Sexualisierte Gewalt
„Das ist der beste Opferschutz“

Die psychologische Fachberatungsstelle Kompass in Kirchheim arbeitet als einzige im Landkreis Esslingen auch mit Tatgeneigten und Menschen, die sexualisierte Gewalt ausgeübt haben. 

Beschuldigte sexualisierter Gewalt müssen in einer Therapie lernen, Empathie zu entwickeln, und die Folgen ihrer Tat für die Betroffenen verstehen. Symbolfoto: stock.adobe.com

Die gesellschaftliche Haltung ist hier jene, dass man sich um die Opfer kümmern muss“, sagt die Leiterin der Fachberatungsstelle, Katja Englert. „Dass man sich auch mit der Gegenseite beschäftigt, war lange Zeit nicht gerne gehört und ist es vermutlich bis heute nicht.“ Dass Kompass bereits seit der Gründung vor über 30 Jahren auch ein Ansprechpartner mit therapeutischem Angebot für die Tatgeneigten sowie Täter und Täterinnen war, sei allerdings mit Weitsicht geschehen und der beste Opferschutz, „wenn man mit ihnen möglichst präventiv arbeiten und so Taten verhindern oder aber im Falle der bereits ausgeübten Gewalt das Handeln gemeinsam aufarbeiten kann“, betont Englert. An der Berliner Charité habe es das Programm „Kein Täter werden“ gegeben. „Die wurden überrannt, so hoch war die Nachfrage.“

Die Täter und Täterinnen müssen lernen, das Leid der Betroffenen anzuerkennen.

Gaby Lemke, Therapeutin bei Kompass

Als Tatgeneigte bezeichne man Personen, die ein inneres Verlangen oder eine Fantasie haben, ein Sexualdelikt zu begehen, zum Beispiel den Missbrauch von Kindern oder Jugendlichen, bisher aber noch nicht übergriffig geworden sind, erklärt Katja Englert. Bei den übergriffig gewordenen Personen überwiege der Anteil der männlichen Täter mit rund 80 Prozent, so Englert. „Bei den Täterinnen gehen wir von einer höheren Dunkelziffer aus“, sagt die Therapeutin Jasmin Bodenhausen. In der Gesellschaft würden diese noch häufiger bagatellisiert oder den Betroffenen gegenüber fälschlicherweise mit Botschaften wie „sei doch froh, dass sie dich wollte“ oder Ähnliches verbunden, ergänzt Bodenhausen. Auch die Mittäterschaft sei im Falle der weiblichen Beschuldigten ein Thema, ob aktiv oder in Form des Wegschauens. Bei den Klienten der Kirchheimer Beratungsstelle sei der Anteil der weiblichen Beschuldigten deutlich geringer.

Verzerrtes Bild der Realität

Die Erfahrung zeige, dass zwischen 70 und 80 Prozent der Tatgeneigten und Beschuldigten selbst sexualisierte Gewalt erfahren haben und oft viele Jahre später die eigene Demütigung kompensieren, indem sie die Machtposition einnehmen. „Sie müssen während der Therapie lernen, Empathie zu entwickeln und zu verstehen, welche Folgen ihre Tat für die Betroffenen hat. Sie müssen deren Leid sehen und anerkennen. Dafür müssen die inneren Abwehrmechanismen der Beschuldigten außer Kraft gesetzt werden“, schildert Therapeutin Gaby Lemke die schwierige und zentrale Aufgabe.

Sehr häufig habe man es mit Tätern und Täterinnen zu tun, die ihre Tat leugnen oder ein völlig verzerrtes Bild von ihr haben, in dem die Verantwortung für das Geschehene den Betroffenen zugeschrieben werde, erklärt Lemke. „Dass jemand seinen Fehler sofort einräumt, ist eher unüblich und häufig schambesetzt.“

Bei Kompass habe man keinen Strafverfolgungsauftrag. „Wir wollen im Rahmen der Arbeit mit den übergriffigen Personen vielmehr eine Verhaltensänderung erreichen, ein Reflektieren des eigenen Tuns. Konsumenten kinderpornografischer Inhalte verdrängen teils im Zuge ihres Abwehrmechanismus, dass es sich dabei um reale Kinder und Jugendliche handelt“, nennt die Therapeutin ein Beispiel. Dabei seien nicht alle, die Missbrauchsabbildungen von Kindern und Jugendlichen konsumieren, gleichzeitig pädophil oder würden im Alltag tatsächlich übergriffig, ergänzt Gaby Lemke: „Ist jemand pädophil, hat er oder sie eine sexuelle Präferenz, die sich auf kindliche Körperschemata bezieht. Findet in diesem Zusammenhang ein Übergriff statt, spricht man dann von einer sexuellen Präferenzstörung.“ 

Allein schon durch die zur Verfügung stehenden Medien sei es leichter geworden, an entsprechende Inhalte heranzukommen, wissen die Therapeutinnen Gaby Lemke und Jasmin Bodenhausen: „Das sehen wir etwa bei jugendlichen Beschuldigten, die die Missbrauchsabbildungen selbst konsumiert und teils weitergeleitet haben, was eine Straftat ist.“ Die Hemmschwelle sei durch den erleichterten Zugang niedriger. Auch die KI und damit künstlich generierte Bilder seien ein zunehmendes Problem, ergänzt Bodenhausen. „Bei den regelmäßigen Konsumenten beobachtet man mit der Zeit eine gewisse Gewöhnung, es braucht dann immer stärkere Reize, auch die Häufigkeit und Dauer des Konsums nehmen zu. Das ist vergleichbar mit der Drogensucht“, so die Therapeutin. 

Sexualisierte Gewalt präsenter

Auch für grenzverletzende Kinder ist die Kirchheimer Beratungsstelle der Ansprechpartner. Es geht dabei um eine grenzverletzende Sprache und Beleidigungen gegenüber anderen Kindern beziehungsweise Jugendlichen, die Durchführung sexueller Erkundungsspiele ohne Einverständnis, unter Zwang oder unter Drohung sowie auch die Penetration anderer Kinder mit Körperteilen oder Gegenständen. „Bei der Ursachensuche gilt es immer abzuklären, ob die grenzverletzenden Kinder selbst von sexualisierter Gewalt betroffen oder anderen Gefährdungssituationen ausgesetzt sind“, betont Therapeutin Gaby Lemke. Die Fälle der Kindeswohlgefährdung seien in den vergangenen Jahren massiv angestiegen beziehungsweise kommen verstärkt ans Licht. Letzteres hänge mit der veränderten gesellschaftlichen Wahrnehmung zusammen, so Katja Englert: „Betroffene äußern sich häufiger, was dann auch Rückschlüsse auf die Täter zulässt. Insgesamt bekommt das Thema sexualisierte Gewalt eine größere Aufmerksamkeit als früher.“ 

Mehr Fachpersonal benötigt

Aktuell gebe es bei der Kirchheimer Beratungsstelle keine freien Kapazitäten mehr für ein Therapieangebot. „Dafür bräuchten wir noch mehr Fachpersonal und eine entsprechende Förderung. 2001 hatten wir insgesamt 135 Fälle (Betroffene, sexuell grenzverletzende Kinder und Beschuldigte zusammen), 2024 waren es 260“, berichtet Katja Englert. „Wir sind trotzdem die erste Anlaufstelle, also der Türöffner, mit Informationen, wo es alternativ ein langfristiges Angebot gibt. Auch für die Angehörigen sowohl Betroffener als auch Beschuldigter“, erklärt Englert. 

Wichtig zu betonen sei, dass niemals Betroffene und Täter oder Täterin desselben Falls bei Kompass betreut werden, „denn der Schutzraum ist unheimlich wichtig“, sagt die Leiterin der Kirchheimer Fachberatungsstelle. ​​​​​​

 

Der Kirchheimer Verein „Kompass“

Der gemeinnützige Verein Kompass ist Träger von „Kompass Kirchheim“, der psychologischen Fachberatungsstelle bei sexualisierter Gewalt im Landkreis Esslingen.

Im Mai 1991 startete die Kirchheimer Beratungsstelle zunächst unter der Trägerschaft des Kreisverbands Pro Familia. Aufgrund der steigenden Anzahl komplexer Anfragen wurde eine inhaltliche, räumliche und organisatorische Trennung erforderlich. A​​​​​​​m 18. Oktober 1993 wurde der Verein Kompass als Trägerverein der Beratungsstelle gegründet.

Im Jahr 2024 war das Kompass-Team in Fällen von 30 grenzverletzenden Kindern (bis 13 Jahre), 15 Beschuldigten von 14 bis 20 Jahre und 27 Beschuldigten ab 21 Jahren tätig.

Die psychologische Fachberatungsstelle in der Marstallgasse 3 in Kirchheim, ist erreichbar unter der Nummer 0 70 21/61 32 oder per E-Mail an: mail@kompass-kirchheim.de. Infos unter: www.kompass-kirchheim.de eis