Wie fühlt es sich an, mit nur 16 Jahren von einem Millionenpublikum gesehen und beurteilt zu werden? Wie geht man damit um, wenn der eigene Körper plötzlich zum Diskussionsthema fremder Menschen wird? Für Lisa Könnecke sind das keine hypothetischen Fragen. Sie sind Teil ihrer Geschichte.
Ich war total unsicher und habe mich wie ein hässliches Entlein gefühlt.
Lisa Könnecke, ehemaliges Model
Die heute 31-Jährige gewann im Jahr 2011 durch die Teilnahme an der Castingshow „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM) Popularität und war anschließend auf den Laufstegen der Modehochburgen Paris und New York zu sehen. Ihre Erlebnisse, Gedanken und Lektionen aus der Zeit als Model teilt sie in ihrem neu erschienen Buch „Plötzlich schön? Ehrliche Einblicke ins Modelleben.“ erstmals mit der Welt.
Großes Mädchen, große Träume
Ihre Kindheit verbringt Lisa Könnecke fernab von Laufstegen, Großstadtglitzer und Scheinwerferlicht. Sie wächst in Brackenheim auf – einem kleinen Städtchen in der Nähe von Heilbronn. Doch auch in Kirchheim, wo ein Teil ihrer Familie lebt, verbringt sie viel Zeit. „Ich liebe die Innenstadt, die Fachwerkhäuser und den Charme. Ich verbinde viele schöne Kindheitserinnerungen mit Kirchheim“, schwärmt die frischgebackene Autorin.
Dass ihr Aussehen ihr später einmal viele Türen öffnen wird, ahnt Lisa Könnecke damals noch nicht. Weil sie überdurchschnittlich groß und von Natur aus sehr schlank ist, wird sie von Gleichaltrigen zum Teil gehänselt und als „magersüchtig“ oder gar als „Knochengestell“ bezeichnet. Diese und ähnliche Kommentare kratzen am Selbstbild des Mädchens. „Ich war total unsicher und habe mich wie ein hässliches Entlein gefühlt“, erinnert sie sich. „Ich saß oft abends weinend zuhause.“
Trotz ihres geringen Selbstwertgefühls träumt Lisa Könnecke schon in jungen Jahren von einer Modelkarriere. „Ich wollte endlich gesehen werden, Bestätigung bekommen und es allen beweisen“, erklärt sie. Mit Unterstützung ihrer Familie versucht sie ihr Glück bei einigen Agenturen und Castings. Zunächst hagelt es nur Absagen, doch das Blatt wendet sich: Die Entscheidung, sich bei GNTM zu bewerben, wird zum Wendepunkt in Lisa Könneckes jungem Leben. Sie wird aus vielen tausend Bewerberinnen ausgewählt und bekommt die Zusage. „Das war ein unbeschreibliches Gefühl.“
Ein Abenteuer vor laufender Kamera
Für den Dreh der sechsten Staffel reisen Heidi und ihre Mädchen, darunter auch Lisa Könnecke, drei Monate lang mit dem Jet auf dem Globus herum. Dafür wird die Zehntklässlerin von der Schule beurlaubt. Schon bevor es auf die große Reise geht, spricht sich die Nachricht in ihrem Umfeld herum wie ein Lauffeuer. Und siehe da: Dieselben Menschen, die Lisa Könnecke und ihre Model-Träume zuvor belächelten, sind auf einmal ihre Fans. „Da wurde ich dann plötzlich gesehen und war interessant.“

An ihre Zeit bei GNTM hat die junge Frau überwiegend gute Erinnerungen. Natürlich, so Könnecke, sei es eine Extremsituation gewesen. Statt im Klassenzimmer zu sitzen, ist sie von morgens bis abends am Set und muss sich, tausende Kilometer entfernt von daheim, anspruchsvollen und teils bizarren Shooting-Herausforderungen stellen.
Wie sie erzählt, sei der Stresspegel enorm hoch gewesen – nicht nur aufgrund des Drucks und der Ungewissheit, sondern auch durch die ständige Kamerapräsenz. Trotzdem genießt sie die Zeit, die sie als „Riesenabenteuer“ beschreibt. Entgegen geläufigen Annahmen hätten sich die Mädels übrigens gut verstanden. „Es hat uns zu einer großen Familie zusammengeschweißt“, so Könnecke. Leider sei der Kontakt über die Jahre aber verlaufen.
Plötzlich bekannt
Durch ihren TV-Auftritt bekommt Lisa Könnecke endlich die Bestätigung von außen, die sie sich so lange gewünscht hat. Sowohl bei den Menschen vorm Fernseher als auch bei den Profis kommt sie im Großen und Ganzen gut an. Das positive Feedback lässt sie aufblühen – innerlich und äußerlich. Schlussendlich verlässt sie die Sendung als Siebtplatzierte. Und obwohl sie es nicht ins Finale geschafft hat, hat sich das Leben, in das sie zurückkehrt, verändert.
Man muss echt ein dickes Fell haben, sonst geht man daran kaputt.
Lisa Könnecke über den Umgang mit negativen Kommentaren im Netz
Mehr als drei Millionen Menschen sahen die sechste Staffel der Castingshow. Die Tragweite dieser Zahl wird Lisa Könnecke bei ihrer Rückkehr nach Deutschland bewusst. Sie wird ständig erkannt, auf der Straße zum Teil von Menschentrauben umringt und nach Autogrammen oder nach Fotos gefragt. Überwältigt fühlt sie sich durch die Aufmerksamkeit nicht. „Wahrscheinlich, weil ich noch so jung war“, schätzt sie. „Für mich war das einfach eine aufregende Zeit.“
Doch Lisa Könnecke gibt auch zu bedenken, dass die sozialen Medien im Jahr 2011 „noch kein großes Ding“ sind und es kaum Plattformen gibt, die zum Verfassen beleidigender Kommentare oder Hassnachrichten einladen. Der Diskurs spielt sich damals in einzelnen Internetforen und in deutlich kleinerem Rahmen ab. Dort habe sie aber „alles andere als nur schöne Sachen“ gelesen, berichtet Lisa Könnecke. Eigentlich sei es dabei immer um ihr Aussehen gegangen. „Man muss echt ein dickes Fell haben, sonst geht man daran kaputt“, bedauert sie.
Lisa Könnecke erobert die Laufstege
Doch ihre GNTM-Teilnahme bringt auch Lisa Könneckes Modelkarriere ins Rollen. Denn bei so manchen wichtigen Menschen in der Branche hinterlässt die Schülerin mit ihrem Auftritt Eindruck. Schon bald nach ihrer Heimkehr nimmt die renommierte Agentur „Place Models“ Kontakt mit ihr auf und bietet ihr einen Vertrag an. Lisa Könnecke ist euphorisch. Nachdem sie die zehnte Klasse des Gymnasiums abgeschlossen und die Hochschulreife damit in der Tasche hat, beginnt sie mit gerade einmal 17 Jahren, hauptberuflich zu modeln.
Die Leute sehen nur das Endprodukt: die Hochglanzbilder und die Models, die top gestylt über den Laufsteg gehen.
Lisa Könnecke über die Welt der Mode
„Es lief total gut“, erinnert sie sich. Im Gegensatz zu anderen Newcomerinnen, sogenannten „new faces“, beginnt die Reise für Lisa Könnecke nicht auf der untersten Stufe der Karriereleiter. Die Agentur will sie von Anfang an ganz oben einsetzen. Sie wird für Magazine, Werbedeals und Live-Shows gebucht. Ein Highlight ist die New York Fashion Week, bei der Lisa Könnecke an über einem Dutzend Shows mitwirkt und weltberühmte Designer wie Betsey Johnson oder Jeremy Scott repräsentiert.
Hinter der rosaroten Linse
Weil sie sein muss, wo man sie braucht, lebt Lisa Könnecke mal ein paar Monate in Paris, mal einige Monate in New York, mal wieder daheim. Doch das Modelleben ist nicht nur Glitzer und Glamour – ganz im Gegenteil. „Die Leute sehen nur das Endprodukt: die Hochglanzbilder und die Models, die top gestylt über den Laufsteg gehen“, gibt sie zu bedenken. Doch wie die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen fährt Lisa Könnecke abseits der Kameras mit der U-Bahn herum, wohnt zeitweise in einer „unschönen“ Kellerwohnung und kommt gerade so über die Runden.
Auch die Shootings sind nicht immer ein Zuckerschlecken: „Du musst zum Teil viel zu kleine Schuhe tragen und mit Sommerkleidern im Winter shooten“, berichtet die Ex-Kirchheimerin. „Einmal haben sie meine Lippen, die schon ganz blau waren, einfach rot überschminkt.“
Zurück in die Heimat
Nach rund einem Jahr in der Branche wird Lisa Könnecke langsam aber sicher bewusst, dass der Beruf sie nicht mehr erfüllt. „An Aufträgen hätte es nicht gemangelt, aber ich habe so viele Erfahrungen gemacht, die dazu geführt haben, dass mir das Modeln kein gutes Gefühl mehr gegeben hat“, so Könnecke.
Schlussendlich beschließt sie, das Modeln als Hauptberuf aufzugeben, zu den Großeltern nach Kirchheim zu ziehen und in Stuttgart ein Journalismus-Studium zu beginnen. „Journalismus war immer meine zweite große Leidenschaft“, verrät Lisa Könnecke. Heute ist die 31-Jährige Redakteurin bei der „Heilbronner Stimme“. Eine Zeit lang habe sie nebenberuflich weitergemodelt, heute seien es nur noch sehr vereinzelte Jobs, fasst sie zusammen.
Man braucht sehr viel Selbstdisziplin, um sich in dieser Branche nicht selbst zu verlieren.
Lisa Könnecke über den Beruf
Dass sie in der Modebranche nicht glücklich wurde, hat viele Gründe. Lisa Könnecke spricht von einem enormen Druck – sowohl hinsichtlich der Leistung als auch des Aussehens. „Man muss immer funktionieren und geht oft über seine Grenzen“, berichtet sie. Gleichzeitig gehört es zum Modelalltag, mit anderen Frauen verglichen zu werden, denn: „Der Kunde will sein perfektes Gesicht.“ Dass man den eigenen Wert als Model in erster Linie am Äußeren festmache, kann in Lisa Könneckes Erfahrung schnell gefährlich werden. Sie stellt klar: „Man braucht sehr viel Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen, um sich in dieser Branche nicht selbst zu verlieren.“
Plötzlich Autorin
Was genau sie erlebt hat, hat Lisa Könnecke zwischenzeitlich in einem Buch festgehalten. Den Anstoß dafür liefert ein Video, in dem sie ihre alte Sedcard – so etwas wie die Visitenkarte eines Models – aus GNTM-Zeiten zeigt. Auf TikTok erreicht der Clip über eine Millionen Aufrufe. Die Redakteurin erklärt, dass ihr diese Reichweite klargemacht habe, wie viele Menschen das Thema noch immer interessiere.
Die Idee, ihre Erlebnisse auf Papier zu bringen, ist jedoch kein neuer Impuls. Über die Jahre hält Lisa Könnecke ihre Gedanken und Erinnerungen immer wieder schriftlich fest. „Ich habe mich vorher aber nie getraut, etwas zu veröffentlichen“, gesteht sie lachend.

In „Plötzlich schön? Ehrliche Einblicke ins Modelleben.“ erzählt die Autorin nicht nur ungeschönt von ihren Erfahrungen, sondern reflektiert auch über das Erlebte und die Gesellschaft. Das Buch handelt von Druck, Selbstzweifeln, Bodyshaming, Schönheitsidealen, Erfolgen, Selbstwert und der menschlichen Psyche. Lisa Könnecke erklärt, dass sie noch immer beobachte, wie GNTM und die Modelbranche von vielen jungen Mädchen verherrlicht werde. „Ich möchte einen realistischen Einblick abseits von Social Media geben.“
Ihr Rat an junge Frauen, die das Leben in einer Welt voller Erwartungen und Ansprüche navigieren: Sich nicht verbiegen und nicht verformen lassen. Man solle sich treu bleiben, Vertrauen in sich selbst haben und die Richtung durch Gegenwind nicht aus den Augen verlieren. Sie betont: „Arbeite an deinem Selbstwert und nicht an deinem Aussehen – alles andere wird folgen. Wenn du Selbstachtung empfindest, strahlst du das aus.“
Info: „Plötzlich schön? Ehrliche Einblicke ins Modelleben." ist über die ISBN 978-3-7115-9599-7 in allen gängigen Online-Buchshops bestellbar.

