebene traditionelle Kleidung zu sehen ist.
Amnesty International sieht in ihrer Verurteilung einen klaren Verstoß gegen grundlegende Menschenrechte. Manahel al-Otaibi sitze allein deshalb im Gefängnis, weil sie gegen diskriminierende Vorschriften verstoßen habe. Die Organisation fordert ihre sofortige und bedingungslose Freilassung.
