Es war die heißeste Phase des Kalten Krieges, und Kirchheim war mittendrin: In den Siebziger- und Achtzigerjahren war das MBB-Werk in Nabern als Teil der deutsch-französischen Waffenschmiede Euromissile Produktions- und Entwicklungsstandort für Raketen und Lenkflugkörper, die der Panzer- und Flugabwehr dienten. Das Geschäft mit der Abschreckung boomte. Die Angst des Westens vor dem Warschauer Pakt bescherte auch in Kirchheim und Umgebung vielen Menschen Wohlstand und satte Gehälter.
Mehr als vier Jahrzehnte später herrscht Krieg in Europa und wieder regiert die Angst vor einer ungewissen Zukunft. Auch Unternehmen in der Region überlegen plötzlich, wie sie von der Zeitenwende im Zuge des Ukraine-Kriegs profitieren könnten. Das mehr als 100 Milliarden Euro schwere Rüstungspaket der Bundesregierung macht nachdenklich und weckt Begehrlichkeiten. Gerade im Südwesten, wo die historische Zäsur in der Automobilindustrie und ein von Zöllen strangulierter Exportmarkt im Maschinenbau Existenzangst verbreiten. Doch wer nun glaubt, das lukrative Rüstungsaufträge segensgleich übers siechende Autoland hereinbrächen, der irrt. Dass ausgerechnet die IHK vor falschen Erwartungen warnt, spricht Bände.
Es mag stimmen: Der Boom am Rüstungsmarkt wird dauern. Davon profitieren werden vor allem internationale Großkonzerne, die seit jeher an den Kriegen auf dieser Welt verdienen. Der Mittelstand im Südwesten aber ist seit vielen Jahrzehnten die Herzkammer für innovative Technologien und neue Ideen, die das Land dringender braucht denn je. Vielleicht nicht auf den Schlachtfeldern dieser Welt. Aber überall dort, wo kluges Ressourcen-Management, Klimaneutralität und Energieeffizienz kommenden Generationen eine Zukunft geben können.

