Kirchheim
Diagnose MS: Alles wie immer, nur ein bisschen anders

Krankheit Die Diagnose Multiple Sklerose muss nicht immer gleich das ganze Leben verändern. Zum Welt-MS-Tag am 30. Mai berichtet unsere Autorin Sabine Ackermann von ihrer eigenen Erfahrung mit der entzündlichen Erkrankung.

Die Kontaktgruppe Amsel sorgt dafür, dass MS-Kranke in der Gemeinschaft schöne Erlebnisse haben. Bei jedem verläuft die Krankheit unterschiedlich. Foto: pr

Sie haben vermutlich MS“. Eine Diagnose, auf die jede oder jeder anders reagiert. Mein allererster Gedanke: „Scheiße, warum jetzt, wo ich doch gerade in den ersten Stock gezogen bin.“ Eher beruhigend war für mich der Anschlusssatz der Neurologin: „Eigentlich sind Sie dafür viel zu alt.“ Eine Tatsache, die man mit 60 Jahren eigentlich „noch“ nicht hören will. Das wars dann aber auch mit dem vorerst Schlimmsten. Wie kam es überhaupt dazu? Es war im August 2018, als ich in Uhingen einen Sichtungstermin zum anstehenden „24-Stunden-Hindernislauf“ hatte, der Organisator wollte mir am Filsufer die unterschiedlichen Barrieren zeigen. Schon nach dem Aufstehen hatte ich das Gefühl, dass sich meine Beine wir Pudding anfühlten, dass mein Laufstil irgendwie instabil war. Natürlich ließ ich mir nichts anmerken, bat meine Begleitung, etwas langsamer zu gehen, damit ich mitschreiben und Fotos machen konnte. Als es wenige Stufen nach unten ging, knickte mein rechtes Bein plötzlich wie ein Streichholz ein und ich landete auf dem zum Glück weichen Boden – mit Rucksack und Kamera, die ich, als hätte ich es geahnt, nach oben gehalten hatte. Nichts passiert. Meine Begleitung war total erschrocken, half mir auf und konnte es gar nicht einordnen, warum ich gefallen war. Wir setzten unseren Weg fort, ich schrieb danach den Artikel, und meldete mich am nächsten Tag bei meiner Neurologin, bei der ich auch wegen Migräne in Behandlung war. Blutabnahme, Lumbalpunktion (Nervenwasserprobe aus dem Rückenmarkskanal), Kernspin. Die gute Nachricht: Das Nervenwasser war klar und nicht trüb, die schlechte – es wurden im Gehirn Entzündungsherde festgestellt. Da sich der Verdacht auf Borreliose nicht bestätigte, war sich die Ärztin sicher, dass es doch Multiple Sklerose ist. Kurz darauf bekam ich zum ersten Mal eine Einheit von 1000 Milliliter Cortison, das den Entzündungsprozess hemmen sollte.

Teilnahme an einer Studie

Ohne Nebenwirkungen gut vertragen, folgte etwa ein Jahr später eine zweite Infusion, da sich beim Fernsehschauen urplötzlich Doppelbilder bemerkbar machten. Ganz ehrlich, da geriet ich das erste Mal leicht in Panik – aber auch das ging gut aus. Mittlerweile den Neurologen gewechselt, schlug mir dieser vor, an einer Studie beim RKI in Ulm teilzunehmen, die ich knapp zwei Jahre lang regelmäßig durchzog. Da musste ich ein digitales Tagebuch führen und mich an gewisse Regeln halten. Das Gute daran: Ich wurde von Kopf bis Fuß gründlich durchgecheckt. EKG, EEG, Blutdruck und stetige Kontrolle der Blutwerte und Sensibilität – bis dato soweit alles okay. Das Einzige was meinen Mitmenschen – und auch mir – auffällt, ist, dass ich mal mehr oder weniger eine etwas unsichere Gangart an den Tag lege und seit etwa einem Jahr immer öfter energie- und antriebslos bin. Fatigue – ein häufiger Begleiter der MS. Ansonsten ist alles wie immer, nur ein bisschen anders.

Nun gehöre ich aber auch zu den Menschen, die nicht jammern und dazu neigen, Unangenehmes einfach zu ignorieren. Natürlich weiß ich, dass ich bis dato Glück hatte, weil ich keine Schmerzen habe und die Medikamente ganz gut vertrage. Ich gehe zweimal im Jahr zum Neurologen, jede Woche zum Sport und war vier Jahre bei der Physiotherapie – das war‘s. Was mich ablenkt, ist mein Job, den ich absolut gerne ausübe. Weil ich fast über alles schreiben darf und dabei unfassbar viele tolle menschliche Begegnungen hatte. Wenn es so noch 20 Jahre weitergeht, habe ich doch richtig Glück gehabt.

 

Zahlen und Fakten

Betroffene: Auf Basis der Analyse von Krankenkassendaten konnten epidemiologische Studien zeigen, dass in Deutschland, (Stand Dezember 2022), zwischen 200.000 und 250.000 Menschen an MS erkrankt sind. Weltweit sind aktuell etwa 2,8 Millionen Menschen von MS betroffen (Stand 2020). In allen Regionen der Welt wurde seit 2013 eine Zunahme von insgesamt 0,5 Millionen der MS-Patienten verzeichnet.
Diagnosen: Hierzulande werden jährlich um die 15.000 Menschen mit MS neu diagnostiziert, zunehmend mehr Frauen als Männer, die meisten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Auffällig ist der deutlich höhere Anteil von Frauen bei der schubförmigen MS (RRMS) – das Verhältnis Frauen zu Männern beträgt inzwischen 3:1 (Dt. MS-Register, 2020). ack