Gesundheit
Der Alltag mit Schizophrenie

Vor rund einem halben Jahr hat ein 60-Jähriger im psychischen Wahn zwei Menschen in Notzingen angefahren. Sein Gesundheitszustand hat auf Social Media für Diskussionen gesorgt. 

Viele Menschen können nach den Worten des leitenden Oberarztes der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medius-Klinik Kirchheim, Siegmund Golks, ein weitestgehend normales Leben führen. Er betont jedoch, dass es sehr unterschiedliche Ausprägungen der Krankheit gibt. Symbolfoto: stock.adobe.com

Ein 60 Jahre alter Frührentner steht vor Gericht: Er soll im Mai dieses Jahres im psychischen Wahn mit seinem Auto in Notzingen absichtlich Fußgänger angefahren und ein Opfer dabei lebensgefährlich verletzt haben. Nach einem vorläufigen psychiatrischen Gutachten ist der 60-Jährige schuldunfähig, da er seit vielen Jahren an einer schweren Schizophrenie leidet und das Unrecht der Tat deshalb nicht habe einsehen können. Unter dem dazugehörigen Beitrag auf dem Instagram-Account des Teckboten sammeln sich zahlreiche Kommentare. Während die einen nicht verstehen können, wie es möglich ist, dass der an Schizophrenie Erkrankte noch einen Führerschein hatte, machen sich andere gegen eine Pauschalisierung und für die Rechte der betroffenen Menschen stark.

Weitgehend normales Leben

Dr. Siegmund Golks, leitender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medius-Klinik Kirchheim, untermauert, dass die große Mehrheit der Betroffenen ein weitgehend normales und selbstständiges Leben führen kann. Im Alltag könne es jedoch zu einem sozialen Rückzug, Schwierigkeiten bei der Organisation und der Einhaltung von Strukturen kommen. Ebenso sind Misstrauen oder ungewöhnliche Überzeugungen und Probleme im Berufsleben möglich. Manche Betroffene bräuchten eine Unterstützung im Alltag. Ein noch kleinerer Teil sei dauerhaft auf eine betreuende Einrichtung angewiesen. 

„Ganz wichtig vorwegzunehmen ist, dass es ,die Schizophrenie’ als einheitliche Erkrankung nicht gibt“, betont Siegmund Golks. Es handelt sich nach seinen Worten vielmehr um einen Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Ausprägungen. Allgemeine Aussagen seien daher immer mit Vorsicht zu genießen. Die Diagnose allein erlaube keine Rückschlüsse auf den individuellen Zustand, die Fähigkeiten oder die Verantwortlichkeit eines Menschen.

Siegmund Golks ist leitender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medius-Klinik Kirchheim. Foto: pr

Grundsätzlich ist daher auch das Autofahren möglich, sofern eine gültige Fahrerlaubnis besteht und die Fahrtauglichkeit gegeben ist, klärt der Oberarzt auf. Nicht fahrtauglich sind Betroffene während einer akuten Psychose mit Realitätsverlust oder während einer stationären Behandlung mit starken medikamentösen Nebenwirkungen wie einer ausgeprägten Sedierung. Auch die fehlende Einsicht, erkrankt zu sein und die damit verbundene mangelnden Fähigkeit riskantes Verhalten erkennen zu können, führe zur Fahruntauglichkeit. Ein automatischer Führerscheinentzug findet jedoch nicht statt. Siegmund Golks erklärt: „Wird durch einen Arzt festgestellt, dass aktuell keine Fahrtauglichkeit vorliegt, wird er seine Patientinnen und Patienten entsprechend aufklären und ein vorübergehendes Fahrverbot empfehlen.“

Öffentliche Wahrnehmung

Ein verzerrtes oder stigmatisierendes öffentliches Bild kann nach den Worten des Oberarztes gravierende Folgen haben. Falsche Vorstellungen über die Erkrankung und ihre Behandelbarkeit könnten Betroffene in den sozialen Rückzug treiben, Scham und Angst vor dem Hilfesuchen auslösen und sowohl im beruflichen wie im privaten Umfeld zu Schwierigkeiten führen. Auch die Therapiebereitschaft könne darunter leiden und die Belastung für Angehörige erhöhen.

Deshalb gilt aus seiner Sicht: ruhig, respektvoll und wertschätzend bleiben. Eine klare und eindeutige Kommunikation sei genauso wichtig. Wahninhalte sollten weder bestätigt noch diskutiert werden. „Besteht eine akute Gefahr für die Person selbst oder für andere, ist es wichtig, die Polizei zu informieren“, sagt Golks. Grundsätzlich könne jeder Mensch an Schizophrenie erkranken. Ein erhöhtes Risiko bestehe bei genetischer Vorbelastung, dauerhaftem Stress sowie bei Substanzmissbrauch – insbesondere Cannabis. Häufig trete die Erkrankung bei Männern im dritten Lebensjahrzehnt auf, bei Frauen eher im vierten. Die Therapie bestehe meist aus einer Kombination aus medikamentöser Behandlung, psychotherapeutischen Maßnahmen und soziotherapeutischen Unterstützungsangeboten.

 

So kann die Erkrankung verlaufen

Lehrbuchmäßig werden verschiedene Phasen beschrieben: In der Prodromalphase – die frühe Phase der Krankheit – treten zunächst unspezifische Symptome auf, erklärt Siegmund Golks. Dieser Zustand könne sich über mehrere Jahre erstrecken – teilweise über bis zu sieben Jahre. 

In der anschließenden Akutphase können unter anderem Wahngedanken oder Halluzinationen entstehen. In dieser Phase könne die Erkrankung auch häufig nicht mehr vor dem sozialen Umfeld verborgen werden, da es häufig zu deutlich sichtbaren Verhaltensänderungen komme. Eine stationäre Behandlung sei in diesen Fällen nicht selten erforderlich.

Siegmund Golks beschreibt: „Bei einem Teil der Betroffenen entwickelt sich im Verlauf der Erkrankung ein sogenanntes Residualsyndrom, das zu dauerhaft sozial auffälligem Verhalten, Rückzug, Antriebsminderung, Vernachlässigung der eigenen Belange oder im Extremfall sogar zum Verlust sozialer Bindungen und Obdachlosigkeit führen kann.“